Handelskammer Hamburg 2006

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Fleetviertel

Ein Quartier als Scharnier

Mit der Entwicklung der HafenCity soll die Stadt wieder direkt an die Elbe heranrücken. Voraussetzung: Der zwischen City und HafenCity gelegene Teil der Hamburger Innenstadt muss aufgewertet und Bindeglied zwischen beiden Quartieren werden. Unser neues Vor Ort-Papier zeigt auf, wie das „Fleetviertel“ seine alte Bedeutung wiedererlangen kann.

Jahrzehnte lang führte das zwischen City und Speicherstadt gelegene Quartier der Hamburger Innenstadt eine Art Dornröschenschlaf. Einzig die Häuserblocks um den Burchardplatz herum – mit den dominierenden Gebäuden Chilehaus und Sprinkenhof – sind zumindest in Hamburg als „Kontorhausviertel“ bekannt. Das Quartier ist durch Büronutzungen geprägt und nur in geringem Maße bewohnt, insbesondere nach Büroschluss wirkt es verlassen und öde.

Dabei hat das Viertel ein großes Entwicklungspotenzial: Die städtebauliche Struktur ist hervorragend, die Architektur zahlreicher Bauten im Kontorhausviertel oder etwa in der Deichstraße sogar herausragend bzw. historisch bedeutend. Zudem beherbergt das Quartier insgesamt 3800 Hamburger Unternehmen – wie zum Beispiel den Bauer-Verlag, den SPIEGEL-Verlag, die Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft KG oder die Allianz AG. Trotz der positiven Eigenschaften als Unternehmensstandort hat sich jedoch ein eigenständiges und unverwechselbares Profil bis jetzt nicht herausgebildet. Deshalb schlägt unsere Handelskammer mit dem „Fleetviertel“ auch einen neuen Quartiersnamen vor. Denn hier, zwischen zahlreichen Fleeten, lebten zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch gut 50000 Menschen. Heute ist das Fleetviertel ein entwohntes Quartier, das – insbesondere an Wochenenden und in den Abendstunden – wenig Anlass zum Verweilen bietet.

Dynamisch sind dagegen die Entwicklungen der nördlich und südlich gelegenen Quartiere: Mit dem größten innerstädtischen Entwicklungsprojekt in Europa, der HafenCity, wird ein neuer Stadtteil geschaffen, der Hamburg wieder an die Elbe heranführt. Und auch in der City tut sich eine Menge: In den letzten fünf Jahren ist mehr als ein Drittel der Verkaufsflächen umfassend modernisiert worden. Mit der Neugestaltung von Jungfernstieg (Einweihung Mai 2006) und Neuem Wall (Fertigstellung Sommer 2006) sowie der neuen Europapassage (Eröffnung Oktober 2006) stehen bedeutende Projekte, die die Attraktivität der Innenstadt weiter steigern werden, unmittelbar vor der Vollendung.

Um bei dem Um- bzw. Aufbruch beider Quartiere die möglichen Synergien für die gesamte Stadt freizusetzen, muss ein bruchfreier Übergang von der City zur HafenCity geschaffen werden. Dieses Bindeglied kann allein schon wegen seiner geographischen Lage nur das Fleetviertel sein. Mit seinen großstädtischen, öffentlichen Räumen und bedeutenden Verbindungsachsen könnte es die wichtige Funktion eines Scharniers zwischen City und HafenCity übernehmen und so eine möglichst enge Verknüpfung beider Viertel schaffen. In unserem Vor Ort-Papier formulieren wir das Ziel, das Fleetviertel als lebendigen Teil der Innenstadt mit hoher Lebens- und Aufenthaltsqualität zu entwickeln. Wobei das Quartier – bedingt durch seine Baustruktur – immer einen anderen Charakter haben wird als die HafenCity und die Innenstadt.

Entscheidend für die Revitalisierung des Fleetviertels sind fünf Schlüsselprojekte, die entschlossen in Angriff genommen werden müssen. Diese sind

1. Die Aufstockung der Bürogebäude mit Wohnungen und der Neubau von Wohngebäuden, um Platz für 5000 neue Bewohner zu schaffen.
2. Die Umgestaltung der öffentlichen Plätze, um vor allem mehr Lebensqualität in das Fleetviertel zu bringen; dies könnte zum Beispiel durch die Einrichtung eines überdachten Mode- und Antiquitätenmarktes auf dem Burchardplatz gelingen. Durch die Realisierung des Kunstprojektes „Downtown Hamburg – Urban Art“ könnte dem ganzen Quartier zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft werden.
3. Die Stärkung des Einzelhandels- und Gastronomieangebotes über eine gezielte Vermietung durch die Grundeigentümer, um dem Quartier hier ein eigenes Profil gegenüber der City und HafenCity zu geben.
4. Die attraktive Gestaltung der vier Verbindungsachsen, besonders der „Überseemeile“, um die fußläufige Verbindung zwischen City und HafenCity zu betonen.
5. Die Neu-Bebauung auf dem Grundstück der heutigen City-Häuser am Klosterwall, um ein städtebauliches Signal für den Aufbruch des Quartiers zu setzen.

Die Handelskammer fordert nicht nur die Hamburger Politik und Verwaltung zum Handeln auf, sondern wendet sich an Grundeigentümer und private Investoren. Nur mit ihrer Hilfe können viele Vorschläge umgesetzt werden. Der Hamburger Senat wiederum muss Anreize schaffen, die die Investitionen für Grundeigentümer lohnenswert machen. Unser Vorschlag: Er stellt einen „Plan der Möglichkeiten“ auf, der ein für alle Grundeigentümer und Nutzer nachvollziehbares Leitbild und einen Zeitplan enthält. Um die baulichen Ideen des Planes voran zu treiben, sollte ein Baumanager eingesetzt werden, der vor allem die Grundeigentümer über die neuen Nutzungsmöglichkeiten ihrer Grundstücke informiert. Eine verlässliche Basis für ihre Zusammenarbeit wäre die Einrichtung eines Business Improvement Districts (BID). Für diese Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Trägern zur Stärkung von räumlich klar definierten Quartieren hatte Hamburg als erstes Bundesland jüngst die Gesetzesgrundlage geschaffen.

Eine Interessengemeinschaft aus Grundeigentümern und Unternehmen sollte schließlich ein Standtortmarketingkonzept entwerfen, das die besonderen Vorzüge des Viertels betont. Stadtentwicklungsbehörde und Bezirksamt Hamburg-Mitte sind aufgefordert, die Imagekampagne mit zu finanzieren. Alles mit der Maßgabe, dass „Dornröschen“ hinter dem Wassergraben bald wachgeküsst wird.

Das Vor Ort-Papier steht zum Download im Internet unter www.hk24.de, Dokumenten-Nr. 35093.

Jan-Oliver Siebrand
janoliver.siebrand@hk24.de
Telefon 36 13 8 431

hamburger wirtschaft, Ausgabe Februar 2006