Handelskammer Hamburg 2005

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Innovation & Umwelt

Sollte die Laufzeit der Atomkraftwerke in Deutschland verlängert werden?

Bis 2024 gehen in Norddeutschland sieben Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 8000 Megawatt vom Netz. Wie diese Versorgungslücke geschlossen werden kann, hat die IHK-Nord in ihrem Papier "Energie für Norddeutschland" dargelegt. Darin fordert sie einen Energiemix aus regenerativen und konventionellen Quellen - inklusive der Nuklearenergie. Die Restlaufzeit der deutschen Kernkraftwerke soll verlängert werden, dafür müssten ihre Betreiber mit der Bundesregierung einen neuen Konsens schließen.

"Ein Energiemix mit Atomkraft ist nicht zukunftsfähig. Die alternden Reaktoren erhöhen das Sicherheitsrisiko und die Atommüllberge. Der vermeintlich billige Atomstrom subventioniert sich durch Abwälzen der Kosten auf die Allgemeinheit. Im liberalisierten Markt garantiert Atomenergie keine Preissenkungen, der Börsenkurs bestimmt die Strompreise. Ein ökonomisch und ökologisch sinnvoller Strommix basiert auf einem stetig steigenden Anteil erneuerbarer Energien, kombiniert mit Innovationen im Management der verschiedenen Erzeugungsarten."
Robert Werner (37), Vorstand Greenpeace energy eG

"Ein intelligenter Energiemix sichert langfristig eine zuverlässige und bedarfsgerechte Versorgung aller Menschen. Spezifische Gegebenheiten vor Ort müssen einbezogen werden, um die passendste Energielösung optimal zu nutzen für einen ausgewogenen Einsatz der vorhandenen Ressourcen. Erneuerbare Energien verstärken die dezentrale Energiegewinnung und leisten so einen immer stärkeren Beitrag, auch künftig weltweit eine zuverlässige Energieversorgung zu gewährleisten."
Gerwin Dreesmann (40), Dipl.-Kaufmann und Geschäftsführer der Sun Technics Solartechnik GmbH

"Bei der derzeitigen und bevorstehend zunehmenden Knappheit von Strom ist jede Angebotsausweitung wichtig. Von einer Laufzeitverlängerung würden die vier großen deutschen Energiekonzerne profitieren, die bei der Begrenzung erhebliche politische Gegenleistungen ausgehandelt haben. Also sollten in einem Laufzeitverlängerungsgesetz auch die üppigen Entgelte für die Monopol-Netze schärfer reguliert werden."
Andreas Grigoleit (47), Rechtsanwalt und Geschäftsführender Gesellschafter der HH-EL Energie Hanse GmbH

"Der Standort Deutschland wird nicht durch Aufweichung von ökologischen Standards gerettet. Uns kann nur eine intensive Entwicklung von Technologien voranbringen, die langfristig alle Ressourcen optimal ausnutzt. Diese gedeiht nicht in einem Klima, das billige und schmutzige Energie fördert. Hier ist der gleiche Schlag Manager am Werke, der sich vor kurzem gegen Rußfilter sowie Elektro-Antriebe in Pkw entschieden hat. Deutsche sind von französischen und japanischen Produkten auf die hinteren Plätze verwiesen worden. "Billig" ist die Atomenergie zudem nur mit extremen Subventionen aus unseren Steuergeldern."
Michael Franck (51), Gesellschafter der Radwerk GmbH

"Der Strom wird nicht günstiger für die Verbraucher, wenn die Atomkraftwerke länger laufen. Vier Stromkonzerne (der Markt) bestimmen den Strompreis. Es gibt mehr Atommüll (keine Endlager vorhanden) und gegebenenfalls mehr Störfälle. Eine höhere Laufzeit verringert den Neubau von modernen Gaskraftwerken. Die großen off-shore Windparks in der Nordsee werden nicht angeschlossen, weil Atomkraftwerke mit 30jähriger Betriebszeit weiterhin am Netz sind. Es entstehen keine Vorteile für Firmen und Bevölkerung durch eine längere Laufzeit."
Jens Peters (54), Dipl. Ing. Elektrotechnik und Geschäftsführer der P&T Technik International GmbH

"Der Ausstieg aus der Kernenergie kommt klimapolitisch, geopolitisch und wirtschaftspolitisch zu früh. Es ist ein politischer Selbstgänger, dass es zu einer Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke kommen wird. Wir brauchen diese Verlängerung, um Zeit zu kaufen, für eine notwendige Umstellung unseres Kraftwerksparks auf mehr heimische, CO2- freie Energieträger, namentlich off-shore Windenergie und CO2-freie Kohlekraftwerke."
Fritz Vahrenholt (56), Vorstandsvorsitzender der REpower Systems AG

hamburger wirtschaft, Ausgabe September 2005