Handelskammer Hamburg 2008

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Interview: Henry C. Brinker

Musik als Herausforderung

Henry C. Brinker ist seit Januar Marketing-Chef der Elbphilharmonie. Die hamburger wirtschaft sprach mit ihm über Mäzenatentum, Schlaflieder und Kunst, die das ganze Leben verändert.

hamburger wirtschaft: Sie sind vielen Hamburgern noch bekannt als moderierender Programmchef von Klassik Radio oder als Chefreporter der Zeitschrift „Gala“. Bis 2007 waren Sie Marketing-Direktor der Semperoper in Dresden. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit für die Elbphilharmonie zu machen?

Henry C. Brinker: Mit der Elbphilharmonie entsteht etwas gänzlich Neues. Christoph Lieben-Seutter, der Generalintendant der Elbphilharmonie, will Musikangebot, Stadt und Spielstätte als Einheit begreifen. Dies hat mir sehr gefallen. Einen totalen Neuanfang gibt es natürlich auch hier nicht, denn die Elbphilharmonie wäre ohne die Laeiszhalle nicht denkbar. Wir haben daher auch die Elbphilharmonie in die Öffentlichkeitsarbeit zum 100. Geburtstag der Laeiszhalle miteinbezogen.

hw: Wie haben Sie in Ihrer Zeit in Dresden Hamburg als Kulturstadt erlebt?

Brinker: Hamburg hat eine lebendige Bürgergesellschaft. In Dresden war der Bruch durch den Kommunismus deutlich spürbar. Hier in Hamburg erlebt man eine ganz enge Verbindung von Stadt, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Geschichte. Hamburg ist einfach eine bedeutende Metropole Nordeuropas. Eine Tournee ohne Hamburg ist eine Tournee ohne Deutschlands Norden. In unseren „Nordic Concerts“, die wir auch in der Elbphilharmonie fortsetzen wollen, greifen wir das auf.

hw: Wie wird das Programm der Elbphilharmonie aussehen?

Brinker: Christoph Lieben-Seutter liebt Musik mit Anspruch jedweden Genres, dazu gehört auch Jazz oder die Musik Lateinamerikas. Ich denke, wir werden den musikalischen Sprung über den Atlantik erleben, z. B. mit Musik aus Brasilien.

hw: Ist Hamburg bereit, eine Musikmetropole zu werden?

Brinker: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Früher wurden Kinder in der Familie ganz selbstverständlich zur Musik erzogen. Das ist heute nicht mehr so. Das Publikum von heute hätte in den letzten 30 Jahren herangezogen werden müssen. Im Bereich der Musikerziehung besteht also ein gewisser Nachholbedarf. Die Elbphilharmonie ist jedoch nicht die Lösung des Themas musikalische Bildung, sondern eine Verpflichtung für uns. Die musikalische Erziehung durch die Eltern und die Schulen bleibt immer mitentscheidend für das Interesse an Musik. Die beste Werbekampagne für Musik ist das Schlaflied, das Eltern ihren Kindern vorsingen.

hw: Wofür steht die Elbphilharmonie? Welche Botschaften sollen mit der Elbphilharmonie vermittelt werden?

Brinker: Zunächst wollen wir „Landmark“ und „Mindmark“ sein: Wahrzeichen und „Denk“mal. Das Gebäude der Elbphilharmonie ist nicht nur ein Architekturjuwel, sondern auch ein Symbol für die Einstellung der Hamburger zu Unternehmergeist, Risikowillen, Zukunftsgewandtheit. Die zweite Botschaft lautet „Exzellenz“. Wir wollen uns mit dem Publikum auf die Suche nach dem Besten in der Musik machen – in welchen Sparten auch immer. Und natürlich wollen wir Werke mit Inhalt vermitteln, die Bedeutung für das Publikum haben. In Kunst ist Transzendenz angelegt. Gute Kunst weist immer über das Kunstwerk hinaus. Sie kann uns verändern, einen Konzertbesuch lang, für eine gewisse Zeit danach und manchmal auch für das ganze weitere Leben.

hw: Wie wirkt sich das gesellschaftliche Umfeld in Hamburg auf das Marketing für die Elbphilharmonie aus?

Brinker: Wie alle Großstädte hat auch Hamburg eine heterogene Bevölkerung in Bezug auf Bildung und wirtschaftliche Verhältnisse. Wir brauchen daher ein Marketing, das einen Ausgleich schafft zwischen den unterschiedlichen Voraussetzungen bei der Beschäftigung mit dem Thema Konzert. Ein zahlungskräftiges, repräsentationsfreudiges Publikum ermöglicht letztlich auch den Konzertbesuch für weniger Betuchte. In Hamburg fördern Gestütsbesitzer und Autosammler auch die Kunst und ermöglichen durch ihr Mäzenatentum kulturelle Highlights – und zwar für alle. In diesem Zusammenhang ist uns das geplante Elbphilharmonie-Kulturcafé im Schumacherbau in der Mönckebergstraße ganz wichtig. Dort soll zum einen der Kartenvorverkauf stattfinden, zum anderen wollen wir einem breiten Publikum „Kultur für alle“ anbieten und Publikumsentwicklung betreiben. Außerdem halten wir in allen Preiskategorien stets ein Kontingent an Karten für ein jugendliches Publikum vor. Angebot und Marketing sind das eine. Ob aber die Elbphilharmonie wirklich ein Erfolg wird, liegt bei den Hamburgern selbst. Die spannende Frage lautet: Ist Hamburg bereit, die kulturelle Herausforderung Elbphilharmonie anzunehmen?

hw: Welche Angebote haben Sie für die Hamburger Unternehmen?

Brinker: Wir haben attraktive Sponsoringpakete vom Hauptsponsoring mit Summen bis zu 500000 Euro über Projektsponsoring, zum Beispiel im Bereich Musikvermittlung, für etwa 150000 Euro, bis zum Konzertsponsor für 25000 bis 125000 Euro. Jeder, der sich bei der Elbphilharmonie engagiert, bekommt einen echten PR-Gegenwert zurück. Unternehmen mit einer Größe ab hundert Mitarbeitern kommen auch für ein Mitarbeiterabonnement in Frage, kleineren Unternehmen empfehlen wir eine Mitgliedschaft im Freundeskreis der Laeiszhalle oder die Unterstützung der Stiftung Elbphilharmonie.

Jörn Schüßler
joern.schuessler@hk24.de
Telefon 36 13 8 508

hamburger wirtschaft, Ausgabe Juli 2008