Handelskammer Hamburg 2006

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Demografie

Den Wandel gestalten

Deutschland altert, die Gesamtbevölkerung schrumpft und die Siedlungsstruktur ändert sich stetig: In der Tendenz verlieren periphere Räume Einwohner, Ballungsräume gewinnen. Mit einem Thesenpapier macht die IHK Nord konkrete Vorschläge, wie diese Entwicklung gestaltet werden kann.

Einsame Landschaften, kein menschliches Geräusch, das die Ruhe stört – diese scheinbare Idylle bereitet Stadt- und Landschaftsplanern in Deutschland Kopfzerbrechen. Sie könnte vielerorts unerwünschte Realität werden – und erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme mit sich bringen. Durch den demografischen Wandel in Deutschland wird es laut der aktuellen Raumordnungsprognose 2020/2050 des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung langfristig entsiedelte, renaturierte Gebiete geben oder aber dynamische Wachstumsregionen wie beispielsweise die Hamburger Metropolregion.

So weit darf es nicht kommen. Wir dürfen die wirtschaftliche Entwicklung in den norddeutschen Regionen nicht allein den Marktkräften überlassen. Aus Sicht der IHK Nord brauchen wir durchdachte Maßnahmen, um die Stärken des norddeutschen Wirtschaftsraums zu fördern. Unser Motto dabei lautet: gezielter Mitteleinsatz statt Gießkannenprinzip.

In einem Positionspapier legt die IHK Nord Handlungsvorschläge vor und benennt konkrete Aktionen, mit denen regionale ökonomische Entwicklungschancen gefördert und gleichzeitig erkennbare Risiken vorausschauend angegangen werden können. Die Vorschläge sind unterteilt in fünf Felder:

  • Arbeitsmarkt und Zuwanderung:
    Eine der wichtigsten Forderung hier lautet: mehr Flexibilität. Vorrangig müssen entscheidende Teile des Arbeitsrechts dereguliert und differenzierte und flexible Arbeitszeitmodelle in den Unternehmen eingeführt werden. Um den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts gerecht zu werden, ist weiterhin ein höheres tatsächliches Renteneintrittsalter sowie eine gezielte Zuwanderung in das Wirtschaftssystem, verbunden mit durchdachten Integrationsmodellen, notwendig. Nur wenn sowohl bei den Unternehmen als auch in der Politik in diese Richtung umgedacht wird, können wir die Erwerbsquote erhöhen, das Fachkräftepotenzial ausschöpfen und als attraktiver Standort im regionalen Wettbewerb bestehen.
  • Bildung und Qualifizierung:
    Hier muss es heißen „Qualität und Quantität“. Wir dürfen nicht nur die Bildungsqualität erhöhen und Leistungsorientierung fördern, sondern müssen uns auch darum bemühen, leistungsschwächere Menschen in unser Bildungssystem einzubinden. Mit Blick auf den schrumpfenden Anteil Erwerbstätiger an der Gesamtbevölkerung können wir es uns nicht leisten, diese Potenziale brach liegen zu lassen.
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf:
    Familienorientierte Unternehmenspolitik ist Standortpolitik, denn wo sich Erwerbspersonen heute zwischen Familie und Beruf entscheiden müssen, fehlt es morgen an beruflichem Nachwuchs. Eine Region, die für qualifizierte Erwerbstätige attraktiv sein soll, muss vor allem familien- und kinderfreundlich gestaltet sein, angefangen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen über Betreuungsangebote für Kinder und Senioren bis hin zu familienpolitischen Projekten wie unserer „Hamburger Allianz für die Familie“. Vorteile für die Region sind Sicherung der Bestandsentwicklung regionaler Unternehmen, Ansiedlung junger Betriebe sowie verbesserte Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsdynamik.
  • Wirtschaftsfaktor Senioren:
    Senioren sind heute wohlhabender, ausgabenfreudiger und konsumorientierter als in vorherigen Generationen und daher ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor. Hinzu kommt ein hohes Maß an Kompetenz, beispielsweise die berufliche Erfahrung und die Leistungsfähigkeit im Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln. Senioren sind damit ein nicht zu unterschätzendes Arbeitskräftepotenzial. Unsere Forderungen lauten daher: Orientierung hin zu mehr Bildungs- und Beschäftigungsangeboten für die „Generation Erfahrung“, hin zu einem Angebot an Waren und Dienstleistungen, das der Nachfragestruktur angepasst ist sowie zu einem Ausbau des Medizin- und Pflegesektors.
  • Raumentwicklung, Infrastruktur und Wohnraumversorgung:
    Unterschiedliche Bevölkerungsentwicklungen in Ballungsräumen und ländlichen Regionen sollte nicht nur allein den Marktkräften unterliegen, sondern mit raumentwicklerischen Planungen aktiv gestaltet werden. Der Einsatz finanzieller Mittel muss dabei der Maxime folgen, öffentliche Ressourcen zu bündeln. Ein wichtiger Ansatzpunkt: Wirtschaftszentren müssen bundesländerübergreifend vernetzt und das jeweilige Hinterland bedarfsgerecht angebunden werden, um die Entwicklung zukunftsfähiger und wachstumsorientierter Wirtschaftsregionen zu unterstützen.

Demografischen Veränderungen geht eine lange Vorlaufzeit voraus, die anstehenden Probleme kennen wir nicht erst seit heute. Langfristig müssen in einer offenen Marktwirtschaft variierende Bevölkerungsstrukturen wohl akzeptiert werden, aber mit Weitsicht können wir die negativen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft des norddeutschen Wirtschaftsraums abmildern und heute positive Perspektiven für die Zukunft schaffen.

Julia Körner
julia.koerner@hk24.de
Telefon 36 13 8 549

Internet

Das vollständige Positionspapier unter: www.hk24.de, Dokumenten-Nr. 38438

hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober 2006