Handelskammer Hamburg 2007

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Hafenberufe

Mister Tallymann

Noch vor wenigen Jahrzehnten bestimmte Handarbeit und Muskelkraft das Leben im Hafen. Die Revolution kam mit den Containern. Heute sind alte Berufe zwar noch präsent, geraten aber in der Gesellschaft zunehmend in Vergessenheit.

In 38 Meter Höhe bedient Sönke Greve den linken Hebel am Schaltpult vor sich. Der HHLA-Brückenfahrer senkt die Greifarme seines Spreaders punktgenau über den Container. Dann zieht er zwei Container auf einmal hoch, lässt sie über den Burchardkai schweben, um sie auf dem Schiff wieder abzusetzen. Bis zu 30 Durchläufe, sogenannte Moves, macht Greve in einer Stunde. Ein Einweiser gibt ihm über Funk die Anweisungen. Auf dem HHLA Container-Terminal am Burchardkai arbeiten neben den Containerbrückenfahrern Van-Carrier- und Stackerfahrer, Mechatroniker und Werksleute, Checker, Terminalplaner und viele mehr.

Anfang der 60er-Jahre, zur Blütezeit des Stückgutumschlags, waren im gesamten Hafen täglich 60000 Arbeiter auf den Beinen. Hier tobte das Leben, überall war Stimmengewirr, es gellten Rufe und Weisungen über Wasser und Land. Über 70 Tätigkeiten gab es, die fürs Löschen und Laden verantwortlich waren. Neben den klassischen Ausbildungsberufen wie Quartiersmann oder Ewerführer sorgten angelernte Arbeiter als Markierer, Pansenklopper oder Schauermann für den reibungslosen Ablauf im Hafen. Da es damals noch auf Muskelkraft ankam, machten die Schiffe meist mehrere Tage fest.

Die Schauerleute kümmerten sich um das Entladen der Frachter. Jeder Arbeitstag war anders: Mal wurden Gewürze oder Bananenstauden, dann wieder Kohle oder Teppiche gelöscht. Kakao- und Kaffeesäcke wogen im Schnitt 60 Kilo. Spezielle Hakenwerkzeuge, sogenannte Griepen, erleichterten den Job, denn die prall gefüllten Säcke ließen sich nicht sonderlich gut greifen. Bei feinerem Sackgewebe kam die „Zuckerklatsche“ zum Einsatz. Unter Leitung von Luken- und Stauervize arbeiteten sich die Männer vor, zurrten das Ladegeschirr um die Hieven, die dann vom Kran durch die Luke an Deck gehoben wurden.

Hier erfasste der Tallymann die Mengen, die anschließend über die Kaikante oder in die Schuten gingen. Im Auftrag des Schiffmaklers kontrollierte er die Ladung auf äußerlich erkennbare Schäden – gute Warenkenntnisse waren da unabdingbar. Eine weiße Färbung bei Kakaobohnen deutet beispielsweise auf Fäulnis hin. Und verschimmelte Ware will niemand haben. Die Tallyleute mussten auch plietsch im Rechnen sein: Verschiedenste Maßeinheiten wie Kubikfuß oder Short ton wurden umgerechnet.

Für den Gütertransport innerhalb des Hafens waren die Ewerführereien unerlässlich. Die Ladung wurde in Schuten längsseits der Schiffe oder am Kai übernommen und dort auch wieder gelöscht. Ob Kisten, Säcke, Fässer oder Gummiballen – alles musste einzeln von Hand angefasst werden.

In der Speicherstadt waren Quartiersleute, die Treuhänder der Kaufmänner, als Lagerunternehmer tätig. Sie prüften und sortierten die Waren, zogen Proben und sorgten für eine sachkundige Aufbewahrung. Auch wenn die Ewerführer mit den Quartiersleuten ihre kleine Privatfehde hatten, wenn die Hieve in die Schute zu fallen drohte, bangten die Ewerführer um ihre Gesundheit, arbeiteten sie alle Hand in Hand.

Anfang der 70er-Jahre verdrängten auch in Hamburg die Container den normalen Stückgutumschlag und damit die Existenz der Ewerführereien. Karl Heinrich Altstaedt, der sich vom Quartiersmannsgehilfen in den 50er-Jahren bis zum Schiffsmakler hochgedient hat, erinnert sich: „Zuerst standen nur wenige Container an Deck.“ Doch es wurden und werden immer mehr, die Aufgaben der Hafenarbeiter änderten sich. Tallymann, Quartiersmann und Warenkontrolleur wurden 1975 im Beruf des Seegüterkontrolleurs zusammengefasst. Die alten Berufe sind zwar im Hafen präsent, geraten aber in der Gesellschaft zunehmend in Vergessenheit. Um ihr Erbe zu bewahren, entsteht seit 1999 im Hansahafen das „Hafenmuseum im Aufbau“. Im Schuppen 50A zeigt die Außenstelle des Museums der Arbeit die verschwundene Welt: alte Schuten, Schwimm-Dampfkran und ein Dampfschutensauger. „Wir sind stolz darauf, dass viele unserer Geräte vorführfähig sind“, sagt Museumsleiter Achim Quaas. „Dank einer Sondergenehmigung können die Besucher unsere Dampfanlagen im Einsatz erleben.“

Durch die Containerrevolution können in immer kürzerer Zeit immer mehr Güter umschlagen werden. Betrug der Containerisierungsgrad im Hafen Anfang der 90er-Jahre noch 68 Prozent, waren es im Jahr 2006 bereits über 97 Prozent. Containerbrücken, Van-Carrier, Automated Guided Vehicles, Reachstacker – an die Hafenarbeiter werden neue Herausforderungen gestellt. Mit der „Fachkraft für Hafenlogistik“ ging im letzten Jahr ein neuer Beruf an den Start. „Die Ausbildungsinhalte vom Seegüterkontrolleur waren nicht mehr zeitgemäß“, sagt Wolf-Günter Schmitt, Geschäftsführer der HTS Hanseatic Tally Service GmbH, und ergänzt: „Die Chancen für Berufsanfänger in der Hafenwirtschaft sind gut.“ Das sieht Henning Scharringhausen vom Fortbildungszentrum Hafen Hamburg e.V. genauso: „Das umfangreiche Hafen-Know-how geht nach und nach in den Ruhestand, daher ist die grundlegende Ausbildung von qualifizierten Nachwuchskräften besonders wichtig.“

Katrin Meyer
katrin.meyer@hk24.de
Telefon 36 13 8 329
hamburger wirtschaft, Ausgabe Mai 2007