Handelskammer Hamburg 2005

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Wirtschaftspolitik

Wozu brauchen wir eine Kapitalismus-Debatte?

Die "Kapitalismus-Debatte" löste SPD-Chef Franz Müntefering Anfang Mai aus: Er kritisierte, dass die wachsende Macht des Kapitals die Demokratie gefährde und warf Investoren vor, wie "Heuschrecken" über Unternehmen herzufallen, sie abzugrasen und danach weiter zu ziehen. Auch Gerhard Schröder und die Gewerkschaften beklagten die mangelnde moralische Verantwortung der Unternehmen. Manager und Arbeitgeberverbände protestierten dagegen. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagte, dass es falsch sei, zu behaupten, die Wirtschaft stelle ständig neue Forderungen, ohne selbst eine Gegenleistung zu erbringen.

"Aus christlicher Sicht ist immer wieder die Frage zu stellen, ob eine Struktur oder eine Entscheidung dem Menschen dient, dem einzelnen wie der Gemeinschaft. Auch vor diesem Hintergrund wurde in unserem Grundgesetz das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft festgehalten: ‚Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.' Daran muss immer wieder erinnert werden, so wie es die Kirchen 1997 in ihrem gemeinsamen ‚Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland' getan haben."
Landespastorin Annegrethe Stoltenberg (55), Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Hamburg

"Die Politik muss der Versuchung widerstehen, den Menschen mit einfachen Erklärungsmustern neue Illusionen einzureden. Wir brauchen mehr mutige Reformen für morgen statt falscher Weltbilder von gestern. Wir sollten daher schnellstmöglich zum Wettstreit um die besten Reformkonzepte zurückkehren. Die Wirtschaftsjunioren engagieren sich mit dem Ziel, unternehmerische Tätigkeit in sozialer Verantwortung auszuüben. Unter dem Motto ‚Handeln für Hamburg' versuchen wir, solche Konzepte zu kreieren und umzusetzen."
Gesa Birnkraut (33), 1. Sprecherin der Wirtschaftsjunioren Hamburg, Geschäftsführerin von BIRNKRAUT|PARTNER

"Die Frage ist falsch gestellt. Es geht eher um das ‚Ob' als das ‚Wozu'. Durch die Kapitalismusdebatte werden nur ausländische Investoren verschreckt. Sie ist schlicht kontraproduktiv. Stattdessen sollten wir lieber eine Diskussion über die Stärken Deutschlands entfachen. Dazu gehören die Innovationskraft deutscher Unternehmen, die Leistungsbereitschaft und Ausbildung der Arbeitnehmer und unsere hervorragenden Produkte."
Gottfried Neuhaus (56), Geschäftsführender Gesellschafter der Neuhaus Techno Nord GmbH

"Die Frage ist, wie Wirtschaftspolitik in Deutschland künftig ausgerichtet werden muss. Die Champions sitzen hierzulande im mittelständisch geprägten Maschinen- und Anlagenbau. Wir bei REpower könnten in diesem Jahr mehr Umsatz machen, mehr Arbeitsplätze schaffen, erhalten aber nicht die notwendigen Betriebsmittelkredite. So geht es vielen Unternehmen. Der Mittelstand muss unabhängiger von Strategien und Geschäftslagen der Kreditinstitute werden. Es ist Zeit für ein strategisches Bündnis der Politik mit dem Mittelstand für Beschäftigung, Innovation und den Standort Deutschland."
Fritz Vahrenholt (56), Vorstandsvorsitzender REpower Systems AG

"Die Kapitalismusdebatte brauchen wir in dieser Form nicht; sie zerstört die gemeinsame Leistungsbereitschaft. Eine ernsthafte Debatte über die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft müsste man führen. Voraussetzung ist, dass sich die Vertreter der gesellschaftlich relevanten Schichten über die Maßnahmen für einen nachhaltigen Erfolg unseres Landes austauschen, sie gemeinsam vertreten und im eigenen Verantwortungsbereich vorleben. So lange kurzfristige Medienpräsenz mit nachhaltigem Erfolg verwechselt wird, bleibt diese Vorstellung wohl ein dauerhafter Wunsch!"
Egbert Diehl (63), Vorsitzender der Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e.V.

"Für mich ist das ein reines Wahlkampfthema, das keine tiefgreifenden Änderungen in der politischen und wirtschaftlichen Landschaft hinterlassen wird. Ich bin überzeugt, dass die Kapitalismus-Debatte das gute Verhältnis zwischen amerikanischen und deutschen Unternehmen nicht beschädigen wird - obwohl sie in den USA schon hohe Wellen geschlagen hat. Der Standort Deutschland hat viele Vorteile für Investoren, vor allem die Menschen. Es gibt hier hohe Ausbildungsstandards und eine intakte Infrastruktur. Aber: Die Unternehmen müssen mehr aufklären, und die Menschen besser über ihre Ziele und Strategien informieren."
Fred B. Irwin (63), Präsident der amerikanischen Handelskammer in Deutschland

hamburger wirtschaft, Ausgabe Juni 2005