Handelskammer Hamburg 2005

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Kreativität

Zeit zum Brüten

Ohne gute Ideen seiner Mitarbeiter kommt kein Unternehmen aus – trotzdem tun sich viele Firmen schwer damit, optimale Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich Kreativität entfalten kann.

In der Theorie klingt es ganz einfach: Wer die Kreativität in seinem Unternehmen fördern will, muss nur bestimmte Hemmschuhe beseitigen, etwa zu vage Zielvorstellungen oder mangelndes Zutrauen gegenüber den Mitarbeitern. Hat man erst einmal die nötigen Voraussetzungen geschaffen, sprudeln die geistreichen und gewinnbringenden Ideen und die Umsetzung ist ein Selbstgänger.

In der Praxis aber scheitern viele gute Vorsätze an der Umsetzung. Den Grund sieht Diplom-Psychologin Angelika von Aufsess vor allem darin, dass Unternehmen nicht verstehen, dass sie kreative Prozesse nicht mit herkömmlichen Projektplänen erfassen können: „Gerade das absolute ‚Muss’ des Kreativitätsprozesses wird häufig vernachlässigt“, erklärt die Unternehmensberaterin. „Ohne die Phase der Inkubation – das ‚Brüten auf dem Thema’ – können Mitarbeiter nicht dauerhaft kreativ sein. In den meisten Unternehmen ist hierfür kein Raum vorgesehen.“

Ein Defizit, das sich Oleg von Cube nicht leisten könnte. Seine Firma, die Case-Manufaktur don’t panic GmbH, baut maßgefertigte Spezialkoffer, beispielsweise für das Personal von Lufthansa Technik, und ist ständig mit kniffligen Herausforderungen konfrontiert. Von Cube sieht den Schlüssel zu kreativen Lösungen vor allem im Betriebsklima. So könne durch flache Hierarchien und die Bildung von Arbeitsgruppen verhindert werden, dass Mitarbeiter „Claims“ abstecken. „Das Betriebsklima sollte auch das Verständnis und den Respekt vor verschiedenen Denkstilen der Mitarbeiter fördern“, sagt von Cube. „Dies muss auch von der Geschäftsführung in aller Deutlichkeit kommuniziert werden.“

„Die Kreativität im Unternehmen zu fördern ist ein ständiger Balanceakt zwischen Steuerung und Loslassen, der täglich hinterfragt werden muss“ meint der Geschäftsführer der Nanosolutions GmbH, Stephan Haubold. „Überbordende Kontrolle und die ständige Abfrage von kleinsten Meilensteinen verhindern den Blick über den Tellerrand.“ Sowohl die Mitarbeiter als auch der Vorgesetzte müssen dabei den richtigen Umgang miteinander lernen und ständig neu austarieren. Der Vorgesetzte muss lernen, einen gesunden Abstand zu halten und zu akzeptieren, dass das Ergebnis in der Regel anders ausfällt als erwartet. Der kreative Mitarbeiter muss demgegenüber bereit sein, die Informationen zu hinterfragen, auf denen seine Einfälle basieren; er muss seine Grenzen in Bezug auf das notwendige Fachwissen richtig einschätzen.

„Andererseits ist es zwingend notwendig, dass der Unternehmer das Ziel vorgibt“, fügt Haubold hinzu. Vor einer ziellosen Förderung von Kreativität um ihrer selbst willen warnt auch Michael Kretschmar, geschäftsführender Gesellschafter der Maschinenbaufirma Manfred Schwab KG, die sich mit pneumatischen Zangen einen Namen gemacht hat und nun mit dem Baukasten-Spiel „Mc Touch“ neue Geschäftsfelder erschließt: „Aus Unternehmersicht gibt es sowohl positive als auch negative Kreativität. Nur wenn die Leitung eines Unternehmens klar kommuniziert, welche Absatzmärkte denkbar sind, kann die Kreativität im Unternehmen gebündelt werden.“ Die andere Seite der Medaille: Wenn völlig neue Geschäftsfelder erschlossen werden sollen – wie dies bei „Mc Touch“ der Fall war – muss oft das Beharrungsvermögen vieler Mitarbeiter überwunden werden. Während die Klein-Unternehmen dont’t panic und Nanosolutions von ihren kreativen Einfällen leben, machen für den Markenartikel-Konzern Unilever (u.a. Iglo, Sunil, Karl Lagerfeld) mit seinen rund 2 000 Mitarbeitern neue Produktideen nur einen Teil der Geschäftstätigkeit aus. „Hier ist von besonderer Bedeutung, wie Einfälle gefiltert werden und wie sie in die normalen Prozesse des Unternehmens gelangen“, erklärt Michael Warburg, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung. „Die Phasen müssen dabei personell unterschiedlich bestückt sein, um Erfolge erzielen zu können.“ Das heißt: Die Kreativ-Abteilungen sollten produktübergreifend zusammengesetzt sein – so kann die zündende Lösung für ein Problem, das den Kosmetikbereich umtreibt, durchaus aus der Lebensmittelsparte kommen. Erst wenn es an die Umsetzung neuer Ideen geht, schlägt die Stunde der Produkt-Spezialisten. Statt der produktbezogenen tritt dann die funktionale Vielfalt in den Vordergrund; so sollten in der Umsetzungsphase Mitarbeiter aus Forschung & Entwicklung, Marketing und Controlling eng zusammenarbeiten.

Gudrun Littmann
gudrun.littmann@hk24.de
Telefon 36 13 8 281

Veranstaltungen

Über den praktischen Umgang mit Kreativität in Unternehmen mit unterschiedlichen Hintergründen informieren wir am 7. Juni in unserer Veranstaltung „Kreativität in Ihrem Unternehmen“.
Anmeldungen bei Gudrun Littmann, Tel. 36 13 8 281, Fax 36 13 8 270, gudrun.littmann@hk24.de.
Die Teilnahme kostet 75 Euro.

hamburger wirtschaft, Ausgabe Mai 2005