Handelskammer Hamburg 2006

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Immersionsschulen

Lernziel: Zweisprachigkeit

Englisch lernen ohne Grammatik zu pauken – das ist das erfolgreiche Konzept von Immersionsklassen an drei Hamburger Grundschulen. Vor drei Jahren wurde in Hamburg dieses Pilotprojekt gestartet. Doch seine Zukunft ist ungewiss – trotz großer Erfolge.

Kinderlachen klingt über die Flure. Die Klasse 3d der Schule An der Gartenstadt stürmt ihren Klassenraum. Auf dem Stundenplan steht Sachunterricht, das Thema: Hunde. „Could you please read to us, what we want to do today, Kati and Nastia?“, fragt Lehrerin Almut Lepschy. „What does a dog need?“ und „What is your job when you have a dog?“, lesen die beiden Achtjährigen ganz selbstverständlich die Aufgabenstellung in bestem Englisch von der Tafel. „A dog needs food and a feeding bowl." "You have to take him outside." "You must buy Kauspielzeug". "And he also needs a Leine“ – antworten voller Enthusiasmus ihre 27 Mitschüler. Dass sie dabei Deutsch und Englisch hin und wieder noch mit einander vermischen, ist normal. Denn an der Schule An der Gartenstadt wird Englisch als Unterrichtssprache ganz natürlich mitgelernt.

Das Prinzip nennt sich „immersives Lernen“ und gehört seit Jahrzehnten in mehrsprachigen Ländern wie Südafrika, der Schweiz oder Kanada zum Schulalltag. 70 Prozent des Unterrichts findet vom ersten Schultag an in einer Fremdsprache statt.

Die Alphabetisierung erfolgt in der Muttersprache, also auf Deutsch. „Dabei werden die natürlichen Erwerbsmechanismen von Kindern im Vor- und Grundschulalter genutzt“, erklärt Gila Hoppenstedt vom German Institute for Immersive Learning (GIFIL). Vor drei Jahren wurde ihr Institut von der Bildungsbehörde mit der Durchführung des Pilotprojektes betraut. Seither bieten drei öffentliche Schulen immersiven Unterricht an: die Schule An der Gartenstadt, die Grundschule Max-Eichholz-Ring und die Rudolf-Ross-Gesamtschule. „In diesem Jahr hätten wir statt zwei auch drei erste Klassen einrichten können“, sagt Katrin Saffian, kommissarische Schulleiterin der Schule An der Gartenstadt. Ein Drittel der Bewerber wurde mangels ausreichender Lehrkräfte zurückgewiesen. „Bei den Kindern, die sich für unsere Immersionsklasse bewerben, kommt es nicht auf den sozialen Hintergrund an“, erklärt Saffian. Vielmehr sei eine gute, altersgemäße Entwicklung der Muttersprache, die Fähigkeit zur Konzentration und ein kommunikationsfreudiges Umfeld erforderlich. Der Migrantenanteil in der 3d liegt bei über 50 Prozent.

Ob ein Kind für immersives Lernen geeignet ist, wird während des Besuchs einer bilingualen Vorschulklasse oder in einem nachmittäglichen Probeunterricht überprüft. „Von tragender Bedeutung ist darüber hinaus, dass Eltern sich bewusst für die mehrsprachige Ausbildung ihrer Kinder entscheiden, ihre Kinder unterstützen und die Muttersprache durch Lesen, Vorlesen und das tägliche Kommunizieren weiterhin fördern“, sagt Saffian.

Die immersiven Klassen benötigen vollständig neue Unterrichtsmaterialien. Der zeitaufwendige Prozess wird von GIFIL mit den beteiligten Lehrern neben der üblichen Unterrichtszeit umgesetzt und gleichzeitig genutzt, um innovative Lehrmethoden und Materialien einzuführen. Die Unterrichtsstruktur ist daher weit entfernt von Frontalunterricht und spricht die unterschiedlichsten Sinne an. „Ich übernehme im Unterricht eher die Rolle einer Moderatorin“, sagt Lehrerin Lepschy.

Mit Erfolg – laut einer Untersuchung der Universität Kiel liegt die 3d im Vergleich mit Gleichaltrigen in allen Fächern und Grundkompetenzen mindestens gleich, lernt aber ganz nebenbei eine weitere Fremdsprache. „In Mathematik sind die Schüler sogar signifikant besser“, freut sich Schulleiterin Saffian. Die Immersionsschulen werden daher von vielen Seiten als zukunftsweisendes Projekt bezeichnet. Ein besonderer Erfolg war die Auszeichnung mit dem Europäischen Sprachensiegel 2005. Hierbei wurden insbesondere die schulartübergreifende Zusammenarbeit der hoch engagierten Lehrkräfte, die motivierende Förderung des selbstständigen Arbeitens und die Erstellung ausgezeichneter Materialien in Modulform hervorgehoben.

Trotz der großen Erfolge ist die Zukunft des Projektes mehr als unsicher. „Die Fördermittel zur Anschubfinanzierung laufen im nächsten Jahr aus“, sagt Gila Hoppenstedt von GIFIL. Ob eine weitere Förderung durch öffentliche Gelder möglich ist, sei ungewiss. „Wir knüpfen daher große Hoffnungen an private Unterstützer, vor allem aus der Wirtschaft." In einer zunehmend globalisierten Welt sei es schließlich wichtig, schon in den ersten Schuljahren zusätzliche Sprachen zu lernen.

Erste Hoffnungsschimmer sind bereits zu erkennen. So hatten die Lehrer eine Unterrichtseinheit rund um das anschauliche Thema „Glas“ konzipiert. Die nötigen Unterrichtsmaterialien finanzierte das Aktionsforum Glasverpackung hinter dem zwei Verbände der Glasindustrie stehen. Auch die Microsoft-Stiftung Wissenswert fördert das Projekt seit seinen Anfängen. „In dieser Richtung gibt es noch unzählige Möglichkeiten, wie wir den Immersionsunterricht erhalten und bereichern können“, meint Hoppenstedt.

Doch selbst wenn mit dem immersiven Unterricht in zwei Jahren Schluss wäre, eines ist den Kindern der 3d nicht mehr zu nehmen: Eine flexiblere Denkweise und Kreativität bei der Entwicklung eigener Strategien. Kompetenzen, die nach dem Pisa-Schock vor drei Jahren notwendiger sind denn je.

Thorsten Koletschka
thorsten.koletschka@hk24.de
Telefon 36 13 8 736

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You will find an English translation of this article online at: www.hamburger-wirtschaft.de

Infos und Kontakte

Mehr zu Immersionsschulen in Hamburg und Fördermöglichkeiten: GIFIL gGmbH, Heidenkampsweg 45, 20097 Hamburg, Telefon 80 90 45 433, www.gifil.de

hamburger wirtschaft, Ausgabe Dezember 2006