Handelskammer Hamburg 2005

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Hamburger Morgensprache

Tradition trifft Moderne

Über vier Jahrhunderte ist es her, da feierten Hamburger Händler im Londoner Stalhof zum letzten Mal ein großes Festmahl. Unter dem Namen „Hamburger Morgensprache“ wurde der alte Kaufmannsbrauch aus den Anfängen der Hansezeit mit seinen Insignien und festen Regeln jetzt in der Handelskammer als Forum der politischen Begegnung im Hanseraum und als Standortwerbung wieder zum Leben erweckt.

Der Zeremonienmeister stampft dreimal mit seinem Stab auf und gibt die Ergebnisse der Wahl bekannt. Er händigt dem neuen Ältermann den Schlüssel des Stalhofs aus. Dessen Vorgänger hängt ihm die Silbermedaille um den Hals und übergibt ihm das Zepter. Der Stab schlägt wieder dreimal auf das Parkett des Saals nieder. Die Gäste werden vom Zeremonienmeister aufgefordert, sich zu erheben. Er schlägt das Statutenbuch vor dem neuen Älter-mann auf, der daraus seinen Amtseid abliest. Die Mitglieder des Kontorvorstandes, alle in rote Ornate gewandet, nehmen ihre schwarzen Barette ab.

Diese stille, rund 15 Minuten lange Zeremonie, minutiös von Hamburger Unternehmern nachvollzogen, war ein Höhepunkt der neuen „Hamburger Morgensprache“ und den Anfängen der Hanse entlehnt: Auf diese Weise hatte der Zwölferrat der Hamburger Kaufleute im Londoner Stalhof vom 13. bis 16. Jahrhundert während seiner regelmäßigen Zusammenkünfte („Morgensprachen“) seinen Vorsitzenden gewählt. Mit der „Hamburger Morgensprache“, so Präses Dr. Karl-Joachim Dreyer, wolle die Handelskammer an die Tradition der Hansestadt und die erste Selbstverwaltung der Hamburger Wirtschaft im Londoner Stalhof erinnern und anknüpfen. Der englische König Heinrich III. hatte 1266 Hamburger Kaufleuten das Recht verliehen, sich zu organisieren. In der entsprechenden Urkunde taucht erstmals das Wort „Hanse“ als Schutzgemeinschaft von Kaufleuten auf.

Präses Dreyer nahm als Mitglied des heutigen Kontorvorstandes selbst an der historischen Zeremonie teil, dessen Ablauf akribisch in einem Statutenbuch beschrieben wird, das in seinem ältesten Original von 1457 in der Commerzbibliothek erhalten ist. Der Zwölferrat, dem unter anderem das vollständige Präsidium der Handelskammer angehört, wählte aus seiner Mitte Altpräses Nikolaus W. Schües zu seinem ersten Vorsitzenden. Er sagte in
seiner „Regierungserklärung“ vor 150 Gästen in der Versicherungsbörse: „Der größte Schatz, den wir von unseren Vorvätern überliefert haben, ist unser unverbrüchliches Bekenntnis zur Freiheit des Geistes, der Chancen und des Handels.“ Das sei das Credo des Hamburger Kaufmanns seit alters her, dies habe die Hansestadt groß und stark gemacht, und diese Verpflichtung solle auch das Motto der wiedergeborenen Hamburger Morgensprache sein.

Neben der Besinnung auf das hansische Erbe werde mit der Morgensprache auch der Blick nach vorne gerichtet, so Präses Dreyer. Damit meint er Hamburgs enge und wachsende Beziehungen zum Nord- und Ostseeraum sowie nach Übersee. „Wir wollen eine jährlich stattfindende Veranstaltung etablieren, die als Kommunikationsplattform den genauso geschichtsträchtigen wie zukunftsorientierten Wirtschaftsstandort Hamburg international positioniert und als Forum gerade für ausländische Gäste gedacht ist.“ Ehrengast der ersten Veranstaltung war der Lord Mayor (Erster Bürgermeister) der City of London, Michael Savory. Er widmete sich dem Thema „Europa“, während Klaus von Dohnanyi und Ole von Beust eine Atlantik- bzw. Hamburg-Rede hielten. Der Erste Bürgermeister betonte, die Tradition der Hanse dürfe nicht selbstzufrieden machen, sondern Hamburg müsse die Chancen nutzen, die sich aus seiner Geschichte ergäben. Ein großer Fehler sei es in jedem Fall, die Hamburger zu unterschätzen, betonte der Kölner Kabarettist Horst Schroth bei seinem satirischen Städtevergleich: „Die haben Pfeffer im Sack und wenn sie scharf werden, kommen sie so richtig in Wallung!“

Durch den festlichen Teil des Abends führte als „Narr“ – auch dies eine historische Anleihe der Morgensprachen – Ex-Tagesschausprecher Wilhelm Wieben. Er kündigte einen Überraschungsgast an, der in einem verhüllten Käfig den Gästen zunächst nur sein Konterfei präsentierte – und sich nach einem kleinen Ratespiel als „Klaus-Udo Störteberg“ alias Udo Lindenberg entpuppte. Mit den Spieleinsätzen bei dieser „Piratenwette“ und den bei der Veranstaltung gesammelten Spenden von insgesamt 12 000 Euro wird ein Projekt des Museums für Hamburgische Geschichte unterstützt – auch eine Institution, die sich den Wurzeln unserer Stadt besonders verpflichtet fühlt.

Jörn Arfs
joern.arfs@hk24.de
Telefon 36 13 8 301
hamburger wirtschaft, Ausgabe Juli 2005