Mit Tradition voran

Für seine vielen Traditionsunternehmen ist Hamburg ebenso bekannt wie für seine Start-ups. Einige können in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum feiern. Die HW besuchte zehn von ihnen.
Karin Gerdes
Nikolaus W. Schües ist nicht nur als Reeder bekannt, sondern auch als Mäzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christa baute er eine einzigartige Kunstsammlung auf. Um diese den Nachkommen zu erhalten, gründete das Ehepaar die „Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües“.

Von Frank Schlatermund, 28. Mai 2024 (HW 3/2024)


200 JAHRE

F. LAEISZ

Als erfolgreicher Reeder hat Nikolaus W. Schües in seinem Leben viele Entscheidungen treffen müssen. Keine davon, sagt er, habe er bereut: „Ich würde alles immer wieder so machen.“ Schiffe haben ihn sein ganzes Leben fasziniert. Als Kind segelte er auf der Elbe, und mit 13 wusste er bereits, dass er Reeder werden wollte.

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Karin Gerdes
Nikolaus W. Schües begann im Jahr 1961 als Angestellter bei F. Laeisz. Zwölf Jahre später stieg er als Partner in die Reederei ein, die er 2004 vollständig erwerben sollte.

Zielstrebig ging er seinen Weg. Auf seine Zeit im Internat Louisenlund, auf die er dankbar zurückblickt, folgten 1956 Abitur in Hamburg und Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann. Danach kamen berufliche Stationen in London, Dublin und New York. „In den USA erreichte mich dann ein Anruf der Reederei F. Laeisz“, erinnert sich der Altpräses der Handelskammer. „Man wollte mich in Hamburg als Leiter der Reedereiabteilung, und ich sagte zu.“ Das war 1961.

Bereits zwölf Jahre später stieg er als Partner in das von Ferdinand Laeisz 1824 gegründete Unternehmen ein, das er 2004 vollständig erwerben sollte. Was vor zwei Jahrhunderten mit der Herstellung von Zylinderhüten begann, hatte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts sukzessive zu einer renommierten Reederei gewandelt, die heute mit ihren Forschungsschiffen, Gas- und Auto-Carriern zu den traditionsreichsten des Landes zählt. „Wir sind die drittälteste Reederei“, so Schües. „Uns gibt es auch nach so langer Zeit noch, weil wir stets umsichtig gehandelt haben.“

Nicht nur, was Investitionen betrifft: Bereits beim 150. Jubiläum im Jahr 1974 sprach er von Klimaschutz und davon, die Umwelt zu erhalten. Die Reederei führt inzwischen sein Sohn Nikolaus H. „Er macht einen sehr guten Job“, lobte der Vater anlässlich seiner Rede zur 200-Jahr-Feier in der Laeiszhalle, dem einst von Carl und Sophie Laeisz gestifteten Konzerthaus. Viel Prominenz fand sich an jenem Abend ein, darunter Altbundespräsident Joachim Gauck.

Doch Nikolaus W. Schües ist nicht nur als Reeder bekannt, sondern auch als Mäzen, der vor allem die Kunst liebt. Unzählige Bilder zieren die Wände seines Büros. Werke von Friedel Anderson sind darunter, von Klaus Fußmann und Eduard Bargheer, von Horst Janssen, Johannes Duwe, Markus Lüpertz und Jochen Hein.

Sehr früh schon haben er und seine Frau Christa damit begonnen, diese einzigartige Sammlung zusammenzutragen. Ihr Wunsch ist es, sie den Nachkommen zu erhalten – und so gründeten sie vor Jahren die „Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües“.


150 JAHRE

BERGEDORFER ZEITUNG

Kaum jemand, der die „Bergedorfer Zeitung“ nicht kennt. Zumindest ihr Name ist in Hamburg und Umgebung ein Begriff, ist sie doch die älteste noch existierende Tageszeitung der Stadt. Zudem absolvierte dort in den 1930er-Jahren kein Geringerer als Axel Springer sein Volontariat. „Hier in der Region ist das Blatt fest verankert“, berichtet Verlagsleiter Ulf Kowitz. „Die Abos werden zum Teil vererbt.“ Ein Leser habe kürzlich berichtet, dass die gedruckte Ausgabe bereits seit 100 Jahren an dieselbe Adresse gehe.

Die „Bergedorfer Zeitung“, erstmals erschienen 1883, folgte auf eine ganze Reihe von Zeitungen, die einander ablösten und das Städtchen Bergedorf im Südosten Hamburgs bis dahin mit Informationen versorgt hatten. Die letzte in dieser Reihe war der „Nordische Courier“, aus dem Eduard Wagner die „Bergedorfer Zeitung“ machen sollte, nachdem er den Verlag 1883 übernommen hatte.

Wenn das Blatt in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiert, so liegt das daran, dass Eduard Wagner bereits seit 1874 als Filialleiter beim Verlag angestellt war, den er nach dem Kauf in „Bergedorfer Buchdruckerei von Ed. Wagner“ umbenannte. Die kleine „Ungereimtheit“ ist auf Axel Springer zurückzuführen, der den Verlag Anfang der 1970er-Jahre erworben hatte und 1974 unbedingt dessen 100. Jubiläum feiern wollte.

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Egon Klebe
Das frühere Verlagshaus der „Bergedorfer Zeitung“ am Bergedorfer Markt Mitte der 1960er-Jahre.

Seit 2014 gehört das von Montag bis Samstag erscheinende Traditionsblatt zur Funke Mediengruppe. Den überregionalen Teil liefert die Redaktion in Berlin, aus Norddeutschland berichtet die Redaktion des „Hamburger Abendblattes“, die Artikel für den Lokalteil stammen von der Redaktion in Bergedorf, die sich nach mehreren Umzügen wieder unweit des Bergedorfer Marktes befindet, wo einst auch der Verlag Eduard Wagners zu Hause war. Gedruckte Auflage: 11 000 Exemplare. „Längst aber ist der Fokus der Redaktion ganz darauf gerichtet, die Erfolgsgeschichte der ‚Bergedorfer Zeitung‘ auf unseren digitalen Kanälen fortzuführen“, sagt Redaktionsleiter Alexander Sulanke, der seit 19 Jahren für das „Hamburger Abendblatt“ arbeitet.

Um möglichst viele zu erreichen, hat die „bz“ also die digitale Transformation vollzogen – und realisiert mindestens 30 Events pro Jahr. Unter anderem ist sie Mitveranstalterin des „Bergedorfer Citylaufes“ und hat erst kürzlich gemeinsam mit dem Chorverband Hamburg und der Körber Stiftung das „Bergedorfer Chorfestival“ auf die Beine gestellt. Ulf Kowitz und Alexander Sulanke sind sich einig: „Wir wollen nicht nur etwas für die Menschen machen, sondern auch mit ihnen.“ Zum Chorfestival kamen immerhin 2000 Gäste.


100 JAHRE

DETMER LEDER

Rund 15 000 Quadratmeter Leder lagern in den Regalen. Es stammt von Rindern und Kälbern, von Ziegen, Schafen, Elchen und Hirschen. Dicht gedrängt liegen die Muster aufgerollt nebeneinander, in Rot und Blau, in Gelb und Grün, in Braun, Grau, Beige und Schwarz. Durch die Luft der Halle wabert ein intensiver, aber angenehmer Geruch. „Da gewöhnt man sich dran“, sagt Angelika Kewitz-Ortmüller. „Ich rieche das schon lange nicht mehr.“

Sie kam 1975 zur Ferdinand Detmer GmbH, besser bekannt als „Detmer Leder“. Damals 18, hatte sie gerade ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau abgeschlossen. Als wäre es gestern gewesen, erinnert sie sich daran, wie sie Ferdinand Detmer, den betagten Gründer, mit dessen Auto durch Hamburg chauffierte. Heute sind Angelika Kewitz-Ortmüller und ihr damaliger Kollege Karl Winkler Inhaber des Unternehmens. 1990 kauften sie zusammen erste Anteile, neun Jahre später dann den Rest.

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Karin Gerdes
Angelika Kewitz-Ortmüller ist Expertin für Leder.

1924 als Handelshaus für Schuhbedarf in der Julius-Leber-Straße eröffnet, entwickelte sich der Betrieb zunehmend zum Spezialisten für Leder aller Art. „Es gab mit der Zeit immer weniger Schuhmacher“, berichtet Kewitz-Ortmüller. „Die fehlten uns dann als Kunden, also haben wir unser Geschäftsmodell entsprechend angepasst.“ Zur heutigen Kundschaft zählen Unternehmen aus der Bekleidungsbranche und der Möbelindustrie, Polstereien, Schuhmanufakturen, Sattlereien sowie Privatpersonen. Und natürlich Theater. Anfragen kommen aus dem In- und Ausland. Sogar die Opernhäuser von Paris und Amsterdam lassen sich von Detmer Leder beliefern. „Es gibt nur wenige Firmen, die sich mit uns vergleichen lassen“, so Kewitz-Ortmüller. „Die älteren haben sich durchgesetzt.“

Seit ihrer Gründung vor 100 Jahren befindet sich die Ferdinand Detmer GmbH in Altona, allerdings nicht mehr in der Julius-Leber-, sondern in der Stresemannstraße. Den Krieg habe die Firma unbeschadet überstanden, berichtet die Chefin. „Ferdinand ist damals sogar mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren und hat die Schuhmacher besucht.“

Früher war die 67-Jährige viel unterwegs: auf Messen, im Freihafen, beim Zoll. Doch das, sagt sie, habe sich inzwischen geändert – durch die EU und das Internet. Natürlich geht ihr zuweilen das Thema Nachfolge durch den Kopf. Ihr Sohn ist in der IT und hat andere Pläne. Doch sie baut auf ihre Nichte und den Bruder ihres Kompagnons, beide schon seit Jahren bei Detmer Leder beschäftigt.


100 JAHRE

GOYER & GÖPPEL

Ein Jahrhundert ist es her, seit Hans Goyer und Friedrich Göppel das nach ihnen benannte Bankhaus in der ABC-Straße gründeten. Sie waren Börsenhändler. Ihre Geschäfte tätigten sie am Adolphsplatz in den Börsensälen der Handelskammer. Vom An- und Verkauf von Wertpapieren „vor Ort“, wie er heute nicht mehr erfolgt, sprechen auch noch die beiden Gründer-Enkel Frank und Björn Göppel, die das Unternehmen heute gemeinsam mit ihrem Partner Andreas Nowatzki leiten. Sie erinnern sich, bereits während der Ausbildung in den 1980er-Jahren „kräftig mitgehandelt“ zu haben.

Ihren früh verstorbenen Großvater haben die beiden nie kennengelernt. Alles, was sie über das Bankhaus wissen, haben sie von ihrem Vater Gerhard, einem promovierten Juristen. Er war 1959 bei Goyer & Göppel eingestiegen, sein Halbbruder Rolf folgte wenig später. Hans Goyer, der zweite Gründer, kam während des Krieges bei der „Operation Gomorrha“ ums Leben. „Ein tragischer Umstand“, erzählen Frank und Björn Göppel. „Er war schon im Bunker, kam noch einmal heraus – und hatte Pech.“

In diesem Business ist eine fundierte Ausbildung essenziell.

Frank und Björn Göppel

Dass sie eines Tages ins Familiengeschäft einsteigen und den Weg ihres Vaters und ihres Großvaters weiter beschreiten würden, war den Göppel-Brüdern früh bewusst. Sie jobbten als Schüler im Unternehmen, machten eine Banklehre, absolvierten ein BWL-Studium. „In diesem Business ist eine fundierte Ausbildung essenziell“, sagen sie. „Wenn das theoretische Wissen fehlt, bekommt man überhaupt keine Lizenz, um eine Privatbank führen zu dürfen.“ Sie haben bis heute nicht vergessen, wie schwierig dieses Dokument auch mit guter Ausbildung zu bekommen war.

Goyer & Göppel, zwischenzeitlich am Neuen Wall ansässig, hat seine Büros seit 2005 wieder in der ABC-Straße. Sechs Personen arbeiten dort, die sich von morgens bis abends an mehreren Monitoren gleichzeitig über das internationale Wertpapiergeschäft informieren – und über das Weltgeschehen. Denn vieles, das sich auf politischer oder geschichtlicher Bühne ereignet, so Frank Göppel, schlägt sich unmittelbar auf die Aktienkurse nieder. „Als kleinste Bank Hamburgs und als kleinste Privatbank Deutschlands sind wir bislang gut durch alle Krisen gekommen. Das liegt daran, dass wir immer sehr konservativ, also vorsichtig mit dem Geld unserer Kunden agiert haben.“

Erst in diesem Jahr hat das Magazin „Wirtschaftswoche“ insgesamt 512 Vermögensverwalter gerankt. In der Kategorie „Dynamisch (bis zu 100 Prozent Aktien)“ zählte Goyer & Göppel zu den besten 20 Verwaltern. Der eigens gemanagte Rentenfonds „Goyer & Göppel Zins-Invest“ belegte im Jubiläumsjahr beim „Lipper Fund Award“ in der Kategorie „BOND EUR“ den jeweils ersten Platz in den Vergleichszeiträumen „drei Jahre“ und „fünf Jahre“.


100 JAHRE

HAMBURGER WASSERWERKE

Täglich fließen durchschnittlich rund 300 000 Kubikmeter Frischwasser durch das Hamburger Versorgungsnetz. „Über fast 500 Brunnen, teilweise bis zu 400 Meter tief, fördern wir Grundwasser, das wir zu Trinkwasser für 2,2 Millionen Menschen aufbereiten“, sagt Ingo Hannemann. Der 54-jährige Diplom-Ingenieur ist seit 2018 Technischer Geschäftsführer bei HAMBURG WASSER und dort verantwortlich „für alles Technische außer IT“.

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Karin Gerdes
Der Diplom-Ingenieur Ingo Hannemann ist seit 2018 Technischer Geschäftsführer bei HAMBURG WASSER und dort verantwortlich „für alles Technische außer IT“.

Für die Reinheit des Wassers verbürgt er sich. Im Juni 2019 hatte auch die Stiftung Warentest dem Hamburger Trinkwasser eine ausgezeichnete Qualität attestiert. „Wir nehmen täglich Proben, schon die kleinste Verunreinigung würden wir sofort bemerken“, so Hannemann, der sich seit seiner Kindheit für alles Technische begeistert. Nach dem Studium der Elektrotechnik wollte der gebürtige Duisburger unbedingt in die öffentliche Infrastrukturwirtschaft. Bevor er nach Hamburg kam, war er in leitender Position bei den Stadtwerken Osnabrück und der ESOS Energieservice Osnabrück GmbH tätig.

Wie auch seine erste leistungsfähige Kanalisation, verdankt Hamburg sein zentrales Rohrleitungssystem dem Großen Brand von 1842: Nach dem Feuer wurden Maßnahmen ergriffen, das Abwasser künftig professionell abzuleiten sowie alle Menschen über ein zusammenhängendes Leitungsnetz mit Wasser zu versorgen, nicht nur einige wenige Privilegierte. Senat und Bürgerschaft hatten seinerzeit beschlossen, beide Projekte im Rahmen des Wiederaufbaus der zu einem Drittel zerstörten Innenstadt zu realisieren.

Der britische Ingenieur William Lindley, der bereits in London ein modernes Abwassersystem geschaffen hatte, nahm sich der Sache an. Unter seiner Federführung begann 1848 die damals „Stadtwasserkunst“ genannte öffentliche Wasserversorgung damit, geklärtes Elbwasser durch das Rohrnetz zu pumpen. Der Betrieb sollte 76 Jahre später in die 1924, also vor genau einem Jahrhundert gegründete Hamburger Wasserwerke GmbH übergehen, einen der größten kommunalen Wasserversorger Deutschlands.

2006 erfolgte die Zusammenführung mit der Hamburger Stadtentwässerung unter ein gemeinsames Unternehmensdach: HAMBURG WASSER. Ein moderner Konzern, der über ein Leitungssystem von fast 12 000 Kilometern Länge die Menschen in der Region rund um die Uhr mit frischem Trinkwasser beliefert – und zugleich ihr Abwasser entsorgt. „Diesen Prozess zu verantworten, ist für mich eine fantastische Aufgabe“, schwärmt Ingo Hannemann. „Ich muss gar nicht darüber nachdenken, warum ich morgens aufstehe.“


150 JAHRE

GRATENAU & HESSELBACHER

Bei Steffi Meißner dreht sich alles um Papier. Um Handel, Veredelung und die damit verbundene Logistik wie Lagerung, Transport und Verschiffung. Die 46-Jährige ist Geschäftsführerin und Mitgesellschafterin der Gratenau & Hesselbacher GmbH und mehr oder weniger rund um die Uhr für ihre Kundschaft da. Denn das traditionsreiche Papierhandelshaus mit Sitz in der Europa Passage ist international tätig.

„Die Kundenliste reicht von Südafrika, Lateinamerika und dem Mittleren Osten bis hin zu Asien“, berichtet Meißner. Unter anderem versorgt G&H Druckereien mit dem optimalen Papier, entwirft mit Kunden Verpackungslösungen, berät, wenn es um Finanzierung, Logistik oder technisches Know-how geht. Nachhaltigkeit stehe dabei an oberster Stelle, so Meißner. Erst kürzlich habe G&H mit einem Kunden in Abu Dhabi die Schulbücher auf Recyclingpapier umgestellt.

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Gratenau & Hesselbacher
Heinrich Gratenau (li.) und August Gratenau (2. v. re.) mit ihren Brüdern Rudolf (2. v. li.), Wilhelm (Mi.) und Theodor (re.)

Begonnen hatte alles mit Butter, Schinken und Kohle. Als Heinrich Gratenau sein Handelshaus gleichen Namens im Jahr 1874 in Bremen gründete, stand ihm ein Grundkapital von gerade einmal 240 Mark zur Verfügung. Nachdem später auch August Gratenau mit eingestiegen war, wechselten die Brüder ins seinerzeit lukrativere Holzgeschäft. Zellstoff hatten sie zwar schon in den 1890er-Jahren im Programm, doch der eigentliche Papierhandel startete erst 1974, als der Zusammenschluss mit dem Hamburger Papierhandelshaus „Karl Hesselbacher“ erfolgte.

Rund 40 Jahre lang sollte „Gratenau & Hesselbacher“ Holz- und Papiersparte parallel betreiben, bis sich das Unternehmen Mitte der 2010er-Jahre vom Holzbereich trennte. Seither liegt der Fokus ausschließlich auf Papier und den dazugehörigen Dienstleistungen. „Wir sind stets mit der Zeit gegangen und haben uns immer wieder neu erfunden“, erzählt Steffi Meißner, die zuvor für eine große Entsorgungsfirma im Altpapiergeschäft tätig war.

So hat sich das Unternehmen, das zwei Weltkriege überlebte, das Rezessionen und Inflationen trotzte, inzwischen zum „Global Player“ mit ausgeprägtem Servicegedanken gewandelt. „Der Wettbewerb ist heute groß“, bemerkt Meißner. „Es gilt daher, die Kunden besonders gut zu betreuen.“ Gratenau & Hesselbacher sei ein „Kümmerer“, der dann einspringe, wenn sich Probleme abzeichnen wie Piraterie, Lieferengpässe oder Krieg, und in der Regel auch eine Lösung finde. „Das unterscheidet uns von anderen Handelshäusern gleicher Art.“ Zusätzlich zu den Niederlassungen in Buenos Aires und Shanghai gründet G&H derzeit ein weiteres Büro in Dubai.


50 JAHRE

ANTIQUARIAT REINHOLD PABEL

Zuweilen ist es das Leben selbst, das die spannendsten Geschichten schreibt. Auf Reinhold Pabel zumindest trifft es zu. Als dieser 1974 sein Antiquariat im Krayenkamp eröffnete, handelte es sich um keine Neugründung. Die Historie der Buchhandlung beginnt bereits 1948. Allerdings nicht in Hamburg, sondern weit entfernt in den USA.

Dorthin hatte es den Kriegsgefangenen Reinhold Pabel seinerzeit unfreiwillig verschlagen. Doch dachte dieser nicht daran, im Lager abzuwarten. Er brach aus und tauchte unter. „Danach stand er auf der Fahndungsliste“, berichtet Tochter Lucie Pabel. Ihr Vater hielt sich als Tellerwäscher über Wasser, besorgte sich falsche Papiere und eröffnete 1948 als Phil Brick ein Antiquariat in Chicago. Er gründete eine Familie und lebte noch einige Jahre unentdeckt.

Weil er aber seiner Schwester in Hamburg regelmäßig Geld schickte, ging er den Behörden ins Netz. „Irgendwann stand das FBI im Laden“, so Tochter Lucie. Ihr Vater kam nicht wieder ins Kriegsgefangenenlager. Man schob ihn nach Deutschland ab mit der Option, von dort aus erneut in die USA einreisen zu können. Ganz offiziell, legal und unter richtigem Namen. Pabel ließ sich darauf ein, kehrte ein halbes Jahr später nach Chicago zurück – und wurde amerikanischer Staatsbürger.

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Mike Schaefer
Gottwalt Pankow leitet das Antiquariat Reinhold Pabel gemeinsam mit seiner Frau Lucie Pabel, der Tochter des Gründers.

Aus familiären Gründen 1965 dann die Heimkehr nach Deutschland, wo Pabel 1974 in Hamburg seinen „Chicago Book Mart“ unter dem Namen „Antiquariat Reinhold Pabel“ neu eröffnete. Weil der Platz in den historischen Krameramtsstuben im Krayenkamp schon bald nicht mehr ausreichte, mietete er 1982 weitere Geschäftsräume nur wenige Meter entfernt in der Englischen Planke an. Seit 1991 leiten seine Tochter Lucie und deren Ehemann Gottwalt Pankow beide Geschäfte. Rund 25 000 Titel haben sie heute im Bestand. Ihr Schwerpunkt liegt seit jeher auf Hamburg.

Reinhold Pabel, selbst Autor einiger Hamburg-Bücher, verstarb 2008. Für Tochter Lucie war es immer klar, den Betrieb eines Tages zu übernehmen. Auch sie und ihr Mann haben schon einen Nachfolger gefunden: den 28-jährigen Finn Willi Zobel, der nach einem Praktikum geblieben ist und das Ruder eines Tages übernehmen wird. Alle drei sind glücklich, in diesem Beruf arbeiten zu dürfen. „Als Antiquar haben Sie dauerhaft etwas vom Leben“, schwärmen sie. „Jede Bücherkiste, die Sie ins Geschäft tragen, bietet etwas Neues. Das ist wie eine Wundertüte.“


50 JAHRE

AUTOHAUS W. WÜLFING & SOHN

Als er das Autohaus W. Wülfing & Sohn 1974 gemeinsam mit seinem Vater gegründet hat, war Ralph Wülfing gerade einmal 22 – und nach eigener Aussage der jüngste Kfz-Meister Hamburgs. „Mein Vater hatte zuvor eine kleine Werkstatt in St. Georg“, berichtet er. „Mit der Neugründung zogen wir nach Dulsberg in die Nebendahlstraße.“ Dort befindet sich der Betrieb noch heute. Gleise, die durch die riesige Kfz-Halle laufen, erinnern an die Köhlerei, die einst dort ansässig war und die ihre Kohle per Schiene transportiert hat.

Seit jeher repariert und verkauft das Autohaus ausschließlich Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz. „Andere Hersteller kommen mir nicht in die Halle“, so Ralph Wülfing, der seinerzeit bei Mercedes in Düsseldorf gelernt hat. „Meine Frau sagt immer: ‚Wo andere ein Herz haben, hast du einen Mercedes-Stern‘.“ Sein ganzer Stolz: ein zweitüriger 170 V von 1936, von dem es insgesamt nur noch vier weltweit gibt. Vor langer Zeit hatte er das Auto einem Bauern in der Heide für 500 Mark abgekauft und es zehn Jahre lang liebevoll restauriert. Heute ist es ein kleines Vermögen wert und unverkäuflich.

Bei mir zählt noch der Handschlag.

Ralph Wülfing

Wer einen Mercedes kaufen oder reparieren lassen möchte, landet nicht selten früher oder später im Büro von Ralph Wülfing. Die Kundschaft kennt ihn und vertraut ihm: „Bei mir zählt noch der Handschlag.“ Zuweilen kommt es vor, dass er zwischen 7 und 10 Uhr am Vormittag bereits drei Fahrzeuge verkauft hat, pro Jahr sind es etwa 200 bis 250. Sein Kundenkreis reicht bis nach Grömitz an der Ostsee, wo er mit seiner Familie lebt. Einer seiner fünf Mitarbeiter, von denen zwei bereits seit der Gründung für ihn tätig sind, holt die Fahrzeuge, die in der Hamburger Werkstatt repariert werden sollen, in Grömitz ab und bringt sie anschließend wieder zurück: „Das ist unser ganz spezieller, kostenloser Service.“

In Hamburg hält sich Wülfing nur vier Tage pro Woche auf. Am Donnerstagabend begibt er sich immer auf den Weg nach Grömitz, wo er Mitglied im Gemeinderat, im Gewerbeverein und in der Bürgergilde ist und wo er auch einige Ferienwohnungen besitzt. Mit 72 Jahren denkt er schon darüber nach, wem er sein Unternehmen eines Tages verkaufen kann. Denn nichts wünscht er sich mehr, als dass das „Autohaus W. Wülfing & Sohn Nachf. Ralph Wülfing“ auch noch die nächsten 50 Jahre existiert.


100 JAHRE

GRIEBEL & MAHNCKE

Mit seinen Transportkolonnen, Tele- und Ladekranen bewegt das Unternehmen Schwerlasten von bis zu 100 Tonnen Gewicht: Transformatoren, Schaltfelder, Gasdruckregelstationen – alles, was sich auf herkömmlichem Weg nicht befördern lässt. „Wir kommen dann zum Einsatz, wenn es für andere schwierig wird“, erzählt Christoph Stummhöfer. „Zuweilen verlegen wir ganze Fabriken von einem Standort an einen anderen.“ Jeder Transport sei anders als der davor.

Seit 2007 leitet der 44-Jährige das Unternehmen. Zuvor hatte er in seiner Heimatstadt Nürnberg Karosseriebauer gelernt, eine große VW-Werkstatt geleitet und sich zum Automobilkaufmann und zum Wirtschaftsfachwirt weitergebildet. „Als 2007 die Anfrage kam, ob ich zu Griebel & Mahncke wechseln möchte, musste ich nicht lange überlegen“, erzählt er. „Vier Wochen später war der Umzug nach Hamburg.“

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Geschäftsführer Christoph Stummhöfer auf einem seiner Ladekrane. Das teuerste Fahrzeug der Flotte kostet gut eine Million Euro.

Zur Flotte von Griebel & Mahncke gehören derzeit 14 Fahrzeuge, darunter zwei Telekrane und vier Lkw-Ladekrane. Das teuerste kostet gut eine Million Euro. Die Anfänge nehmen sich hingegen eher bescheiden aus: Als der Stellmachermeister Julius Griebel und der Schmied Paul Mahncke ihr Unternehmen zum Transport von Geldschränken und Maschinen vor genau 100 Jahren in Hasselbrook gründeten, bestand ihr Fuhrpark aus nur einem einzigen Pferdekarren. Der erste Lkw kam 1928 hinzu, ein Mercedes-Benz mit Kettenantrieb und Plastikbereifung. Pferde gibt es bei Griebel & Mahncke schon lange nicht mehr, aber Geldschränke transportiert das Unternehmen bis heute. Einige besonders schöne Modelle türmen sich in einem Lager.

Den Zweiten Weltkrieg überlebte der Familienbetrieb, seit 1970 in Jenfeld ansässig, mit großen Verlusten: Die Betriebsgebäude werden 1943 durch Fliegerbomben vollständig zerstört. Die Arbeit empfindet Christoph Stummhöfer immer wieder als ungemein spannend. „Dazu gehören auch viel Logistik und Bürokratie“, erzählt er. „Regelmäßig müssen wir uns mit Polizei, Bezirksämtern und Anwohnern, mit Luftfahrtbehörde, Energieversorgern, Hochbahn und Verkehrsleitstelle abstimmen.“ Eine Herausforderung, denn das Einsatzgebiet der 2018 von der Riedel Gruppe übernommenen Firma reicht von Hannover bis Kiel und von der Westküste bis Berlin.


100 JAHRE

ANTON W.C. DENKER

Wenn sie ihr Geschäft beschreiben sollen, bringen es Christopher Kentrup und sein Kompagnon Torsten Marquardt auf den Punkt: „Als traditionelles Exportunternehmen führen wir alles aus, was legal ist.“ Ihr Fokus sei allerdings auf Glasprodukte gerichtet, auf Werkzeuge aller Art und auf Artikel aus der Beleuchtungstechnik, darunter Kabel, Lichtschalter und Leuchtmittel.

Südafrika, seit jeher einer ihrer wichtigsten Handelspartner, versorgen sie mit Fußbodenbelägen, auch Zucker, sagen sie, haben sie in der Vergangenheit schon exportiert. „Dies ist ein sehr dynamisches Business“, erläutert Christopher Kentrup. „Wirtschaftliche, geschichtliche und geopolitische Entwicklungen lassen es sich ständig verändern, woraus wieder neue Geschäftsideen entstehen.“ Eine zunehmende internationale Vernetzung wirke sich ähnlich aus. Immer wieder habe die Anton W.C. Denker GmbH andere Exporthäuser übernommen, um durch neue Geschäftskontakte weitere Märkte und Nischen zu erschließen.

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Anton W.C.Denker
Der Gewerbeanmeldungsschein der Firma Anton W.C. Denker aus dem Jahr 1924 wurde seinerzeit von der Polizeibehörde ausgestellt.

Auf diese Weise fand das Unternehmen seinen Weg auch in den Mittleren Osten, nach Asien und in karibische Länder. Christopher Kentrup reist zum Beispiel mehrmals im Jahr in den arabischen Raum, um dort mit Kunden zu verhandeln. Torsten Marquardt hingegen ist geschäftlich mehr in Costa Rica, auf Trinidad, in Miami und Ostasien unterwegs. Gegründet hatte Anton W. C. Denker sein Unternehmen vor 100 Jahren als Großhandel für landwirtschaftliche Maschinen und Ersatzteile. Über ein offizielles Büro verfügte er damals noch nicht, sondern agierte vom heimischen Wohnzimmer aus.

Richtig durchgestartet hat die Firma erst ab 1950 mit dem Einstieg Lothar Denkers, Sohn des vier Jahre zuvor verstorbenen Gründers. Viele Geschäfte liefen seinerzeit über Länder des sogenannten „Ostblocks“. Der Außenhandelsfachwirt Torsten Marquardt und der Außenhandelskaufmann Christopher Kentrup kamen erst viel später ins Unternehmen. Marquardt trat 1992 ein, Kentrup, der damals mit seiner Familie geschäftlich in Russland lebte, folgte im Jahr 2000.

Erste Firmenanteile erstanden die beiden 2003, die vollständige Übernahme von Denker erfolgte zwei Jahre später. Beide wussten früh, etwas mit Außenhandel machen zu wollen. Bei Christopher Kentrup war der Wunsch bereits während der Schulzeit erwacht, als er sich sein Taschengeld im Hafen mit dem Entladen von Bananenfrachtern verdiente.


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