Handelskammer Hamburg 2006

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Azubi-Firmen

Learning by doing

Engagement, Verantwortungsbewusstsein, Kreativität und Teamfähigkeit: Ob Azubis diese Qualitäten haben, können sie am besten unter Beweis stellen, wenn sie eine Zeit lang auf sich selbst gestellt werden und eine eigene Firma oder Filiale führen dürfen.

Schnell läuft Dominique Hennig aus der Backstube hinter den Verkaufstresen, um einen Kunden zu bedienen. Einen Kaffee aufbrühen, ein Stück Erdbeerkuchen dazu und ein freundliches „Bitte sehr! Guten Appetit.“ Nebenbei behält sie das laufende Geschäft unter Kontrolle: Sind die Backwaren appetitlich angeordnet, liegen genügend frisch zubereitete Brötchen bereit? Zuletzt noch ein schneller Blick, ob ihre Kolleginnen die Gäste an den Tischen schnell und zuvorkommend bedienen. Selbstverständliche Aufgaben für eine Führungskraft, nicht jedoch für Dominique Hennig: Die 20-Jährige ist angehende Nahrungsmittel-Fachverkäuferin – und Leiterin einer 2005 gegründeten Filiale des Hansebäckers Junge, die nur von Azubis betrieben wird. Warenbestellungen, Tagesabrechnung, Personalplanung und die Einweisung neuer Mitarbeiter, all das erledigen die Nachwuchskräfte selbst. Ausbildungsleiterin Sonja Rowedder berät zwar ihre zwölf Schützlinge und unterstützt sie bei Problemen, die komplette Verantwortung für die Filiale liegt jedoch in den Händen der Lehrlinge. „Voraussetzung dafür ist ein großes Vertrauen in die Auszubildenden und ihr Können“, sagt Rowedder.

Das will auch die Handelskette Lidl demonstrieren: Im Juli und August leiten insgesamt 650 angehende Einzelhandelskaufleute aus ganz Deutschland 33 Hamburger Filialen. „Wir wollen nicht nur das Handwerkszeug für den Beruf vermitteln, sondern auch soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein fördern“, fasst Ausbildungsleiterin Vanessa Peters die Zielsetzung des Unternehmens zusammen.

Wie das ist, wenn man eigenverantwortlich arbeitet, weiß auch Anne Wolff, die bei der Phoenix AG eine Ausbildung zur Industriekauffrau macht. Ein mehrwöchiger Aufenthalt in der 1999 gegründeten Azubi-Firma Junix ist hier fester Bestandteil der Lehre. Zusammen mit 17 Azubi-Kollegen bietet Wolff konzerninterne Dienstleistungen an, darunter PC-Schulungen und die digitale Archivierung von Rechnungen. Hinzu kommen Sonderprojekte wie die Organisation der 150-Jahr-Feier der Phoenix AG, mit dem Junix vom Vorstand 2006 beauftragt wurde. „In nur acht Wochen haben wir eine Veranstaltung mit Infopoint, Catering, Kinderprogramm und Werksführung für knapp 3200 Besucher auf die Beine gestellt“, erzählt die 21-Jährige. „Eine tolle Bestätigung“, freut sich Wolff über das in die Junix gesetzte Vertrauen.

Auch die Erfolge der Young Philips lassen sich vorweisen. Die 2003 gegründete Juniorenfirma der Philips Medical Systems DMC GmbH hat momentan 40 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2005 einen Gewinn von rund 17000 Euro, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Young Philips ist wie ein „richtiges“ Wirtschaftsunternehmen hierarchisch aufgebaut: „Die fünf Geschäftsbereiche Werbemittel und Dienstleistungen, Finanzen, Marketing und Personal, Computervertrieb sowie Produktion werden von einem zehnköpfigen Geschäftsführerteam geleitet, das in wöchentlichen Sitzungen anfallende Probleme bespricht und über Projekte entscheidet“, erklärt der angehende Wirtschaftsingenieur Patrick Fröse. Ein Aufsichtsrat überwacht die Arbeit der Juniorenfirma, ein Expertenteam steht beratend zur Seite. Jens Otto, Aus- und Fortbildungsleiter bei Philips, betont jedoch, dass die Kontrolle minimal gehalten wird, „damit die Auszubildenden zur Selbständigkeit und zu eigenverantwortlichem Handeln motiviert werden.“ Als Leiter der Lehrwerkstatt legt er dabei besonderen Wert darauf, auch den technisch-gewerblichen Auszubildenden die Anforderungen der Büroarbeit näher zu bringen. So stellen Industriemechaniker und Elektroniker bei der Young Philips zum Beispiel Prüfadapter oder Messeaufsteller für Kunden aus dem Konzern her. „Gleichzeitig müssen sie aber auch Aufträge annehmen, Kundengespräche führen und Rechnungen schreiben“, sagt Otto.

Das Vorbild: Hamburgs älteste Juniorenfirma Himmel Erde Wasser, die 1994 von der HEW gegründete wurde und heute den Namen Young Energy at Hamburg (YE@H) trägt. Sie verkauft unter anderem ausrangierte PCs und Hardware sowie Werbemittel innerhalb des Vattenfall-Konzerns und lässt in der Projektwerkstatt Schaltkästen und metallene Telefonlistenhalter herstellen. Stefan Delor, Leiter der Berufsausbildung bei Vattenfall, lobt die Juniorenfirma „als Ausbildungskonzept, das den Jugendlichen unternehmerisches Denken und Handeln sowie Teamwork und Eigenständigkeit vermittelt“. Auch bei Otto wollte man die Selbstständigkeit der Auszubildenden fördern. Darum hat das Unternehmen im Jahr 2000 die Juniorenfirma Cultur-e gegründet: „Wir bieten einen umfassenden Webservice von der individuellen Beratung über die Konzeption und Erstellung von Internet- und Intranetseiten bis hin zur Schulung der Otto-Mitarbeiter an“, erzählt der angehende Informatikkaufmann Jan Starcke. Er betreut neben den konzerninternen Auftraggebern auch externe Kunden, für die Culture Webshops oder Homepages programmiert. Als einer von vier Geschäftsführern muss er dafür sorgen, dass der Laden läuft. „Nicht immer einfach, wenn die ‚Untergebenen’ gleichzeitig Azubi-Kollegen sind, denen es auf die Finger zu gucken gilt“, sagt der 20-Jährige. Um so wichtiger sei es, Arbeitsprozesse zu koordinieren und als gut organisiertes Team aufzutreten.

Koordination und Teamwork gehörten auch für Maren Nemitz zum Arbeitsalltag während ihrer eineinhalbjährigen Lehre zur Fachkraft im Gastgewerbe: Sie absolvierte ihre Ausbildung im Restaurant „Zum kleinen Zinken“, das sie gemeinsam mit 15 Azubi-Kollegen leitete. Träger des Projekts ist der Verein Koala, finanziert wird es von der Arbeitsagentur, der Stadt Hamburg und dem Europäischen Sozialfonds. „Vom Einkauf über die Menüzusammenstellung bis hin zum Service und zur Kassenabrechnung mussten wir alles selber organisieren“, sagt die 26-Jährige, die im Juni ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat.

Auch Dominique Hennig vom Hansebäcker Junge hat inzwischen ihre Abschlussprüfung bestanden. Und ihr Engagement als Azubi-Filialleiterin wird nun honoriert: Eine Tätigkeit als stellvertretende Leiterin in einer Hamburger Hansebäcker-Filiale wurde ihr bereits zugesichert. Für Ausbilderin Sonja Rowedder eine gute Entscheidung, denn „der beste Nachwuchs kommt schließlich aus den eigenen Reihen.“

Andrea Becker
andrea.becker@hk24.de
Telefon 36 13 8 329
hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2006