Handelskammer Hamburg 2006

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Serie: Reaktivierte Ausbildungsbetriebe

Wieder im Sortiment

Der Ausbildungsmarkt ist ständig in Bewegung: Neben vielen Neueinsteigern gibt es auch immer wieder Betriebe, die sich von der Ausbildung des eigenen Nachwuchses zurückziehen. Meist jedoch nur kurzfristig, denn die Vorteile der Ausbildung im eigenen Betrieb überwiegen. In unserer neuen Serie stellen wir Ihnen Wiedereinsteiger in die duale Berufsausbildung vor.

Bei der Hermann Jürgensen GmbH wird Tradition groß geschrieben: Bereits in vierter Generation vertreibt der Altonaer Familienbetrieb Bürobedarf im Groß- und Einzelhandel. Die Erfolgsgeschichte des Betriebs wäre ohne die Ausbildung des eigenen Nachwuchses nicht denkbar gewesen. „So lange ich denken kann, wurde bei uns ausgebildet“, sagt Hans-Georg Bothur, Geschäftsführer der Hermann Jürgensen GmbH für den Großhandelsbereich. „Im Gegensatz zu manchem Großunternehmen mussten wir als klassischer mittelständischer Betrieb immer langfristig denken.“ Dazu gehöre insbesondere die Ausbildung des eigenen Nachwuchses. „Wer mit der Philosophie unseres Unternehmens groß wird, kann sie später auch glaubhaft an unsere Kunden weitergeben“, sagt Bothur.

Trotz der langen Tradition und der guten Erfahrungen stieg sein Unternehmen kurz nach der Jahrtausendwende aus der Ausbildung aus. „Die Berufsschule bestand damals ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft auf ihr Recht auf Unterricht, zu einer Zeit, in der wir mehr als 20 Prozent unseres Jahresumsatzes machen“, berichtet Bothur. Versuche, die Schulzeiten flexibler zu gestalten, seien erfolglos gewesen. „Der Schulleiter stimmte einer zeitweisen Befreiung zwar grundsätzlich zu, bestand aber natürlich darauf, dass unsere Azubis zu Klassenarbeiten anwesend waren.“ Leider seien dann im Dezember täglich Arbeiten angesetzt worden – „und natürlich immer in den letzten beiden Stunden, so dass meine Azubis kaum durchgehend im Geschäft sein konnten“, erzählt Bothur weiter. Als die Lehrer in dieser Zeit auch noch immer wieder im Unterricht darauf hinwiesen, dass Azubis sich ihr Recht auf den Berufsschulbesuch nicht nehmen lassen dürfen, zog Bothur die Reißleine: „Wenn mir jemand unterstellen will, dass ich meine Azubis ausbeute und vom Unterricht fernhalte, dann überschreitet er eindeutig seine Kompetenzen.“ Konsequent legte er nicht nur seine Rolle als Ausbilder, sondern auch seine Funktion als Prüfer nieder – und brach damit mit einer langen Familientradition.

Dennoch ist er immer noch ein Befürworter der dualen Ausbildung: „Die Berufsschule fängt vieles auf, was die Betriebe nicht leisten können“, lobt er den theoretischen Teil der Ausbildung. Martin Wedemann, Ausbildungsberater unserer Handelskammer, hatte es daher auch nicht besonders schwer, die Hermann Jürgensen GmbH im letzten Jahr als Ausbildungsbetrieb zu reaktivieren. „Als Unternehmensinhaber ist man nicht nur Arbeitgeber, sondern auch verantwortlich für seine Mitarbeiter“, beschreibt Bothur sein Rollenverständnis. „Ich sehe mich dabei absolut in der Pflicht, Jugendlichen Perspektiven zu geben.“ Und das gehe eben nur, wenn man auch entsprechende Ausbildungsplätze schaffe.

Sowohl das Ladengeschäft im Mercado-Center als auch der Großhandel bilden daher wieder zwei Auszubildende zu Kaufleuten im Einzelhandel aus. Demnächst soll noch eine zusätzliche Lehrstelle im Großhandel folgen. Damit sich auch andere Betriebe wieder stärker in der Ausbildung engagierten, müsste nach Bothurs Meinung unbedingt die Ausbildungsreife der Bewerber verbessert werden. „Ich glaube kaum, dass das allein durch die Schulreform gelingt“, sagt der Geschäftsführer skeptisch. „Da müssen wir schon alle mit anpacken, damit vor allem die sozialen Kompetenzen unserer Jugendlichen wieder besser werden.“ Seinen eigenen Beitrag dazu wird er künftig auch wieder als Ausbilder leisten, denn Ausbildungsplätze sind bei Hermann Jürgensen wieder fester Bestandteil im Sortiment.

Thorsten Koletschka
thorsten.koletschka@hk24.de
Telefon 36 13 8 789

hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2006