Handelskammer Hamburg 2009

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Integration

Mut zum gründen

Bei Unternehmern mit Migrationshintergrund denken viele zuerst an Obsthändler und Dönerläden. Doch die Realität sieht bunter aus.
Malgorzata Löfflers Wohnzimmer kann ohne Probleme mit der Ausstellungsfläche in einem Möbelhaus mithalten. Nichts scheint zufällig herumzuliegen – und das tut es auch nicht. „Ordnung habe ich schon immer geliebt“, erzählt die gebürtige Polin, die seit 23 Jahren in Deutschland lebt. Die meiste Zeit davon arbeitete sie als Sekretärin. Ob im Büro oder bei Freunden zu Hause, überall ordnete sie, sortierte sie aus und schuf klare Strukturen. Lange keimte in ihr die Idee, sich mit ihren Fähigkeiten selbstständig zu machen. Und vor wenigen Wochen gründete sie „Ordnung pur“, die „kleine Firma für perfekte Ordnung“. Sie bietet Aufräumarbeiten in Wohnungen, Kleiderschränken und Büros und hilft dabei, sich durch komplexe Unterlagen in Nachlassfällen zu kämpfen.

Für die 47-Jährige selbst waren Anträge, Formulare und Behördengänge auf dem Weg in die Selbstständigkeit nie Stolpersteine. „Wenn man offen zu den Leuten ist, sind sie auch hilfsbereit zu dir“, erzählt Löffler von ihren Erfahrungen in Hamburg. Große Unterstützung erfuhr sie von der ASM, der Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten e.V.

Malgorzata Löffler ist eine von fast 250 000 Migranten, die derzeit in Hamburg leben. Und nicht erst nach den strittigen Äußerungen von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin ist die Situation und Integration der in Deutschland lebenden Migranten in aller Munde.

Für die Hansestadt hat das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut gerade in einer bislang unveröffentlichten Studie herausgefunden, dass jeder fünfte Unternehmer einen Migrationshintergrund aufweist. Die sprach- und kulturübergreifende Kita „Glückliche Kids“ zum Beispiel wurde von Özlem Demirbaga gegründet. Die gebürtige Türkin kam vor zehn Jahren nach Deutschland und konnte beobachten, dass viele Eltern und Kinder ausländischer Herkunft Verständnisschwierigkeiten haben. Für Demirbaga ganz klar ein Problem, dem so früh wie möglich begegnet werden muss. Und so entschloss sich die gelernte Erzieherin, eine eigene Kita zu gründen und damit einen wichtigen Beitrag zur Integration zu leisten.

Die Idee: Eine Kindertagesstätte, in der Kinder mit Migrationshintergrund und deutsche Kinder gemeinsam betreut werden. Demirbaga ist besonders wichtig, dass Muttersprachler und Zweitsprachler gleichermaßen gefördert werden: „Bei uns gibt es zweimal pro Woche Sprachförderung und Buchaktionen, bei denen den Kleinen vorgelesen wird.“ Und damit nicht nur der Nachwuchs schnell zum Deutsch-Ass wird, bietet „Glückliche Kids“ auch Sprachkurse für die Eltern an. Demirbaga weiß aus eigener Erfahrung, dass viele aus Angst vor Fehlern Hemmungen haben, Deutsch zu sprechen, und rät: „Man darf nicht aufgeben, auch wenn es einmal Schwierigkeiten gibt, denn die gibt es schließlich auch im Herkunftsland.“

Das Durchhaltevermögen und den Mut, Neues zu wagen, hat die 35-Jährige mit vielen Migranten gemeinsam. „Während Deutsche wieder und wieder darüber schlafen, handeln Migranten schneller“, erklärt Susanne Dorn von der ASM. Das liege unter anderem daran, dass in vielen Herkunftsländern die Selbstständigkeit viel verbreiteter ist als in Deutschland. Vielleicht kommen Stärke und Risikobereitschaft aber auch daher, dass viele Migranten es nur zu gut kennen, sich „durchbeißen“ zu müssen.

Engin Coksen ist in Deutschland geboren und Sohn türkischer Eltern. Damit gehört er zur sogenannten ersten Generation und ist mit einer Qualifikation ausgestattet, die jeder Arbeitgeber gern sieht. Er ist zweisprachig, spricht fließend Deutsch und Türkisch. Doch der 31-Jährige musste trotz Abitur und Berufserfahrung im Personaldienstleistungsbereich feststellen, dass sich die Jobsuche als schwierig erweist. „Migranten haben es schwerer, gerade in dieser Branche“, sagt er. Coksen entschloss sich, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „Under Cons­truction“ heißt seine Personalberatungs- und Vermittlungsagentur, die er Ende August gegründet hat. Bei seiner Arbeit erkennt er Unterschiede zwischen deutschen und migrantischen Arbeitgebern: „Chefs, die selbst einen Migrationshintergrund haben, sind oft unkomplizierter und denken weniger bürokratisch.“ Die deutsche Bürokratie ist nach Einschätzung von Susanne Dorn eine der größten Hürden zur Selbstständigkeit. Orientierungshilfe kann hier die ASM geben: „Wir helfen gern und sind Wegweiser durch den Bürokratiedschungel.“

Juliane Kmieciak
juliane.kmieciak@hk24.de
Telefon 36138-563

INTERNET

www.asm-hh.de


hamburger wirtschaft, Ausgabe Dezember 2009