Handelskammer Hamburg 2006

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Einzelhandel

Die große Freiheit

Warenhäuser, Einkaufszentren und Fachgeschäfte präsentieren sich neu: Rechtzeitig zur Vorweihnachtszeit geht der Hamburger Einzelhandel mit attraktiven neuen Ladenflächen an den Markt. Nur die Freigabe der Öffnungszeiten lässt noch auf sich warten: Erst im Januar werden sich die Anbieter flexibler auf das Kaufverhalten ihrer Kunden einstellen können.

„Auf ist, wenn auf ist.“ Genauer will man sich in der Szene-Boutique „Mägde und Knechte“ nicht auf Öffnungszeiten festlegen. Entsprechend unaufgeregt blickt Inhaberin Ina Kurz auf die anstehende Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes. „Für mich ändert sich nichts. In der Vorweihnachtszeit habe ich sowieso länger geöffnet. Während der WM hatten wir probehalber an einem Sonntag geöffnet. Das hat sich aber nicht gelohnt“, berichtet sie. „Wenn die Händler hier im Karoviertel sich zu einer Sonderverkaufsaktion zusammentun würden, etwa einem Nachtverkauf, würde ich mich anschließen. Ich denke aber nicht, dass sich das rentieren würde.“ Voraussichtlich zum Jahreswechsel wird das neue Hamburger Ladenöffnungsgesetz in Kraft treten. Einkaufen rund um die Uhr von Monat bis Samstag, außerdem vier verkaufsoffene Sonntage pro Jahr sollen den Hamburger Einzelhändlern dann mehr Gestaltungsspielraum bieten. Ob sie ihn ausschöpfen, wird im wesentlichen eine Frage der Kundenfrequenz sein.

Klar im Vorteil werden die Lagen sein, in denen sich die Einzelhändler auf einheitliche Öffnungszeiten einigen. „Nur gemeinsam kann der Handel in der Innenstadt seine Stärke voll ausspielen“, meint Eckhard Schroeder, Geschäftsführer von Karstadt Hamburg, dessen Haus in der Mönckebergstraße gerade komplett modernisiert wird. Das Erdgeschoss mit der erweiterten Parfümabteilung und das erste Obergeschoss erstrahlen pünktlich zur Vorweihnachtszeit bereits im neuen Glanz, im Januar geht der Umbau in den oberen Etagen weiter.

Während Schroeder als Einzelhändler im öffentlichen Raum nur an den Geschäftssinn seiner Nachbarn appellieren kann, sind die Verhältnisse ein paar Meter weiter wesentlich eindeutiger geklärt. Zwischen dem Jungfernstieg und der Mönckebergstraße erheben sich die eleganten Stahlbögen der neuen Europa-Passage. Hier präsentieren sich auf 30000 Quadratmetern rund 120 Einzelhandelsgeschäfte unter einer gläsernen Kuppel, darunter viele Anbieter, die zum ersten Mal in Hamburg präsent sind. Und wie in modernen Einkaufszentren üblich, verpflichten sich alle Mieter auf einheitliche Öffnungszeiten. Die Infrastruktur für Shopping-Spätschichten ist in der Europa-Passage jedenfalls vorhanden: Ein großes Angebot an Gastronomiebetrieben soll gewährleisten, dass viele Besucher auch in den Abendstunden verweilen.

Zum diesjährigen Weihnachtsgeschäfts wird es aber hier noch nichts mit dem abendlichen Einkaufserlebnis – anders als in Berlin, wo ein neues Ladenschlussgesetz voraussichtlich noch 2006 in Kraft tritt. Dagegen nahm die Hamburger Bürgerschaft erst im November die Beratungen über ein neues Ladenöffnungsgesetz auf – trotz aller Mahnungen der Handelskammer zur Eile. „Sorry, we’re closed“ wird es darum ab 20 Uhr auch an Hamburgs neuer Luxus-Shopping-Adresse heißen, dem erneuerten und erweiterten Alstertal-Einkaufszentrum (AEZ). Es beherbergt 240 Fachgeschäfte auf drei Ebenen, darunter zahlreiche hochwertige Anbieter wie Lenffer, Laurèl, Escada Sport, Sør, Wolford, Goldpfeil oder Barbour, die dem neuen Slogan „Shopping de luxe“ alle Ehre machen. Unter den großen Einkaufszentren zeichnet sich die Tendenz ab, nach Freigabe der Ladenschlusszeiten am Donnerstag, Freitag und Samstag bis 22 Uhr zu öffnen. Diese Regelung peilt auch Michael Epping an, der das „Mercado“ in Altona und das „Wandsbek Carrée“ leitet. „Wir können uns in Zukunft Sonderaktionen wie beispielsweise eine Modenschau mit Nachtverkauf gut vorstellen“, meint der Center-Manager. Die Wiederbelebung des langen Donnerstags 2007 für das Mercado ist bereits beschlossen: „Der scheint sich auch bei den anderen Anbietern durchzusetzen – was wir sehr begrüßen. Es wäre ungünstig, wenn in Bezug auf die Öffnungszeiten jeder sein eigenes Süppchen kochen würde.“ Auch Martin Dilkaute, Geschäftsführer des Mediamarkts am Friedrich-Ebert-Damm, will das neue Ladenöffnungsgesetz nutzen: „Wir haben die Maxime, dass wir da sind, wenn der Kunde uns braucht.“ Um die erweiterten Öffnungszeiten – künftig montags bis samstags von 10 bis 22 Uhr – zu bewältigen, hat er bereits zusätzliche Mitarbeiter eingestellt.

Für viele kleinere Einzelhändler, die schon jetzt die vorhandenen Öffnungszeiten nicht voll ausschöpfen, wird sich im neuen Jahr voraussichtlich nicht viel ändern. Lars Ginap, Geschäftsführer von Betten Huntenburg, wird seine Filiale im AEZ wie alle Mieter zwar länger öffnen – nicht aber sein Geschäft in der Rahlstedter Bahnhofstraße, denn am Abend zieht es kaum Kunden in das Zentrum von Rahlstedt. „An verkaufsoffenen Sonntagen sind wir aber immer dabei, um unsere Kunden an unser Quartier zu binden“, erklärt Ginap. Absprachen zwischen den Einzelhändlern vor Ort werden eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür sein, dass auch die kleinen Fachgeschäfte von den neuen Öffnungszeiten profitieren können.

Welche Veränderungen die neuen Ladenöffnungszeiten tatsächlich bringen, wird man erst im Verlauf des kommenden Jahres absehen können. Viele Einzelhandelsbetriebe, die ihren Kunden eine kompetente Beratung anbieten, werden das gut ausgebildete Personal, das sie brauchen, aber mit Sicherheit nicht von 9 bis 22 Uhr finanzieren können. Einige von ihnen werden vermutlich am Vormittag später öffnen, um die Kosten im Griff zu behalten.

Auch wenn bei vielen noch die abwartende Haltung überwiegt: Die Möglichkeit, die Geschäftszeiten freier zu gestalten, wird begrüßt. „Ich finde es gut, dass ich die Möglichkeit habe, länger zu öffnen. In den südlichen Ländern ist das ja auch üblich“, meint Güney Didar, der im Schanzenviertel einen Gemüseladen mit Bio-Sortiment betreibt. „Ich werde es ausprobieren und wenn es sich rentiert, werde ich die Öffnungszeiten ausweiten. Gegebenenfalls würde ich das Snack-Sortiment ausweiten.

Das liberalisierte Ladenöffnungsrecht bietet dem stationären Einzelhandel, der bisher um 20 Uhr schließen musste, die Chance, verlorenes Terrain von denjenigen zurück zu gewinnen, die schon bisher rund um die Uhr verkaufen durften: vor allem von den Versandhändlern und den Tankstellen. Auch die Wandelhalle im Hauptbahnhof verliert mit dem neuen Gesetz das exklusive Spätverkaufsrecht. Befürchtungen, dadurch Kunden zu verlieren hat Objektmanager Daniel Martens indes nicht: „Die City wird dadurch insgesamt attraktiver, davon werden auch wir profitieren. Wir haben einen attraktiven Mietermix und sind der wichtigste Verkehrsknotenpunkt im Norden. Außerdem können wir auch am Sonntag verkaufen – uns werden keine Kunden verloren gehen.“

Die neuen Ladenöffnungszeiten werden auch neue Geschäftsmodelle möglich machen. Der „Tante-Emma-Laden“ mit einem Lebensmittel-Sortiment, das sich vor allem an den Abendkunden richtet, könnte eine Renaissance erleben. Die Kombination von Einzelhandel und Gastronomie wird sicher an Bedeutung gewinnen, weil beide Branchen künftig an sechs Tagen in der Woche die gleichen Öffnungszeiten haben können. Längst gibt es Beispiele dafür in Hamburg, vor allem in den Ausgehvierteln Schanze, Ottensen, aber auch in Eppendorf.

„Wir würden längere Öffnungszeiten auf jeden Fall ausprobieren“, sagt Christiano Sequeira, Inhaber des spanisch-portugiesischen Supermarkts „Aqui“ in der Schanzenstraße. „Angestellte, die länger arbeiten müssen, etwa in der Gastronomie, können dann länger einkaufen und sind nicht gezwungen, auf Tankstellen auszuweichen.“ Sequeira weiß, wovon er spricht: Gleich nebenan betreibt er eine Tapas-Bar.

Heiner Schote/Frank Aures
heiner.schote@hk24.de
Telefon 36 13 8 275
hamburger wirtschaft, Ausgabe Dezember 2006