Handelskammer Hamburg 2009

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Interview: Christian Maaß

Raus aus dem Tabellenkeller

Die hamburger wirtschaft sprach mit Umwelt-Staatsrat Christian Maaß über Entsorgungssicherheit, Mülltrennung, Klimaschutz, die Entsorgergemeinschaft und eine neue Gebührenordnung.

hamburger wirtschaft: Wie viele Mülleimer stehen denn zu Hause in der Küche des Umwelt-Staatsrats?

Christian Maaß: Lassen Sie mich mal zählen: Der Biomüll wird auf meiner Dachterrasse kompostiert, dann der gelbe Sack sowie Behälter für Restmüll, Altpapier, Glas, Korken und Problemstoffe – wie sich das gehört und wie es auch für viele Hamburger selbstverständlich geworden ist.

hw: Die Stadtreinigung, deren Aufsichtsratsvorsitzender Sie sind, startete gerade eine große Werbekampagne für Mülltrennung. Was soll das?

Maaß: Im privaten Bereich ist Hamburg noch nicht so weit, wie wir sein wollen. Andere Städte sind beim Recycling viel weiter, zum Beispiel bei Papier oder Glas. Da befinden wir uns im Tabellenkeller, daher haben wir eine Menge Hausaufgaben vor uns.

hw: Woran liegt das?

Maaß:Vielleicht ist die Mülltrennung noch nicht bequem genug, vielleicht ist die Notwendigkeit der getrennten Sammlung von Wertstoffen noch nicht ausreichend ins öffentliche Bewusstsein gedrungen.

hw: Das heißt: Mülltrennung macht Sinn?

Maaß:Natürlich, ganz klar. Egal ob Altpapier, Biomüll oder Glas. Jedes gesammelte Kilo spart Rohstoff, aber auch Energie bei der Herstellung. Das Vorurteil, dass Wertstoffe doch wieder in der Verbrennung landen, ist schlicht falsch. Und alles in einer einzigen Tonne zu mischen, verschlechtert die Qualität der Recyclingmaterialien. Daher ist Trennung das einzig Sinnvolle!

hw: Auch wenn der Recyclingmarkt wie im Moment am Boden liegt?

Maaß:Absolut! Recycling macht schon aus Gründen des Klimaschutzes großen Sinn. Allein durch mehr stoffliche Verwertung der Abfälle aus Privathaushalten wollen wir jährlich 100 000 Tonnen Kohlendioxid zusätzlich einsparen, das ist eine Hausnummer, die sich wirklich lohnt.

hw: Wie wichtig ist dabei die blaue Tonne?

Maaß: Sehr wichtig, denn beim Altpapier haben wir die größten Klimaschutzpotenziale. Wir haben immer noch einen relativ hohen Anteil Papier und Pappe im Restmüll, nämlich 23 Prozent. Unsere Untersuchungen zeigen, dass alle, die eine blaue Tonne haben, mehr Altpapier trennen. Das ist einfacher und bequemer, als das Zeug zum Container zu schleppen. Deshalb werden wir das Konzept mit den gebührenfreien blauen Tonnen weiter ausbauen.

hw:  Wie will die Stadt die Entsorgungssicherheit gewährleisten?

Maaß: Was den Restmüll aus den grauen Tonnen angeht, setzen wir weiter auf moderne Müllverbrennungsanlagen. Dabei gilt: Je geringer die Restmüllmengen sind, desto weniger Infrastruktur und Verbrennungskapazitäten muss man vorhalten. Recycling spart also auch Kosten. Dass wir die Entsorgungssicherheit gewährleisten, in der bestehenden Aufgabenteilung zwischen privaten Entsorgern und der öffentlichen Hand, ist selbstverständlich, es geht eher darum, was uns diese Sicherheit kostet.

hw:  Wie ist das Verhältnis der Stadtreinigung zur privaten Entsorgungswirtschaft?

Maaß: Die privaten Entsorger sind ganz wichtig, gerade für das Recycling. Auch wenn die Stadtreinigung unverzichtbar ist und bleibt, spielen die Privaten insbesondere beim Gewerbemüll eine tragende Rolle.

hw: Welchen Stellenwert hat aus Sicht des Hamburger Senates die Entsorgergemeinschaft Hamburg, also die Interessenvertretung des Mittelstandes der Abfallbranche?

Maaß: Für die Stadt ist sie als Ansprechpartner jenseits einzelner Unternehmen wichtig. Darüber hinaus hat sie auch zur Selbstkontrolle eine ganz wichtige Funktion. Ich finde es gut, wenn sich in dieser nicht ganz einfachen Branche seriös arbeitende Unternehmen zusammenschließen und so mithelfen, dass der Markt bereinigt wird, wenn mal etwas nicht so läuft.

hw: Was bedeutet der Nationale Biomasseaktionsplan der Bundesregierung für Hamburg?

Maaß:  Wir haben noch erhebliches Potenzial. Wir wollen mehr Bioabfälle sammeln und diese verstärkt energetisch nutzen. Im Moment wird der Großteil organischer Abfälle kompostiert. Das ist auch eine gute Sache, aber eine Vergärung vorzuschalten und – wie in der Anlage Stellingen – Biogas zu gewinnen, wäre noch besser. Untersuchungen haben gezeigt, dass hier beachtliche Potenziale zur Vermeidung von Kohlendioxid liegen. Bis 2012 könnten wir im Vergleich zu heute 20 000 Tonnen CO2 einsparen.

hw: Aber mal im Ernst: Die Gewinnung von Energie aus altem Friteusen-Fett – ist das nicht pillepalle?

Maaß:  Nein. Unsere Strategie ist es, Abfall als Ressource zu sehen. Für jeden, wirklich jeden Stoff muss überprüft werden, ob er nicht für mehr taugt, als im großen Feuer einer Müllverbrennungsanlage zu enden. Das gilt auch für pflanzliche Öle und Fette.

hw: Welche strategischen Ziele verfolgen Stadt und Stadtreinigung mit dem erworbenen Kompostwerk Bützberg in Tangstedt?

Maaß: Für uns ist es wichtig, ein eigenes Bioabfallzentrum zu haben, das wir perspektivisch weiterentwickeln können. Dazu gibt es viele Überlegungen, aber noch keine konkreten Festlegungen. Aber: Wer das Sammeln von Biomüll ausweiten will, der braucht entsprechende Kapazitäten. Das Werk eröffnet also Optionen. Ganz abgesehen davon, war die Übernahme auch betriebswirtschaftlich sinnvoll.

hw: Wie bewerten Sie Hamburgs Entsorgungspolitik im Vergleich zu anderen Standorten?

Maaß: Wir blicken zunächst auf das, was wir leisten müssen. Unsere Richtung muss heißen: Reduzierung des Restmülls, Ausweitung der Verwertung auf allen Ebenen. Diese Strategie werden wir mit allen Instrumenten umsetzen.

hw: Zum Beispiel?

Maaß: Wir werden uns insbesondere die Gebühren anschauen. Wer konsequent recycelt, der soll auch etwas davon haben. Letztlich brauchen wir ein neues Gebührenmodell, das klimapolitisch vernünftige Akzente setzt.

hw: Hamburg wurde von der EU-Kommission zur Umwelthauptstadt 2011 gewählt. Mehr als eine Ehre?

Maaß: Ja, natürlich! Um bei unserem Thema zu bleiben, soll Hamburg zum Beispiel im Abfallbereich mittelfristig eine Spitzenposition übernehmen. Das ist im Moment beim Recycling noch schwierig, aber wer europäische Umwelthauptstadt ist, muss Strategien entwickeln, wie man vorbildliche Abfall- und Stoffstrompolitik betreiben kann. Bis 2011 werden wir zwar sicher nicht die Besten sein können ... 

hw: ... Aber?

Maaß: Aber wir wollen 2011 zu den Besten dazustoßen.

Wolfgang Ehemann
wolfgang.ehemann@hk24.de
Telefon 36138-305

Zur Person

Christian Maaß (37) studierte bis 1998 in Hamburg und Genf Jura. Anschließend ­arbeitete er für die Uni Hamburg und die GAL. 2001 rückte er in die Bürgerschaft ein, ab 2006 arbeitete er als Rechtsanwalt. Seit 2008 ist Maaß Staatsrat der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. In dieser Funktion ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Hamburger Stadtreinigung.

hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2009