Handelskammer Hamburg 2006

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Sportstadt Hamburg

Reif für Olympia

Während der Fußballweltmeisterschaft hat Deutschland einen tollen Eindruck als Gastgeber hinterlassen. Alles spricht dafür, jetzt diese Stimmung für eine erneute Olympiabewerbung zu nutzen – und Hamburg ist dafür der beste Kandidat.

Manfred Rügamer muss jetzt waschen. Die Hände zahlloser Gäste haben Spuren auf den Nationalfahnen hinterlassen, die er vor jedem Hamburger WM-Spiel vor seinem Imbiss am Rathausmarkt gehisst hat. „Was die Fans für Fotos vor ihrer Landesfahne mit dem Rathausmarkt im Hintergrund gemacht haben, ist einfach Wahnsinn“, erzählt er begeistert. „Hier war eine Stimmung und ein Fest – etwas Besseres hätte der Stadt nicht passieren können.“

„Rügi´s Snack-Bar“ liegt genau im Zentrum des Touristenstroms und hat auf viereinhalb Quadratmetern Ladenfläche die ganze Welt zu Gast gehabt. Das Schönste war für Rügamer der Tag, an dem Tschechen und Italiener vor und nach dem Spiel bei ihm gemeinsam gefeiert haben. Ein Eindruck, der sich auch insgesamt bestätigt: Alle fünf in Hamburg ausgetragenen Begegnungen waren ausverkauft, trotzdem kam es zu keinen nennenswerten Sicherheitsproblemen. Durch- schnittlich waren an den 38 WM-Tagen 2500 Polizeibeamte im Einsatz. 517 Personen wurden in Gewahrsam oder festgenommen, für Veranstaltungen dieser Größenordnung nichts Außergewöhnliches. Das Verkehrskonzept ist ebenfalls aufgegangen: An- und Abfahrt zum Stadion verliefen nahezu reibungslos. Der HVV setzte bis zu 40 Shuttle-Busse ein, auf den Linien S1 und S21 wurde der Betrieb teilweise verdoppelt. Die 20,6 Millionen Euro, die die Stadt in die Verkehrsinfrastruktur investiert hatte, dürften ihr Übriges zu diesem hervorragenden Ergebnis beigetragen haben. Der friedliche Verlauf der Begleitveranstaltungen, insbesondere des FIFA-Fan-Festes auf dem Heiligengeistfeld mit bis zu 70000 Zuschauern – und 280000 Liter ausgeschenktem Bier – ist ein weiterer Beweis dafür, dass Hamburg für Sportereignisse jeder Größenordnung gerüstet ist. Dazu beigetragen hat die allgemein friedliche Grundstimmung der Fans aus aller Welt sowie die professionelle Einstellung und dauerhafte Präsenz der Polizei. Das reibungslose Zusammenwirken zwischen Behörden, Ämtern, Polizei, Feuerwehr und den Veranstaltern hat die Großereignisfähigkeit Hamburgs auch über mehrere Wochen eindrücklich unter Beweis gestellt. Zusätzlich wurde der Schutz der US-Nationalmannschaft im Herzen der Stadt gewährleistet.

Insgesamt hat die gelebte Gastfreundschaft und Weltoffenheit in Deutschland und gerade auch in Hamburg die hohen Erwartungen der Bürger und der Weltöffentlichkeit erfüllt; die Sportbegeisterung nie für möglich gehaltene Gipfel erreicht. Aber auch nach dem Ende der Fußballweltmeisterschaft folgen die sportlichen Highlights im Jahr 2006 in kurzen Abständen. Das Radsportereignis Vattenfall Cyclassics und der Hamburg City Man-Triathlon im Herzen der Stadt werden Sportfans ebenso anziehen wie die Schwimmveranstaltung „Aquatics“, für die das Tennisstadion am Rothenbaum in eine Schwimmarena verwandelt wird. Dazu kommen internationale Hockey- und Golfturniere. Und bereits im kommenden Jahr finden in Hamburg die Handball- und die Triathlon-Weltmeisterschaften statt.

Doch bereits jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, die internationale Begeisterung für die WM in Deutschland zu nutzen, um sich für das einzige noch größere Sportereignis zu bewerben: die Olympischen Sommerspiele. Von allen deutschen Städten ist Hamburg hierfür der beste Kandidat. Im Kern sprechen fünf Argumente für die Stadt an Elbe und Alster:

  • Als einzige europäische Metropole kann Hamburg kompakte Spiele im Herzen einer Millionenstadt anbieten. Mit Olympischen Spielen in Hamburg würde der Sport in das Zentrum städtischen Lebens zurückkehren. Die ganze Stadt würde zum Stadion werden.
  • Die Infrastruktur und die Möglichkeit, das umfassende Hotelangebot durch Kreuzfahrtschiffe noch auszuweiten, halten jedem Vergleich zu anderen europäischen Bewerberstädten stand.
  • Hamburg ist groß genug, um allen Anforderungen des Internationalen Olympischen Kommitees (IOC) zu genügen, zugleich aber nicht zu groß, um die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der ganzen Stadt für das Fest der Olympischen Spiele zu erzeugen – die Spiele von Sydney 2000 sind unser Maßstab.
  • Hamburgs Bewerbung wird gemeinsam getragen von den sportbegeisterten Menschen in Stadt und Region, von der Politik über alle Parteigrenzen hinweg und von der Wirtschaft mit ihrem internationalen Netzwerk.
  • Hamburg ist ohne Probleme in der Lage, allen Anforderungen des IOC bis 2016 in überzeugender Weise gerecht zu werden und sich mit einem nahezu unverändertem Konzept auch für die Spiele 2020, 2024 und 2028 zu bewerben.

Damit bietet Hamburg ein in Europa einzigartiges, international durchsetzungsfähiges Konzept. Zudem würde eine erneute deutsche Kandidatur unter anderen Vorzeichen stehen als bei der letzten Bewerbung: Das Nationale Olympische Komitee (NOK) hat aus dem Scheitern der Bewerberstadt Leipzig Konsequenzen für zukünftige deutsche Bewerberstädte gezogen: So muss in Zukunft ein Kandidat international durchsetzbar sein, daher kommen nur noch Städte mit mindestens einer Million Einwohner in Frage, da nur diese über die notwendige Infrastruktur verfügen. Außerdem soll die deutsche Bewerberstadt nicht mehr in der Vollversammlung gewählt werden, sondern von einer Präsidialkommission des NOK. Die Vollversammlung kann dann diese Entscheidung nur noch befürworten oder ablehnen.

Als deutsche Kandidaten für die Olympischen Sommerspiele 2016 haben sich bisher Berlin und Hamburg ins Spiel gebracht, für die Olympischen Winterspiele 2018 München in Verbindung mit Garmisch-Patenkirchen. Experten räumen den Bayern aber keine großen Chancen mehr ein: Bei den diesjährigen Winterspielen in Turin haben die Athleten die großen Entfernungen zwischen dem Olympischen Zentrum und den alpinen Sportstätten massiv kritisiert. In München wäre die Situation ähnlich.

International sind 24 Städte beziehungsweise Länder an der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2016 interessiert. Ein Blick auf die Austragungsorte seit 1972 zeigt, dass fast jeder zweite Austragungsort in Europa liegt. Diesem Gesetz der Serie folgend, liegt die Chance Hamburgs für die Spiele 2020 höher als für 2016. Dazu kommt, dass eine Berücksichtigung bei der ersten Bewerbung sehr unwahrscheinlich ist. Der weitere Ablauf hängt auch mit der Neuorganisation im deutschen Sportwesen zusammen. Das NOK und der Deutsche Sportbund haben sich zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zusammengeschlossen. An seiner Spitze steht Thomas Bach, gleichzeitig Vizepräsident im IOC. Auf der Generalversammlung des DOSB im November wird voraussichtlich die Entscheidung fallen, ob Deutschland sich für die Sommerspiele 2016 (und folgende Jahre) oder für die Winterspiele 2018 (und folgende Jahre) bewirbt. Daran anschließend könnte es gegebenenfalls eine Entscheidung über die Bewerberstadt 2016 geben.

Das weitere Prozedere sieht im Erfolgsfall drei Stufen vor: Bis Mai 2007 müsste die offizielle Bewerbung des DOSB beim IOC eingehen. Die Bewerberstadt erhielte dann den Status einer „Applicant City“. Im Sommer 2008 nimmt das IOC fünf Kandidaten in die engere Wahl. Diese „Candidate Cities“ dürften dann auch mit den fünf Olympischen Ringen werben. Im Sommer 2009 schließlich entscheidet die IOC-Vollversammlung über den Austragungsort, die „Host City“ 2016.

Manfred Rügamer ist sicher: „Hamburg kriegt das hin, wenn wir alle mitmachen.“ Er ist jedenfalls dabei und dann werden wieder Fahnen rausgehängt.

Fin Mohaupt
fin.mohaupt@hk24.de
Telefon 36 13 8 255

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hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2006