Handelskammer Hamburg 2008

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Marktführer

Heimliche Helden

„Hidden Champions“ machen Umsatz statt Schlagzeilen: Manche Mittelständler besetzen Nischen derart erfolgreich, dass sie inzwischen europa- oder gar weltweit Marktführer sind. In Hamburg gibt es die meisten dieser „Gewinner im Verborgenen“.

Hamburg, Istanbul, Johannesburg. Auf allen Flughäfen laden Travel Value und Duty-free-Shops ein, vor dem Abflug schnell und preisgünstig Parfüm, Whisky oder eine Stange Zigaretten zu kaufen. Mit einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro ist die Gebr. Heinemann KG aus der Hamburger HafenCity einer der führenden zoll- und steuerbefreiten Groß- und Einzelhändler der Welt. Das überrascht Sie? Kein Wunder. Das Handelsunternehmen ist einer der sogenannten Hidden Champions. Von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, bauen Gunnar und Claus Heinemann in vierter Generation die Geschäfte aus. Das Ziel: die internationale Marktführerschaft in ihrem klar definierten Markt. In Hamburg gibt es überdurchschnittlich viele „heimliche“ Europa- und Weltmarktführer. Statistisch kommen hier auf eine Million Einwohner 29,4 Hidden Champions. Das hat eine umfangreiche Untersuchung von 1300 Firmen im deutschsprachigen Raum ergeben, die Hermann Simon von der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners durchgeführt hat. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Schnitt sind es 14,2, das industriell schwache Berlin hingegen weist nur 9,4 Hidden Champions pro einer Million Einwohner auf. „Natürlich gibt es weitere Firmen, die ich noch nicht entdeckt habe“, räumt Simon ein. Schließlich treten viele nur selten ins Rampenlicht.

Gebr. Heinemann beliefert 1000 Kunden in 70 Ländern. Hinzu kommen 220 eigene Läden an 38 Flughäfen. Weitere Standorte sollen folgen. „Weltmarktführer wird man nur, wenn man in die Welt hinauszieht“, bringt Hermann Simon die Strategie auf den Punkt. „Dass Hamburg an der Spitze der Hidden Champions liegt, hat mich selbst überrascht“, sagt er. Aber in der Stadt gebe es nur wenige wirkliche Großunternehmen wie Otto oder Beiersdorf. Stattdessen hat Hamburg einen breit aufgestellten Mittelstand, der in verschiedensten Märkten aktiv ist.

Katharina von Ehren ist vor kurzem in die Geschäftsführung des Pflanzenhandels Lorenz von Ehren GmbH & Co. KG aufgerückt. Kerngeschäft der Baumschule sind die Anzucht und der Handel mit Solitärgehölzen und großen Bäumen in Europa. Auch die Silberlinden an der Flaniermeile Jungfernstieg stammen von den Quartieren des Familienunternehmens mit Sitz in Marmstorf. 1865 gründete Johannes von Ehren den Betrieb. Bald darauf lieferte er Gehölze nach Potsdam und Kopenhagen, auch der Zarenhof in St. Petersburg zählte zu den Kunden. Viele der Hidden Champions sind Traditionsbetriebe, die ihre Strategie in einer kleinen Nische über Jahrzehnte hinweg verfolgen, stellt Unternehmensberater Simon fest. „Langfristige Ziele und Beharrlichkeit zeichnen die erfolgreichen Unternehmen aus“, betont er. Außerdem sei oft eine hohe Kontinuität in der Führungsetage zu beobachten. Der Faktor Zeit spiele in ihrem Geschäft eine wichtige Rolle, sagt Katharina von Ehren. Die Bäume, die hier wachsen, sind bis zu 60 Jahre alt, bevor sie verkauft werden. In der Regel sichern sich die Marktführer aus dem Mittelstand ihren Anteil durch gute, überlegene Leistung, nicht durch aggressive Preise. „Wenn die Baubranche im Norden schwächelt, machen wir mehr Projekte in anderen Regionen und Ländern“, sagt Katharina von Ehren. „In den vergangenen 20 Jahren haben wir das internationale Geschäft in Westeuropa massiv ausgebaut, verstärken seit einigen Jahren gezielt unser Vertriebsteam in Osteuropa.“ Die Exportquote beträgt heute 35 Prozent – ein wichtiges Standbein.

Typisch für viele Hidden Champions ist die Entwicklung von Maschinen oder speziellen Betriebsstoffen. Häufig arbeiten sie hinter den Kulissen des Endproduktes. Das Stammgeschäft der Holding Körber AG beispielsweise sind Maschinen zur Tabakverarbeitung, Filter- und Zigarettenherstellung. Hier ist sie mit der Hauni Maschinenbau AG weltweit Marktführer. Doch die Körber AG hat unter ihrem Dach eine Reihe weiterer Spitzenunternehmen versammelt. Unter ihnen die E.C.H. Will GmbH, die unter anderem Schneidemaschinen für die Papierindustrie herstellt: Rund die Hälfte aller Schulhefte weltweit kommen unter ihre Messer. Andere Konzernsparten entwickeln Werkzeugmaschinen und Verpackungssysteme für den Pharmabereich. „Körber beeindruckt mich immer wieder“, sagt Hermann Simon. „Das Unternehmen ist stark diversifiziert. Es verfolgt offenbar überall die Strategie, Weltmarktführer zu werden.“

Die Globetrotter Ausrüstung Denart und Lechhart GmbH mit sieben Filialen in Deutschland, Versandkatalog und einem umfangreichen Online-Shop steht für Fachkompetenz bei Outdoor-Equipment. Seit 1979 hat sich das nachhaltige Geschäftskonzept bewährt, das auf den Faktor Mensch setzt. Denn in diesen investiert das Unternehmen. Wer hier arbeitet, teilt mit der Geschäftsführung die Begeisterung für Reisen und Natur. „Die Einstellung muss stimmen“, fasst Geschäftsführer Andreas Bartmann zusammen. Viele Mitarbeiter verfügen über besondere Reiseerfahrung, da sie selbst Extremurlauber sind. Sie empfehlen das, was sie auch selbst für eine Tour kaufen würden. Daher wirkt Europas größter Outdoor-Ausrüster so authentisch. Und deswegen kaufen die Kunden hier ein. So bescheren sie dem Unternehmen ein stetes Wachstum.

Führungspositionen besetzt die Geschäftsleitung möglichst intern, bildet die Belegschaft gezielt weiter. „Wir übertragen unseren Mitarbeitern sehr früh Verantwortung“, sagt Bartmann. „Dadurch erreichen wir eine loyale und stabile Mitarbeiterschicht.“ Dieses Vorgehen sei typisch für Hidden Champions, sagt Hermann Simon. Bei Globetrotter fördern gemeinsame Ausflüge den Zusammenhalt und die Kommunikation. In den Filialen wie in der Rahlstedter Zentrale sind die Gemeinschaftsräume großzügig bemessen – „unsere Rückzugsoasen“, nennt Bartmann sie. Die Fluktuation sei extrem gering. „Verantwortung und Begeisterung für den Job sind ein großer Motor für unser Unternehmen“, ist Andreas Bartmann überzeugt.

Hidden Champions müssen keine jahrzehntealte Traditionsunternehmen sein. Die 2001 gegründete SkySails GmbH & Co. KG zählt ebenfalls zu den heimlichen Stars in Hamburg. Die innovativen Forschungs- und Entwicklungsspezialisten um Geschäftsführer Stephan Wrage haben ein Zugdrachen-Antriebssystem für die Frachtschifffahrt entwickelt, das die Windkraft nutzt. So könne der Treibstoffverbrauch bei optimalen Bedingungen um bis zu 50 Prozent reduziert werden, sagt Wrage. Die Idee kam dem leidenschaftlichen Segler und Lenkdrachenflieger im Alter von 15 Jahren – „nachdem ich von einem Drachen in Höchstgeschwindigkeit über den Strand gezogen wurde“. Inzwischen hat sich viel getan. 2003 fand SkySails einen Finanzierungspartner. Erste Tests mit dem Drachen liefen positiv, und die Visionäre gewannen an Glaubwürdigkeit und Ansehen. Nun muss sich SkySails bewähren: Im Januar sticht erstmals ein Schwergutfrachter in See, an dessen Bug das SkySails-System installiert ist. Hamburg ist mit seinen geheimen Weltmarktführern gut aufgestellt. Doch könnte der Stadtstaat seine allgemeine Spitzenposition bei den Hidden Champions noch weiter ausbauen: durch einen effektiveren Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, für den sich die Handelskammer Hamburg stark macht. Mit einer gemeinsam von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik getragenen Einrichtung, die für kleine und mittlere Unternehmen die Strukturen für Kooperationen schafft. Denn so kann die Wissenschaft frühzeitig über die Bedürfnisse der Wirtschaft informiert werden.

Katrin Meyer
katrin.meyer@hk24.de
Telefon 36 13 8 329

Infos und Kontakte

Der Begriff Hidden Champion wurde geprägt von Hermann Simon von der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners. In den letzten 20 Jahren beschäftigte sich der Professor intensiv mit den heimlichen Helden der Wirtschaft, die ihre Geschäfte in der Regel fernab großer Schlagzeilen betreiben. In ihren Nischen haben sie kontinuierlich ihren Marktanteil ausgebaut und sind inzwischen europa- oder gar weltweit Marktführer. Als weiteres Kriterium für einen Hidden Champion zieht Simon den Umsatz heran, der im Jahr nicht mehr als drei Milliarden Euro betragen darf. Hatte Unternehmensberater Simon für seinen Bestseller „Heimliche Gewinner“ 1996 noch knapp 500 Firmen aufgespürt, sind es inzwischen über 1300 Unternehmen, deren Erfolgsstrategien er in seinem neuen Buch analysiert („Hidden Champions des 21. Jahrhunderts“, 2007, Campus Verlag).

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hamburger wirtschaft, Ausgabe Januar 2008