Handelskammer Hamburg 2007

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China

Nicht als Bedrohung empfinden

Bleihaltiges Spielzeug, anhaltende Produktpiraterie, Umweltsünden und Hacker-Angriffe auf westliche Ministerien: Die jüngsten Skandale haben Chinas Kritiker auf den Plan gerufen. Schon warnt die hiesige Presse mit plakativen Titelbildern vor der „gelben Gefahr“ und spielt mit Emotionen, so dass China auch bei uns in Deutschland – wie seit langem schon in den USA – immer stärker als Bedrohung wahrgenommen wird. Das bedeutet nichts Gutes für die Hamburger Wirtschaft: Hamburg ist der wichtigste China-Standort in Europa, Hafen und Handel verzeichnen zweistellige Wachstumsraten mit dem Reich der Mitte, über 400 chinesische Unternehmen haben sich in unserer Stadt angesiedelt, und rund 700 Hamburger Firmen unterhalten Geschäftsbeziehungen in die Volksrepublik. Längst sind unsere Volkswirtschaften so eng miteinander verflochten, dass eine Störung der Warenströme insbesondere für Hamburg – Chinas Tor zu Europa und Europas Brückenkopf nach China – gravierende negative Folgen hätte. Wird China zum Feindbild, dann ist es nur ein kleiner Schritt von dem Zeichnen einer vermeintlichen „gelben Gefahr“ bis hin zu Forderungen nach Einfuhrstopps oder anderen Handelsbeschränkungen. Und das bekämen unser Hafen, unsere Importeure und unsere in China engagierten Industrie- und Dienstleistungsfirmen sofort zu spüren.

Auf der anderen Seite dürfen wir natürlich auch keine „Vermeidungsdiplomatie“ fahren, bei der wir die Augen verschließen vor den gewaltigen Anstrengungen, die China noch unternehmen muss, um ein vollwertiges Mitglied des internationalen Warenverkehrs zu werden. Noch ist China nicht ausreichend gerüstet für eine Welt, die zunehmend gemeinsam auf globale Herausforderungen antworten muss. Das Ziel ist klar: China als wichtiger Akteur der Weltwirtschaft muss sich umgehend an die Normen und Spielregeln des internationalen Warenverkehrs anpassen. Dies umfasst den Schutz des geistigen Eigentums ebenso wie das Einhalten von Qualitätsstandards und die Erschließung von neuen Märkten ohne Preisdumping oder andere Formen der Subventionierung. Hieran darf nicht gerüttelt werden. Gerade im Verhältnis zu China ist es aber „der Ton, der die Musik macht“. Dies weiß der Hamburger Kaufmann, dem klar ist, dass eine hoch emotional geführte Debatte mit Vorwürfen an die Adresse Chinas das Problem weder löst, noch die gewünschten Reaktionen der chinesischen Regierung nach sich zieht.

Der Westen muss lernen, mit Chinas ökonomischem Erfolg umzugehen. Hamburg hat dies geschafft: Es nimmt China längst nicht mehr nur als Markt wahr, sondern als Wettbewerber, und profitiert dadurch sehr stark von der wirtschaftlichen Dynamik im Reich der Mitte. An keinem anderen Standort in Europa kennt man die chinesischen Partner besser als bei uns in Hamburg. Wir haben damit eine besondere Verantwortung – gegenüber unseren chinesischen Partnern, aber auch gegenüber der deutschen und europäischen Öffentlichkeit. Im Rahmen eines „kooperativen Wettbewerbs“ sind hiesige, im Chinahandel aktive Firmen aufgerufen, gemeinsam mit ihren chinesischen Partnerfirmen noch wirksamere Maßnahmen zur Qualitätskontrolle einzuführen.

Auf der Ebene der Politik und der Verbände gilt es, den offenen und konstruktiven Dialog mit der chinesischen Seite nicht abbrechen zu lassen, um auch hier ohne platte Schuldzuweisungen, sondern mit einem kooperativen Ansatz die Forderungen an die chinesische Seite zur Umsetzung zu bringen. Dazu dient der „Hamburg Summit: China meets Europe“, den unsere Handelskammer vom 10. bis 12. September 2008 zum dritten Mal veranstalten wird. Angesichts der Befürchtung, dass die Kritik an China wachsen wird, kommt dem nächsten „Hamburg Summit“ eine besondere Bedeutung zu: Mit einem konstruktiven und offenen Austausch kann ein Gegenakzent gesetzt werden zum „China-bashing“, also zum „Einschlagen auf China“, und zum Hin- und Herschieben der Verantwortung für Probleme und Verfehlungen. Die gemeinsame Botschaft sollte lauten: Eine Abschottung gegenüber der Volksrepublik wird unweigerlich scheitern, und Chinas Aufstieg ist nicht der Untergang des Westens.

Dr. Jens Peter Breitengroß
Vizepräses der Handelskammer Hamburg

hamburger wirtschaft, Ausgabe November 2007