Handelskammer Hamburg 2009

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Gleichbehandlung

Service für Frauen

Im Hotel erhalten sie schlechtere Zimmer und im Restaurant den kleinsten Tisch: Frauen auf Geschäftsreisen. In Hamburg jedoch haben sich einige Hotels auf die besonderen Wünsche ihrer weiblichen Gäste eingestellt.

Schwere Vorhänge aus Frankreich, gedämpftes Licht aus antiken Leuchten und ein Arrangement aus frischen Blumen auf den prunkvoll verzierten Tischen: Im Hotel Abtei lockt die romantische Inneneinrichtung weibliche Gäste an. Viele schätzen vor allem das Bad mit dem Marmorwaschtisch und der großzügigen Ablage. Die Stadtvilla in Harvestehude wird von Frauen für ihre Geschäftsreisen besonders gern gebucht. Denn nicht in jeder Herberge werden weibliche Reisende ebenso gut behandelt wie Männer.

Noch immer kommt es vor, dass Frauen das Zimmer der B-Kategorie – beispielsweise neben dem Fahrstuhl – und im Restaurant den „Katzentisch“ erhalten. Oftmals das Ergebnis falscher Bescheidenheit, weiß Coaching-Expertin Barbara Schneider. Sie rät dazu, sich diese Behandlung nicht gefallen zu lassen, sondern sich selbstbewusst zu beschweren. Was einigen Frauen offenbar noch immer nicht leichtfällt. „Frauen wollen gemocht werden und formulieren sehr indirekt mit Weichspüler-Taktik, klare Ansagen sind effektiver“, so Schneider. In ihrem aktuellen Ratgeber „Fleißige Frauen arbeiten, schlaue steigen auf“ widmet sich daher ein ganzes Kapitel dem Thema „Körpersprache und Stimme“. „Halten Sie Blickkontakt, pflücken Sie Ihre Worte nicht von der Decke“, lautet ein Ratschlag – der bei der Diskussion mit dem Hotelpersonal sicherlich von Vorteil sein dürfte. Auch auf „wildes Gestikulieren“ und „verschränkte Arme vor der Brust“ sollte besser verzichtet werden. Tricks dagegen sind erlaubt, damit der Tisch im Restaurant auch gefällt. Barbara Schneider lässt einfach eine Bekannte anrufen, die für eine „gute Freundin“ einen schönen Tisch reserviert: „Das zieht immer.“

Welches Frauenbild haben Hoteldirektoren und ihr Führungspersonal, das sie an die meist jungen Mitarbeiter im Service von Hotel und Gastronomie weitergeben? Ein Aspekt, der aus Sicht der Karriereberaterin von großer Bedeutung bei der Behandlung der reisenden Chefin ist. Schneider: „Viele wissen oft nicht, wie wichtig Frauen als Entscheider sind. Denn Frauen sind es, die die Familienausflüge planen und das Hotel buchen.“

In den Hamburger Nobelherbergen Renaissance und Marriott weiß man offenbar um diese Doppelrolle der weiblichen Klientel. In speziellen Trainings werden die 240 Mitarbeiter für die Gleichbehandlung von Mann und Frau sensibilisiert. Das gilt besonders für den Barbereich, der in den Abendstunden oft von alleinreisenden Frauen aufgesucht wird, die auf Kontaktgespräche mit fremden Herren keine Lust haben. Im Renaissance leiten daher zwei aufmerksame Damen den Bar- und Restaurantbereich. Diskret aber bestimmt greifen sie ein, wenn sich weibliche Gäste belästigt fühlen. „Wir haben bewusst mehr weibliches als männliches Personal“, betont Madeleine Marx, langjährige Direktorin im Renaissance und jetzt Leiterin Sales und Marketing für beide Hotels im Stadtzentrum. Was Frauen sich in Hotels wünschen, weiß sie genau und hat sogar bei der Montage der Schminkspiegel in den Zimmern selbst Hand angelegt. Geschäftsfrauen auf Reisen legen darauf ebenso viel Wert wie auf einen Föhn. Und der sollte mehr als ein laues Lüftchen von sich geben und keinesfalls an der Wand befestigt sein, weil er damit für das Trocknen langer Haare ungeeignet ist. „Ein Haartrockner mit 1 600 Watt ist bei uns Standard“, so Marx. Auch kleine Details im Bad erfreuen das Frauenherz: Hygieneartikel wie Wattestäbchen und Kosmetiktücher zum Beispiel – in vielen Hotels allerdings noch immer nicht Bestandteil der Ausstattung. Und warum gibt es eigentlich Bügel für Anzüge, aber keine für Röcke? Das Hotel Abtei löste diese Frage stilgerecht mit einer antiken Schneiderpuppe in jedem Zimmer.

Viele Geschäftsfrauen wählen auf Reisen inzwischen gezielt Hotels aus, die sich auf ihre Wünsche eingestellt haben oder gar als reines Frauenhotel firmieren. In Hamburg gibt es seit 1995 das „Hanseatin“. Im kleinen Garten relaxen, das Frühstück auf dem Zimmer genießen – das schätzen Stammkundinnen aus ganz Deutschland. „60 Prozent unserer Buchungen werden von Geschäftsfrauen vorgenommen“, sagt Inhaberin Karin Wilsdorf. „Sie buchen immer wieder ‚ihr’ Zimmer, als wäre es ihr zweites Zuhause.“ Bei der Planung des Hotels mit 13 Zimmern wurden frauenrelevante Bedürfnisse berücksichtigt: extra große Spiegel, geräumige Schränke und auf Wunsch ein zweites Kissen für die ungestörte Nachtruhe. Im Bad stehen Frotteehausschuhe bereit, und in den Bücherregalen findet sich Lesestoff weiblicher Autoren. Eine Ausstattung, die Barbara Schneider auf ihren Reisen in den meisten Hotels vermisst: „Das Spektrum zwischen Bibel und TV-Zeitschrift könnte abwechslungsreicher gestaltet werden.“

Die Idee einer reinen Frauenetage im Renaissance wurde nach reiflicher Überlegung wieder fallen gelassen. Denn bei voller Belegung des Hauses und freien Zimmern auf diesem Stockwerk müssten doch männliche Gäste dorthin gebucht werden. Madeleine Marx sieht das pragmatisch: „Wenn mir als Frau auf Reisen etwas nicht passt, dann sage ich das auch. Ich möchte gleich behandelt werden, und dazu brauche ich keine Blümchentapete.“

Nicola Sieverling
redaktion@hamburger-wirtschaft.de
Telefon 36138-305

hamburger wirtschaft, Ausgabe Juli 2009