Handelskammer Hamburg 2005

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Wirtschaftspolitik

Welche Auswirkungen erwarten Sie von der Mehrwertsteuererhöhung?

Der Mehrwertsteuer-Regelsatz soll zum 1. Januar 2007 von 16 auf 19 Prozent erhöht werden. Darauf einigten sich im November die Koalitionsparteien. Im Gegenzug sollen die Lohnzusatzkosten um einen Prozentpunkt gesenkt und die Staatsverschuldung abgebaut werden.

"Es wird sich gar nichts ändern, denke ich. Wie bei der letzten Erhöhung wird es vermutlich eine kurze Phase der Vorsicht geben, in der die Gäste das Ganze beäugen. Wir haben natürlich betuchtere Gäste, aber auf der anderen Seite muss man sehen, dass die genauso kostenbewusst sind, wenn sie geschäftlich unterwegs sind. Die konkreten Planungen mit der Mehrwertsteuererhöhung werden bei uns erst gegen Mai oder Juni 2006 losgehen."
Tim Hansen (40), Wirtschaftsdirektor Hotel Vierjahreszeiten

"Ich vermute, dass eine Menge Preise ansteigen werden. Wenn ich an die letzte Erhöhung von 15 auf 16 Prozent nachdenke, dann wird es vermutlich besonders für Dienstleistungsunternehmen wie uns Konsequenzen haben, da wir mit selbstständigen Frachtführern zusammenarbeiten. Da werden wir uns die Frage stellen müssen, wie diese Erhöhung aufgefangen werden kann."
Peter Meyer (47), Geschäftsführer Cityexpress Logistik GmbH

"Die Erhöhung ist unglücklich und kann zu weiterem Druck auf den Handel führen - zumal sich die Diskussion um Preissteigerungen nach der Euro-Einführung gerade normalisiert und die Kunden Vertrauen fassen. Soll die Erhöhung nicht zu Lasten des Ertrags gehen, werden wohl nicht alle Preise für Standardprodukte gehalten werden können. Der Handel wird die Erhöhung in Teilen an den Kunden weitergeben und eventuell neue Eckpreislagen definieren müssen."
Andreas Zoch (40), regionaler Franchise-Partner "Timberland"

"Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer wird von Mittelständlern überwiegend skeptisch gesehen. Dies ergab eine Umfrage unseres Instituts unter 532 mittelständischen Unternehmen aller Branchen im norddeutschen Raum im Juni. Demnach lehnen 54 Prozent eine Erhöhung der Mehrwertsteuer kategorisch ab. Diese Unternehmen sehen ihr Preisniveau gefährdet und befürchten erhebliche Umsatzeinbußen."
Hartmut Grünheid (54), Geschäftsführer des Hanseatischen Instituts zur Förderung des Mittelstandes

"Die geplante Erhöhung wäre angesichts der desolaten Lage des Konsums ein Knock-out für die Binnenkonjunktur. Zu erwarten ist, dass der private Verbrauch ab 2007 um fast 25 Milliarden Euro geschwächt wird. Ein kleiner, aber wirklich kleiner Trost - es wird im zweiten Halbjahr 2006 in Anbetracht zu erwartender höherer Preise vorgezogene Käufe geben. Das kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Mehrwertsteuererhöhung konjunkturpolitisch ein völlig falscher Schritt sein wird. Erfahrungen zeigen, dass der Einzelhandel vor allem aufgrund des Preiswettbewerbs mindestens 18 Monate braucht, um eine Mehrwertsteuererhöhung gänzlich an den Endverbraucher weitergeben zu können. Somit sind nicht unerhebliche Renditeeinbußen mit Geschäftsaufgaben und Verlusten von Arbeitsplätzen vorhersehbar."
Ulf Kalkmann (56), Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Hamburg

"Eine Mehrwertsteuererhöhung, die über die Preise an die Verbraucher weitergegeben wird, trifft diejenigen besonders, die ihr Geld verkonsumieren und schon jetzt durch viele Zusatzkosten belastet werden. Um diese Menschen zu entlasten, muss der monatliche Eck-Regelsatz von 345 Euro wieder an den tatsächlichen Bedarf des Lebensunterhalts gekoppelt werden und angehoben werden."
Stephan Nagel (45), Referent im Fachbereich Migration und Existenzsicherung, Diakonisches Werk Hamburg

hamburger wirtschaft, Ausgabe Dezember 2005