Handelskammer Hamburg 2005

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Infrastruktur

Sind die Brandschutzvorschriften praxisgerecht?

Als zu streng und investitionshemmend betrachten 39 Prozent unserer Mitglieder die Brandschutzvorschriften in der Hamburgischen Bauordnung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage unter den 495 Unternehmern, die sich ehrenamtlich in ihrer Handelskammer engagieren. Im Rahmen der für 2006 angestrebten Neufassung der Hamburgischen Bauordnung plant der Senat, die mit den anderen Bundesländern vereinbarte Musterbauordnung weitgehend zu übernehmen. Inwieweit die derzeit strengen Auflagen der Hamburger Feuerwehr bei Genehmigungsverfahren sachgerecht angepasst werden, steht noch nicht fest. Ziel der Reform ist es, Genehmigungsverfahren zu erleichtern und den Bürgern mehr Service zu bieten.

"Die Hamburger Bauordnung setzt die klassischen Gebäudetypen voraus (durchlaufende Treppenhäuser über alle Geschosse, keine Staffelgeschossnutzung über mehrere Gebäudeabschnitte und keine Sondernutzung im Erdgeschoss). Für die vorgenannten Sondergebäudetypen sollte der Brandschutz praxisgerecht in die HBauO einfließen. Detailprobleme sind nicht praxisnah dargestellt, viele Standardprobleme müssen im Einzelfall geklärt werden."
Bettina Hogrebe (34), Dipl.-Ingenieurin im Technischen Büro Otto Wulff Bauunternehmung GmbH & Co. KG

"Als Architekten erleben wir immer wieder, dass projektspezifische Probleme in den Brandschutzbestimmungen nicht erfasst sind. Darüber hinaus fehlt ein zusammenfassendes, übergeordnetes Regelwerk, auf das man sich berufen kann. Wir sind gezwungen, die unterschiedlichen Vorschriften in Gesprächen mit den Behörden zu interpretieren und abzuwägen. Insofern sind die Brandschutzvorschriften als nicht praxisgerecht zu bezeichnen."
Henning Ancker (46), Teilhaber im Büro Streb + Partner Architekten

"Die Feuerwehr und das Bauamt widersprechen sich häufig. Ein Beispiel: Die Bauordnung schreibt einen zweiten Fluchtweg vor, aber nicht, wo sich dieser befinden soll. Das Bauamt erlaubt ihn aber nur gegenüber. Es müsste jemanden geben, der beide Ansichten vereinen kann. Zudem stört mich, dass beim Gewerbebau zu viele Vorschriften hinzukommen. Beim privaten Wohnungsbau wiederum wäre der Brandschutz wesentlich wichtiger. Hier wäre es dringend zu empfehlen, dass jede Wohnung mit Rauchmeldern ausgestattet wird."
Manfred Georg Vogler (63), Geschäftsführer VALVO Immobilien M. Vogler e. K.

"Ich halte sie für praxisnah, aber auch für ein wenig überzogen. Es kommt immer wieder die Frage: ‚Was ist, wenn etwas passiert?' Als wir hier eine neue Halle gebaut haben, mussten wir sie mit Sprinkleranlagen, Rauchmeldern etc. ausrüsten. Und das Projekt lief nicht reibungslos und ohne Diskussionen ab, auch wenn wir uns letztlich geeinigt haben. In anderen Bundesländern sieht man das nicht in der Ausprägung. Falls die angedachten Neuerungen der Brandschutzvorschriften eine Lockerung nach sich ziehen, halte ich das für sinnvoll."
Roberto Pöhl (48), Brandschutzbeauftragter Gebrüder Heinemann KG

"Ich halte die jetzige Fassung für praxisgerecht. Allerdings stellen sich bei der Auslegung einige Fragen: Bei feuerbeständigen Flurwänden gibt es zum Beispiel keine Regelungen für den Einbau von Ganzglastüren, wohl aber für Glasbauelemente und Oberlichter. Da fragt man sich schon, warum hier unterschieden wird. Die neue Auslegung halte ich besonders dann für sinnvoll, wenn die Brandschutzverordnung und die Arbeitsstättenverordnung miteinander verbunden und harmonisiert werden."
Armin Carsten Adelmann (35), Architekt bei der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank AG

"Wir haben die jetzigen Brandschutzvorschriften seit über zehn Jahren praktiziert und umgesetzt. Sie sind sicherlich sachgerecht und haben sich bewährt. Allerdings haben sich die Baubranche und die Europäische Union verändert. Mit der Neufassung stellen wir uns auf diese Veränderungen ein. Sie bringt einige Erleichterungen mit sich, zum Beispiel die Lockerung einiger Vorschriften. Und sie ermöglicht uns die Anwendung europäischer Normen."
Werner Thon (52), Leitender Branddirektor der Hamburger Feuerwehr

hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2005