Handelskammer Hamburg 2010

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Reisemedizin

Gesund unterwegs

Für viele Mitarbeiter sind Geschäftsreisen ins Ausland eine willkommene Abwechslung. Doch für Arbeitgeber bestehen Risiken, denn sie sind für die Gesundheit der Reisenden verantwortlich.
Sprachkenntnisse vor Ort erproben und interessante Kontakte knüpfen – rund 50 Millionen Geschäftsreisen deutschlandweit, davon etwa elf Millionen ins Ausland, machen es möglich. Doch die Freude schlägt ins Gegenteil um, wenn man den Feierabend nicht vor lokalen Sehenswürdigkeiten verbringt, sondern krank im Hotelbett. Denn Dienstreisen ins Ausland bergen auch Gesundheitsrisiken. Die Gründe dafür sind vielfältig: Das Ansteckungsrisiko zum Beispiel ist wegen längerer Aufenthalte in Besprechungsräumen mit vielen Personen recht hoch. Zeitverschiebungen, belastendes Klima, Infektionskrankheiten und kulturelle Herausforderungen tun ihr Übriges.

Das zeigen auch Studien. Die Weltbank beispielsweise stellte fest, dass reisende Mitarbeiter nach einem Auslandsaufenthalt deutlich häufiger Krankenversicherungsleistungen in Anspruch nehmen als ihre daheimgebliebenen Kollegen. Doch was können Unternehmen und Reisende tun? „Nur durch eine umfassende Vorbereitung der Geschäftsreise lassen sich unangenehme gesundheitliche Überraschungen vermeiden“, sagt Dr. Helmut Jäger, Leiter des Reisemedizinischen Zentrums am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Dennoch zeigt eine Untersuchung des Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2008, dass 67 Prozent der Betriebe noch nicht umfassend über Gesundheitsgefahren auf Reisen informieren. Dabei ist bekannt: Reisende, die wissen, was auf sie zukommt, und gesund bleiben, arbeiten vor Ort effizienter und haben nur geringe Ausfallzeiten nach der Rückkehr.

In Deutschland ist die Fürsorgepflicht für Mitarbeiter im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert. Sie gilt natürlich auch bei Dienstreisen. Hinzu kommen berufsgenossenschaftliche Grundsätze, die Unternehmen ebenfalls beachten müssen. Bei Reisen von mindestens drei Monaten Dauer, die unter besonderen klimatischen und gesundheitlichen Belastungen stattfinden, ist zum Beispiel die als „Tropentauglichkeit“ bekannte ärztliche Untersuchung Pflicht. Erst durch sie ist der volle berufsgenossenschaftliche Versicherungsschutz für arbeitsbedingte Erkrankungen auf Reisen gegeben. Schlimmstenfalls drohen den Unternehmen Regressforderungen.

Bei der Otto Group in Hamburg gehören Dienstreisen, auch ins Ausland, zum Alltagsgeschäft. Die Reisemedizin hat daher einen festen Platz im betrieblichen Gesundheitsmanagement. „Unser erklärtes Ziel ist es, mögliche Reiseerkrankungen schon im Vorfeld zu verhindern“, sagt Dr. Jörg Busam, Leitender Betriebsarzt im Unternehmen. Die Otto Group bietet ihren dienstreisenden Mitarbeitern daher tagesaktuelle Reiseberatungen und Informationen, Impfungen sowie eine individuelle Reiseapotheke an. Bei längeren Aufenthalten im Ausland werden die Kosten für notwendige Vor- und Nachsorgeuntersuchungen im Bernhard-Nocht-Institut übernommen. Das Angebot kommt an. „Wir führen“, so Busam, „jährlich ungefähr 200 Reiseberatungen und 300 Reiseimpfungen durch – Tendenz steigend.“ Unternehmen rät er, auf jeden Fall Impfvorschriften, damit verbundene mögliche Einreiseverbote und akute Gefahrenlagen sowie chronische Krankheiten des Mitarbeiters abzuklopfen: „Wenn bei kurzfristig geplanten Reisen die Zeit dafür fehlt, kann das zu Problemen führen.“

Viele Betriebsärzte arbeiten in Sachen Reisemedizin eng mit dem weltweit renommierten Bernhard-Nocht-Institut zusammen. Das dort ansässige Reisemedizinische Zentrum ist eine Public Private Partnership zwischen dem Institut und der MD Medicus GmbH. Privatpersonen sowie Unternehmen und deren Betriebsärzte berät das Zentrum auf Basis wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse. Für Kunden steht eine umfangreiche Datenbank bereit mit rund 1?400 tagesaktuellen Artikeln zu Themen wie Krankheiten, Impfungen, Hygiene und Sicherheit. Wichtige Änderungen erreichen Reisende auch unterwegs per SMS. „Außerdem erhalten unsere Kunden je nach Reiseziel und Gesundheitszustand individuelle reisemedizinische Beratungen“, sagt Helmut Jäger. Sein Team liefert auch Informationen zu Umweltbelastungen im jeweiligen Reiseland: „Daher können wir einem Unternehmen auch sagen, in welchen Regionen sich seine Mitarbeiter zum Beispiel aufgrund von Kontaminationen nicht länger aufhalten sollten.“ Wer eine fremden Region bereist, ist gut beraten, sich mit den kulturellen Besonderheiten seines Gastlandes auseinanderzusetzen. Denn ein Kulturschock hat mitunter starke körperliche und seelische Auswirkungen. Helmut Jäger: „Wer darauf nicht vorbereitet ist, leidet länger, und das beeinträchtigt auch die Arbeitsergebnisse.“ Bei Reisen nach Westen lassen sich Jetlag und damit verbundene Erschöpfung und Kopfschmerzen sowie Schlaf- und Verdauungsstörungen durch schrittweise späteres Zu-Bett-Gehen vor Reiseantritt abmildern. Reisen in die entgegengesetzte Himmelsrichtung sind für den Organismus belastender. Wer gen Osten zum Beispiel sechs Zeitzonen überfliegt, sollte schrittweise früher zu Bett gehen und im Flugzeug viel schlafen – und wird vier Tage brauchen, um seinen Biorythmus zu normalisieren. Für ein rasches Anpassen der „inneren Uhr“ sind Tageslicht, Mahlzeiten zu ortsüblichen Zeiten sowie vollständige Dunkelheit beim Schlafen am wirksamsten.
Anna Böhning
anna.böhning@hk24.de
Telefon 36138274

hamburger wirtschaft, Ausgabe Juli 2010