Handelskammer Hamburg 2006

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Büroeinrichtung

Leinwand-Schnäppchen

Exakte Kopien großer Meister, Selbstporträts und Hamburger Wahrzeichen für kleines Geld: Auftragskünstler machen aus jeder nackten Wand eine Kunstlandschaft. Und das für unter 300 Euro.

Zwischen dem teuersten Bild der Welt und seiner günstigsten Kopie klafft ein Unterschied von rund 107 Millionen Euro. So viel hat jüngst ein US-amerikanischer Unternehmer für das goldschimmernde Frauenporträt „Adele Bloch-Bauer I“ des Impressionisten Gustav Klimt gezahlt. Für einen Bruchteil dieses Betrages, nämlich 1600 Euro, gibt es eine 60 mal 80 Zentimeter große Kopie in der Hamburger Online-Galerie „Gemäldewerk“ zu kaufen. Exzellent in Öl ausgearbeitet, von Auftragskünstlern gefertigt, mit Aufschlag sogar in Blattgold gearbeitet. 1600 Euro sind immer noch viel Geld? Stimmt – tatsächlich geht es nämlich noch billiger. Viel billiger.

Während die Richterskala auf dem Kunstmarkt nach oben offen ist, sind die Preise für Auftragskunst im freien Fall. Bei der Bergedorfer Galerie „PS Art“ zum Beispiel gibt es Klimts Meisterwerk „Der Kuss“ zum Einsteigerpreis von 279 Euro. Die Goldene Adele hat man in Bergedorf noch nicht im Programm, bei Nachfrage wird sie aber für ähnlich kleines Geld gearbeitet, Lieferzeit sechs bis acht Wochen. Wer solange nicht warten will, schaut nach, ob er im Bestand von rund 600 Bildern etwas Passendes findet. Im Angebot ist gerade van Goghs „Brücke von Langlois“ ab 149 Euro. Das Format bestimmt den Preis. Und die Auflage. Manchmal auch der Wohnort des Künstlers.

Ein echtes Ölgemälde zum kleinen Preis ist möglich, wenn Motive in großen Stückzahlen geordert und günstig produziert werden. So jedenfalls kalkuliert PS Art. Der Katalogsbestand umfasst 5000 Motive, Auftragsarbeiten nach Foto oder Postkarten sind kaum teurer. Die Aufträge gehen größtenteils ins Ausland. „Unsere Maler kommen aus Italien, Spanien, Asien, den Niederlanden und der Südsee, aber auch aus Deutschland“, sagt Stefan Springfeld, einer der beiden Geschäftsführer. Einen russischen Maler holte er zur Festanstellung nach Hamburg. Die Qualität und Zuverlässigkeit der Maler muss stimmen, aber eben auch der Preis, den die Künstler der Galerie machen. Das Ergebnis überzeugt: Auch Besserverdiener kaufen bei Springfeld Kunst zum kleinen Preis. Und der HSV: Ab der kommenden Spielzeit wird der Verein Ölgemälde von PS Art in sein Merchandisingprogramm mit aufnehmen. Der Lieblingsfußballer in Öl wird im Schnitt weniger kosten als eine Dauerkarte.

Wer sich an Posterdrucken sattgesehen hat, wird bei der Eppendorfer Galerie „Artshop24“ für besonders schmales Geld fündig, hier wirbt man mit Preisen ab 69 Euro für ein handgemaltes Ölbild. Statt alter Meister gibt es freie Motive – Muscheln und Steine, Hafen und Schiffe, Buddhas und Blumen. Der niedrige Preis wird durch die Fertigung in Kleinserien möglich: Jedes Bild wird in einer Auflage von maximal fünf Stück gemalt. Wer unter den 100 vorrätigen Arbeiten nichts findet, lässt Wunsch-Motive von der fest angestellten Künstlerin Inken Rohr malen. Unsigniert. Lieferzeit: drei Wochen.

Das Gemäldewerk macht den meisten Umsatz mit Individualaufträgen. „Kunst als Teil der Corporate Identity“ beschreibt Geschäftsführer Jan van der Zalm sein Konzept. Die Idee dazu entstand, weil der hauptberufliche Personalberater sich eines Tages satt gesehen hatte an den ewig gleichen Miro-Drucken in den Konferenzräumen seiner Kunden. Jetzt entwickelt er spezielle Angebote für Firmen, Bilder, die vor einem bekannten Hintergrund – etwa einer Hopper-Landschaft – die Marke in Szene setzen. Das ist ein Hingucker im Chefbüro und ein besseres Incentive als der Firmenkalender: DaimlerChrysler schenkte seinen Geländewagen-Kunden bereits Gemäldewerk-Arbeiten.

Daneben verkauft man auch hier Standards wie Repliken oder Porträts. Besonders beliebt, so versichern alle Galerien, sind übrigens Tierbilder: „Ein Kunde hat sein ganzes Gestüt durchmalen lassen“, erzählt van der Zalm. Porträts von verstorbenen Hundelieblingen stehen auf der Top-Ten-Liste der Kundenwünsche ganz oben, dicht gefolgt von Selbstbildnissen in launischen Zusammenhängen: zum Beispiel dem eigenen Konterfei in einem reproduzierten Goya-Bild.

Ganz anders positioniert sich der Newcomer unter den Hamburger Auftragskünstlern, Tobias Düx mit der Agentur „urbanartworx“. Statt Ölgemälden gibt es hier computertechnisch verfremdete Fotodrucke auf Leinwand zu kaufen. Düx ist der schnellste unter den Hamburger Auftragskünstlern: Drei bis vier Werktage dauert es, bis das Wunschmotiv an die Wand gedübelt werden kann. Die Auflage ist jeweils auf 300 Stück limitiert, die Preise beginnen bei 122 Euro. Besuchen kann man urbanartworx nicht, die Bestellung erfolgt online. Ein Einrichtungsassistent hilft dabei, das passende Motiv für Wohnzimmer oder Büro zu finden. Wer sich nicht entscheiden kann, für den kommt vielleicht eine ganz andere Art von Auftragskunst in Frage: mieten statt kaufen. Die Agentur „art goes public“ stellt Kunstwerke im monatlichen Turnus zur Verfügung, pro Bild kostet die Wechselausstellung 20 Euro im Monat.

Andrea Mertes
redaktion@hamburger-wirtschaft.de
Telefon 36 13 8 302
hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2006