Handelskammer Hamburg 2006

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Einstiegsqualifizierung

Die Starthelfer

Ausbildungsbetriebe klagen über die mangelnden Qualifikationen von Schulabgängern – Lehrstellenbewerber mit schlechten Schulnoten beschweren sich über die vielen Absagen, die sie kassieren. Geholfen wird beiden Seiten vom Verein „Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft e. V.“, der ihnen über Einstiegsqualifizierungen in Hamburger Betrieben erfolgreich Brücken in die Ausbildung baut.

Die Jagd um die letzten Ausbildungsplätze des Jahres hat begonnen: Während viele Jugendliche in diesen Tagen ihre neuen Kolleginnen und Kollegen in ihren Ausbildungsbetrieben kennen lernen, suchen einige Altersgenossen immer noch nach der passenden Ausbildungsmöglichkeit. „Dazu gehört manchmal schon ein dickes Fell“, sagt Verena Dierks, die bereits mehr als dreißig Absagen bekommen hat. Mit ihrem schwachen Realschulabschluss zog sie bislang stets den Kürzeren. Dennoch will Verena noch nicht aufgeben: „Ich kann gut mit Leuten umgehen und bin sehr zuverlässig“, beschreibt sie ihre Vorzüge. „Doch wie soll ich das beweisen, wenn ich aufgrund meiner Noten nicht mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werde?“

Verena steht mit ihrem Problem nicht allein. Immer mehr Jugendliche sind nach ihrem Schulabschluss noch nicht ausbildungsreif. Viele versuchen, in einer berufsvorbereitenden Maßnahme ihre Defizite auszugleichen. Das Problem: Der mangelnde Praxisbezug. Die Wirtschaft hat daher einen anderen Weg gewählt, um Jugendliche fit für die Ausbildung zu machen: Seit 2004 gibt es das Instrument der „Einstiegsqualifizierungen“ (EQ) – sechs- bis zwölfmonatige Betriebspraktika, bei denen die Jugendlichen nicht einfach im Betrieb „mitlaufen“, sondern genau festgelegte Teile anerkannter Ausbildungsberufe vermittelt bekommen. In der Praxis können sie so ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen und sich für eine Ausbildung empfehlen. Mit messbarem Erfolg: Bereits im ersten Jahr erhielten 60 Prozent der Qualifikanten direkt im Anschluss einen Ausbildungsplatz – meist sogar in dem sie qualifizierenden Betrieb. Dennoch ergreifen noch viel zu wenig Jugendliche diese Chance: In den vergangenen zwei Jahren blieben jeweils mehrere hundert Plätze für Einstiegsqualifizierungen in Hamburg unbesetzt.

Um das große Potenzial der Einstiegsqualifizierungen besser auszuschöpfen, wurde im Herbst 2005 der Verein „Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft“ gegründet; dahinter stehen die Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein (UVNord), die Handwerkskammer und unsere Handelskammer. Er kümmert sich um die Vermittlung und Betreuung der jugendlichen Qualifikanten und ihrer Ausbildungsbetriebe und wird durch den Europäischen Sozialfonds gefördert.

„Unser Service kommt bei den Betrieben gut an“, sagt Beate Regina Walter, Bildungsbegleiterin beim Verein. Nachdem sie und ihre Kollegen bis März 2006 mit der Vermittlung der noch freien Plätze beschäftigt waren, hilft sie seitdem, vor Ort Anfangsschwierigkeiten und Missverständnisse bei den ersten Schritten im Arbeitsleben zu beseitigen. So wie bei Feinbeisser-Catering. Das Unternehmen ist mit seinem gehobenen Angebot seit zweieinhalb Jahren erfolgreich auf dem Markt. Nun wollte Inhaber Harald Pfeffer Anfang des Jahres in die Ausbildung einsteigen. „Als ich erfuhr, dass Einstiegsqualifikationen komplett von der Arbeitsagentur gefördert werden, habe ich mich gern auf das Experiment eingelassen“, sagt Pfeffer. Als junges Unternehmen sei sein Team darauf angewiesen, dass jeder mit vollem Einsatz dabei ist. „Wir können in der Einstiegsqualifizierung jetzt in Ruhe austesten, ob unser Bewerber zu uns passt oder nicht“, sagt der 35-Jährige. Daniel Rosenkranz, seit März 2006 im Betrieb, scheint das Profil zu erfüllen und hat gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz als Koch – obwohl er diesen durch Unpünktlichkeit fast riskiert hätte. Doch hier konnte Bildungsbegleiterin Walter helfen: „Herr Rosenkranz lebt in einer Jugendwohnung, in der er nicht immer so viel Schlaf bekommt, wie für den frühen Arbeitsbeginn im Catering-Betrieb erforderlich ist“, berichtet sie. In einem eingehenden Gespräch habe sie ihm deutlich gemacht, dass er seine Chance nicht verspielen dürfe und daher von seinen Mitbewohnern und Betreuern mehr Rücksichtnahme einfordern müsse. „Ihre Worte kamen an“, sagt Pfeffer. „Seither ist Herr Rosenkranz pünktlich und hat gelernt, sich selbstbewusst zu behaupten.“

Auch Henning Lüdeker, Geschäftsführer des Online-Reiseveranstalters Selectravel.de Reisen GmbH, spezialisiert auf Luxus-Campingreisen in Europa, ist mit seiner Einstiegsqualifikantin zufrieden: „Ann-Kristin Kautsky hat sich in der Büroassistenz als zuverlässig und interessiert erwiesen, so dass wir sie gern als Auszubildende zur Kauffrau für Bürokommunikation übernehmen wollen“, sagt er. Da sein Unternehmen zweistellige Zuwachsraten verzeichne, müsse er ohnehin seinen Mitarbeiterstamm vergrößern. „Wir werden das mit Frau Kautsky erstmalig über eine Ausbildung machen“, sagt der Geschäftsführer.

Dass sich das Engagement für beide Seiten auch lohnt, wenn ein Unternehmen später keine Lehrstelle anbieten kann, zeigt das Beispiel der Motoren Recht & Boeckmann GmbH: „Wir kümmern uns derzeit schon um einen Langzeitpraktikanten der BI-Ausbildungswerkstätten“, sagt Geschäftsführer Christian Recht, „da bleibt leider kein Raum für eine Ausbildung“. Dennoch wollte er Jugendlichen über eine Einstiegsqualifizierung die ersten Schritte ins Berufsleben ermöglichen. „Jeder muss doch eine Chance bekommen“, sagt er. Die bekam bei ihm Martin Strozyk, der als Einstiegsqualifikant in seinem Büro und auch in der Werkstatt eingesetzt wurde. Damit aber nicht genug: Recht und sein Team unterstützten ihren Schützling aktiv bei der Bewerbung in potenziellen Ausbildungsbetrieben. „Als die Hellmann GmbH einen Auszubildenden zur Fachkraft für Lagerlogistik suchte, haben wir Herrn Strozyk zwei Wochen für ein Praktikum freigestellt“, sagt er. Nun sei sicher, dass er auch den körperlichen Voraussetzungen seines zukünftigen Lehrberufs gewachsen sei. Am 1. August 2006 beginnt Martin Strozyk seine Ausbildung bei Hellmann. „Es ist schön zu sehen, wenn sich der eigene Einsatz gelohnt hat“, freut sich Recht.

Gestärkt durch diese Erfolgsgeschichten, sieht das Team des Vereins Ausbildungsförderung dem nächsten Durchgang entgegen, der ab 1. Oktober 2006 startet. „Dann bauen wir wieder auf das große Engagement der Hamburger Betriebe, neben Lehrstellen auch wieder Plätze für Einstiegsqualifizierungen zur Verfügung zu stellen“, sagt Bildungsbegleiterin Walter optimistisch. Vielleicht entschließt sich dann auch Verena Dierks, über eine Einstiegsqualifizierung fit für eine Ausbildung zu werden.

Thorsten Koletschka
thorsten.koletschka@hk24.de
Telefon 36 13 8 789

Infos und Kontakte

Unternehmen, die Plätze für Einstiegsqualifizierungen bereitstellen oder den Betreuungsservice unserer Handelskammer in Anspruch nehmen wollen, wenden sich an: Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft e.V., Schauenburger Straße 49, 20095 Hamburg, Telefon 36 13 8-798

hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2006