Handelskammer Hamburg 2007

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Stadtverkehr

Ring frei!

Der umstrittene Lückenschluss am Ring 3 zwischen Rahlstedt und Barsbüttel ist nur eines von vielen Verkehrsproblemen, für die Hamburg zum Teil seit Jahren eine Lösung sucht.

Wie kaum eine andere Metropole Deutschlands lebt Hamburg vom Verkehr. Nicht die Stadtgründung, sondern der Hafengeburtstag wird jedes Jahr gefeiert. Die Globalisierung und die damit einhergehende Dynamik im Seeverkehr hat Hamburgs Position als zweitgrößter Containerhafen Europas gefestigt, der Spitzenreiter Rotterdam könnte schon bald eingeholt werden. Die prosperierende Wirtschaft der Hansestadt tut ein Übriges – wo mehr produziert und konsumiert wird, wird auch mehr transportiert.

In der Vergangenheit haben die amtierenden Senate einer verbesserten Leistungsfähigkeit des Hauptverkehrsstraßennetzes stets eine hohe Priorität eingeräumt. In den vergangenen Jahren wurde dies mit vergleichsweise kleinen, aber durchaus wirksamen Maßnahmen betrieben – wie etwa mit der Verlängerung von staubelasteten Abbiegespuren oder der Einführung der verkehrsabhängigen Lichtsignalsteuerung, die nach einer erfolgreichen Testphase rund um die Kreuzung Habichtstraße nun allmählich auf weitere hochbelastete Knotenpunkte ausgedehnt wird. Zudem wurde das Hamburger Hauptverkehrsstraßennetz an einzelnen Stellen gezielt gestärkt. Zu den größeren Maßnahmen der vergangenen Jahre zählen beispielsweise der Ausbau der Elbgaustraße und der Sengelmannstraße von zwei auf vier Fahrspuren.

Auch der Hamburg Airport wurde bereits im Jahr 2000 direkt an den Ring 3 im Norden angeschlossen. Von hier gelangen Hamburgs Autofahrer heute entweder nach Westen an die A7 oder nach Osten zur A1. Während die Anbindung des Flughafens in Richtung Westen mit vier Fahrspuren durchgehend gut ausgebaut ist, hat der Ring 3 in Richtung Osten in mehreren Abschnitten nach wie vor erheblichen Ausbaubedarf. Die Hamburger Wirtschaft fordert seit Jahrzehnten insbesondere den Lückenschluss am Ring 3 zwischen Rahlstedt und dem schleswig-holsteinischen Barsbüttel. Dieser ist bereits seit 1960 in allen Flächennutzungsplänen der Stadt verzeichnet. Im Jahr 1984 haben sich die Stadt Hamburg und Schleswig-Holstein auf die Realisierung geeinigt. Mit der 2005 erfolgten Fertigstellung der neuen Autobahnanschlussstelle in Barsbüttel, die auch der Erschließung des dortigen 100 Hektar großen Gewerbegebietes dient, gibt es einen weiteren Faktor, der das Straßenbauprojekt erforderlich macht. Außerdem spielt der Lückenschluss für die Anbindung der nordöstlichen Hamburger Stadtteile an Lübeck, Berlin und Ziele in südlicher Fahrtrichtung auf der A1 eine große Rolle. Das gilt auch für den Stadtverkehr. Vor allem der Wirtschaftsverkehr zu den Gewerbegebieten Höltigbaum, Merkurring und Bargkoppelweg würde so eine leistungsfähige und direkte Verbindung an das Fernstraßennetz erhalten. Auch die innerstädtische Erreichbarkeit zwischen Bergedorf und dem Nordosten des Stadtgebietes würde so verbessert werden.

Besonders betroffen sind Unternehmen, die ihren Sitz in einem der zahlreichen Gewerbegebiete wie Merkurpark oder Am Neuen Höltigbaum entlang des Ring 3 haben. „Der Ring 3 ersetzt den fehlenden Autobahnring im Norden Hamburgs“, sagt Lars Reeder, Geschäftsführer der Firma Hein & Oetting Feinwerktechnik. „Wir als Anlieger brauchen Anschluss an die A1 und die A24 in erster Linie für unsere Verkehre in Richtung Süden und nach Berlin.“ Bernd Grah, Logistikleiter der Firma Buch- und Presse-Großvertrieb Hamburg, stimmt ihm zu: „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. In unserem Gewerbe zählt Schnelligkeit. Deswegen brauchen wir den Lückenschluss.“

Auch aus ökologischer Sicht wäre der Lückenschluss sinnvoll. Alle Fahrzeuge, die den zeitraubenden Weg über die Anschlussstelle Stapelfeld wählen müssen, legen gemeinsam jährlich 30 Millionen Umwegkilometer zurück. Daraus ergibt sich eine Kohlendioxid-Belastung in Höhe von etwa 6100 Tonnen. Eine Menge, die mit dem Bau eingespart werden kann.

Trotzdem ist geplant, den Lückenschluss durch eine Änderung des Flächennutzungsplanes für immer zu verhindern. Dazu soll die Ausweisung als Hauptverkehrsstraße aufgegeben und das Areal zu landwirtschaftlichen Flächen umgewandelt werden. Das bedeutet: Kühe und Mähdrescher statt Wirtschaftsverkehr und eine Direktanbindung des Flughafens an die südöstliche Metropolregion. Dabei ist die angestrebte Änderung vollkommen unnötig, denn der Flächennutzungsplan schreibt keinen Handlungszwang vor. Noch ein weiteres Projekt treibt Hamburgs Unternehmern derzeit Sorgenfalten auf die Stirn: Der Koalitionsvertrag sieht eine Verengung der Stresemannstraße in Altona vor. Statt vier Fahrspuren soll es nur noch drei geben. Damit soll das Verkehrsaufkommen verringert werden, aber das Gegenteil könnte passieren: Die zahlreichen Autofahrer suchen sich Umwege. Außerdem könnte auch das touristische Markenzeichen Hamburgs von den Plänen betroffen sein. Für Lkw führt die vorgesehene Umleitung über die Reeperbahn. Das wird nicht ohne Auswirkungen auf die umliegenden Stadtteile bleiben, davon ist Thomas Usinger, Geschäftsführer der gleichnamigen Spedition, überzeugt: „Die ortskundigen Fahrer dürften Schleichwege durch Altona und St. Pauli suchen und so die Verkehrsbelastung in die Wohngebiete tragen, die anderen stehen zunehmend im Stau. Mehr Kohlendioxid-Ausstoß und eine deutliche Ausweitung der vom Verkehr betroffenen Wohnbevölkerung sind die unmittelbare Konsequenz.“

Tatsächlich würde die Umsetzung der bisherigen politischen Vorgaben zur Stresemannstraße und zum Thema Ring 3 bedeuten, dass Hamburg eine Trendwende in der Straßenverkehrspolitik einläutet. Bislang hatten alle Senate stets die Auffassung vertreten, dass der Straßenverkehr auf den großen Radialstraßen und den Ringen gebündelt wird, um einerseits die Verkehrsabwicklung gezielt zu optimieren sowie andererseits die Wohngebiete vom Straßenverkehr zu entlasten. Mit der Änderung des Flächennutzungsplanes in Rahlstedt und der künstlichen Verengung der Stresemannstraße würde diese Strategie erstmals aufgegeben werden.

Jan-Oliver Siebrand
janoliver.siebrand@hk24.de
Telefon 36 13 8 431

hamburger wirtschaft, Ausgabe September 2008