Handelskammer Hamburg 2010

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Standortvorteil

Hamburg, die Burg der Chinesen

Bescheiden der Anfang, groß die Entwicklung: Vor 25 Jahren siedelten sich die ersten Unternehmen aus China in Hamburg an.
Hanbao – so heißt Hamburg auf Chinesisch – bedeutet „Burg der Chinesen“. Und nichts könnte die Situation chinesischer Firmen in Hamburg treffender beschreiben. Seit einem Vierteljahrhundert lassen sich ­Firmen aus der Volksrepublik mit Vorliebe in der Hansestadt nieder und planen von hier aus ihre Expansion nach Europa. Alles begann 1985 mit der Eröffnung der „China United Trading Corporation“ (CUTC), einem Handelszentrum zur Beratung chine­sischer Firmen, die in Hamburg Niederlassungen eröffnen wollten. Erst ein Jahr später wurde dann die Städtepartnerschaft mit Shanghai unterzeichnet. Doch die Ansiedlungsergebnisse wollten sich anfangs nur langsam einstellen: 1988 gab es gerade ­einmal 20 chinesische Firmen in der Hansestadt. Erst in den darauffolgenden Jahren ging es rasant bergauf, und pro Jahr kamen im Schnitt 20 chinesische Unternehmen hinzu. In den Jahren nach dem WTO-Beitritt Chinas siedelten sich sogar 50 Unternehmen jährlich an. „Schwärmt aus!“, lautete damals die ­„going abroad strategy“ der chinesischen ­Regierung, die ihre Unternehmen ermutigte, ihr Glück auf dem Weltmarkt zu suchen. Mittlerweile ist die Zahl der chinesischen Firmen in ­Hamburg auf mehr als 400 gestiegen. ­Damit ist Hamburg der führende China-Standort Europas.

Die Standortvorteile Hamburgs für chinesische Unternehmer liegen auf der Hand. Bei Befragungen werden vor allem die günstige geografische Lage, der Hafen und die gute ­Infrastruktur hervorgehoben. Viele chinesische Firmen steuern von Hamburg aus ihr Geschäft im gesamten europäischen Raum, manche sogar bis in den Nahen Osten und nach Afrika. Zudem haben sich zahlreiche Rechtsanwälte, Reisebüros und Dolmetscher mit China-Desks auf die chinesische Kundschaft spezialisiert. Jüngst kamen weitere Einrichtungen wie das Konfuzius-Institut und das Yuyuan-Teehaus hinzu.

Über 70 Prozent der chinesischen Firmen, die sich in Hamburg angesiedelt haben, sind Handelshäuser. Doch nicht nur die harten Fakten zählen bei der Standtortentscheidung, sondern auch das kulturelle Leben spielt eine wichtige Rolle: Wer Chinesen kennt, weiß, dass sie sich niemals an einem Ort niederlassen würden, an dem es kein gutes Angebot an authentisch chinesischer Küche gibt. Rund 4 000 Chinesen leben offiziell in Hamburg.

All das hat die Anziehungskraft Hamburgs entscheidend gestärkt. Zwar sind die meisten Niederlassungen klein, 80 Prozent beschäftigen weniger als drei Personen, doch dahinter steckt nicht selten ein großer Staatskonzern. Die Reederei Cosco gehörte zu den ersten Neuankömmlingen in den 1980er-Jahren, inzwischen beschäftigt sie etwa 120 Personen in ihrer Europazentrale. Auch die Reedereien China Shipping und Sinotrans unterhalten ­ihre Europazentralen in Hamburg. Der Reiseanbieter Caissa hat gleich seine Unternehmenszentrale in Hamburg aufgebaut und ­leitet von hier aus fast 600 Mitarbeiter in ­Büros weltweit.

Die Erfolge Hamburgs können sich sehen lassen, doch die Konkurrenz schläft nicht. Städte wie Frankfurt und Düsseldorf haben in den letzten Jahren stark in ihre China-­Kompetenz investiert und sind bei ihren ­Akquisitionsbemühungen immer erfolgreicher. Zudem ist in letzter Zeit die Zahl der Neuansiedlungen zwischen Alster und Elbe etwas gesunken: 2009 kamen nur zwölf neue Unternehmen hinzu. Hamburg kann sich also nicht auf den vergangenen Erfolgen aus­ruhen. Aktionen wie die „China Time“, der „Hamburg Summit: China meets Europe“ und das „Hamburg House“ auf der Expo 2010 in Shanghai (siehe auch Seite 54) weisen dabei den richtigen Weg. Trotzdem dürfen die klassischen Mittel der Unternehmensakquisition nicht vernach­lässigt werden.

Doch ungeachtet der Konkurrenz ist die Bilanz nach 25 Jahren sowohl für die Stadt als auch für die Unternehmen sehr positiv. Hamburg hat sich erfolgreich positioniert und von den Entwicklungen ­profitiert. In der Tradition einer weltoffenen Handelsstadt ist es zu einer sicheren Burg für Chinesen geworden.
Jonathan Vogelsang
jonathan.vogelsang@hk24.de
Telefon 36138-445

hamburger wirtschaft, Ausgabe Mai 2010