Handelskammer Hamburg 2005

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China

Zurück in die Zukunft

Das Tempo, mit dem Chinas Wirtschaft, der Außenhandel und vor allem die Container-Seeverkehre wachsen, ist atemberaubend. Doch wer China für einen Emporkömmling hält, verkennt die beeindruckende Tradition des Landes als Handels- und Seefahrtsnation.

Chinas Wirtschaft wächst seit Jahren mit beeindruckender Dynamik. Geradezu atemberaubend erscheint die Geschwindigkeit, mit der es sich in die weltweite Arbeitsteilung integriert. Hamburg etabliert sich dabei immer mehr als Zentrum für den Europa-Handel des Landes: 1,7 Millionen Container, die aus China kamen oder nach China geliefert wurden, wurden 2004 im Hafen der Hansestadt umgeschlagen. Chinesische Häfen, die noch vor wenigen Jahren kleine Provinzhäfen waren, tauchen nun ganz weit vorne in der Rangliste der weltweit größten Umschlagplätze für Container auf. Hamburgs Partnerstadt Shanghai steht dabei mittlerweile an dritter Stelle. Dort wurde im Jahr 2004 die Zahl von 14,5 Millionen Standardcontainern (TEU) umgeschlagen. Das ist zwölf Mal so viel wie noch 1994. Noch atemberaubender ist der Anstieg in den Häfen von Shenzen, die mittlerweile Platz vier in der Weltrangliste einnehmen. In den nahe Hong Kong gelegenen Häfen steigerte sich der Umschlag innerhalb von zehn Jahren um das 76-fache auf inzwischen 13,6 Millionen Container pro Jahr. Zum Vergleich: In den beiden größten europäischen Containerhäfen Rotterdam und Hamburg wurden 2004 gut acht beziehungsweise sieben Millionen TEU umgeschlagen, im weltweit größten Containerhafen Hong Kong 21,9 Millionen TEU. Insgesamt ist Chinas Außenhandel in den vergangenen drei Jahren um durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr gewachsen.

Bisweilen erinnert der Boom der chinesischen Wirtschaft an einen Kometen, der urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist, um bald darauf wieder in den Tiefen des Weltalls zu verschwinden. Doch der Eindruck täuscht: China war schon früh eine große und mächtige Handels- und Seefahrtsnation.

Bereits im alten Rom erfreute man sich an chinesischer Seide. Und während vor knapp 2000 Jahren chinesische Waren noch auf dem Landweg nach Europa kamen, spielte der chinesische Seehandel im asiatischen Raum schon damals eine wichtige Rolle. Nicht nur der Buchdruck und das Schießpulver waren den Chinesen schon mehrere Jahrhunderte vor den Europäern bekannt, auch in der Nautik hatten sie einen gewaltigen Vorsprung: Chinas Navigatoren setzten schon im 11. Jahrhundert den Kompass ein.

Stets überließ der chinesische Kaiserhof die Seefahrt den Händlern. Lediglich Kaiser Yung-lo unternahm zwischen 1405 und 1433 mehrere spektakuläre Schiffsexpeditionen nach Indien, Arabien und Ostafrika. An einer dieser Unternehmungen sollen 37000 Menschen teilgenommen haben, die größten Schiffe waren 130 Meter lang.

China hatte früher als jeder europäische Staat das seefahrerische Potenzial, die Welt zu erkunden und zu erobern. Trotzdem galt das Augenmerk aller Kaiser nach und vor Yung-lo ausschließlich ihrem eigenen Land. Neben innenpolitischen Hemmnissen mag auch das Selbstbewusstsein, dem Rest der Welt kulturell überlegen zu sein, eine Rolle gespielt haben.

Heute nun erobern Handelsschiffe aus dem "Reich der Mitte" die Welt. Diese Entwicklung mag uns erstaunen, aber aus historischer Sicht geht nur eine Schwächeperiode eines altehrwürdigen Staates zu Ende. China blickt auf eine beeindruckende staatliche Kontinuität zurück: Die Regionen Chinas, die heute dicht besiedelt sind, waren alle schon im Jahr 150 nach Christus im Reich der Han-Dynastie vereint. Vom vierten bis zum sechsten Jahrhundert war China gerteilt und stand unter Fremdherrschaft, im 12. und 13. Jahrhundert regierten die Mongolen, von 1644 bis 1911 die Mandschu. Bis heute aber hat China immer wieder zu großer Stärke zurückgefunden. Dass aus einem wirtschaftlich starken China viele Güter nach Europa gelangen, ist - langfristig gesehen - nichts neues, dass China regen Seehandel treibt, ebenso wenig.

Sven Jaenecke
sven.jaenecke@hk24.de
Telefon 36 13 8 273
hamburger wirtschaft, Ausgabe Juni 2005