15-Minuten Stadt: ein geeignetes Leitbild für die Stadt der Zukunft?

Am Münchener Hauptbahnhof in den Transrapid steigen und 10 Minuten später den Münchener Flughafen erreichen – davon träumte 2002 der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Bekanntlich blieb es bei diesem Traum, die Fahrt zwischen dem Flughafen im Erdinger Moos in die Münchener Innenstadt dauert noch immer 40 Minuten. Eine andere Vision könnte dagegen künftig in immer mehr Städten Realität werden: Aus der eigenen Haustür zu treten und in 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad alle Einrichtungen zu erreichen, die im Alltag wichtig sind – Einkauf, Kultur, Bildung, Sport, Gastronomie und Erholung genauso wie Arbeitsplätze und Behörden. Das ist der Ansatz der 15-Minuten-Stadt, mit dem die Attraktivität von Quartieren gestärkt und die Lebensqualität in Städten gesteigert werden soll. 
Mediaserver Hamburg
Schulterblatt

Von Jan-Oliver Siebrand und Christoph Färber

Von Paris nach Hamburg

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Paris

Die Idee der 15-Minuten-Stadt geht zurück auf Prof. Carlos Moreno, der an der Pariser Sorbonne das Institut ETI – Entrepreneuriat, Territoire, Innovation – leitet. Paris und seine Bürgermeisterin Anne Hidalgo waren dann auch unter den ersten, die sich der Umsetzung des Konzepts der 15-Minuten-Stadt verschrieben haben. Was im dicht bebauten Paris mit seiner feinkörnigen Nutzungsmischung naheliegend erscheint, spielt aber auch in deutschen Städten und darüber hinaus für lebenswerte Städte und attraktive Quartiere eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund hat auch die Handelskammer Hamburg als Interessenvertretung der 170.000 Unternehmen der Hansestadt das Konzept in der Standortstrategie „Hamburg 2040“ aufgegriffen. In den Hamburger Quartieren sollen künftig alle wichtigen Anlaufstellen für die Bürgerinnen und Bürger innerhalb von 15 Minuten physisch oder digital, zum  Beispiel durch E-Government-Lösungen, erreichbar sein und die Quartiere als Standorte für Fachkräfte und Unternehmen noch attraktiver werden. Lokale Unternehmen können so gefördert und das Verantwortungsbewusstsein für das eigene Viertel gestärkt werden. Mit einer stärkeren Durchmischung von Wohnen und Gewerbe sowie einer attraktiven Versorgungslage soll die Attraktivität der Stadt insgesamt gesteigert werden. 

Nutzungsgemischte Quartiere werden wichtiger

Natürlich haben Quartiere für Wohnen, Arbeiten und den Alltag der Menschen schon immer eine wichtige Rolle gespielt, und Supermärkte und Arztpraxen finden sich nahezu flächendeckend in allen Quartieren. Wer innenstadtnah in verdichteten und mischgenutzten Quartieren wohnt, findet viele weitere im Alltag wichtige Einrichtungen schon jetzt in seinem Wohnumfeld. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es ohnehin selbstverständlich, dass Wohnen und Arbeiten räumlich unmittelbar miteinander verbunden waren und nicht selten sogar im selben Gebäude stattfanden. Der Schutz vor Lärm, Schadstoffen und gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse spielten damals in den dicht bebauten Quartieren allerdings kaum eine Rolle. Neue Planungsleitbilder wie die in der berühmten Charta von Athen formulierte Funktionstrennung haben seither aber dazu geführt, dass Funktionen auseinandergerückt sind und nicht selten monofunktionale Neubauquartiere entstanden sind, in denen es allenfalls grundlegende Nahversorgungsangebote gibt. Auch die Mobilität hat sich seither grundlegend gewandelt: Durch den Bau von S- und U-Bahnen und schließlich die Massenmotorisierung lassen sich auch längere Distanzen bequem zurücklegen, so dass die räumliche Nähe aller Funktionen heute keine zwingende Notwendigkeit mehr ist. 

Es braucht Vielfalt in den Quartieren

Dennoch: Vielfältige Quartiere, die ihren Bewohnerinnen und Bewohnern vielfältige Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, Cafés und Kultureinrichtungen und Sportmöglichkeiten bieten, aber auch Unternehmensstandort sind, sind heute vielleicht wichtiger denn je. Gerade in den letzten zwei Jahren hat die Corona-Pandemie mit mobilem Arbeiten dazu geführt, dass sich zahlreiche Menschen viel häufiger als bisher in „ihrem“ Wohnquartier aufgehalten haben und die Bedeutung nutzungsgemischter Quartiere verdeutlicht. Auch die sogenannte Neue Leipzig-Charta fordert, Städte und Quartiere vielfältiger, nutzungsgemischter, grüner, gerechter und produktiver zu machen. Neue Arbeitsmöglichkeiten müssen dabei nicht zwangsläufig in neu angesiedelten Unternehmen entstehen. Auch „Stadtteilbüros“ und Coworking-Spaces, die nicht nur Selbständigen und Gründerinnen und Gründern offenstehen, sondern auch stunden- oder tageweise genutzt werden können, wenn auch der Partner im Homeoffice ist und eine wichtige Besprechung ansteht, können eine neue Form des Arbeitens in den Quartieren sein. 

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Andreas Vallbracht-Hamburg Media Server
Blick von den Magellan-Terrassen in den Traditionsschiffhafen Sandtorhafen und auf die Elbphilharmonie

Nutzungsmischung lässt sich allerdings nur dort umsetzen, wo ein weitgehend störungsfreies Miteinander der Nutzungen möglich ist. Gerade in Gewerbe- und insbesondere in Industriegebieten sind jedoch Unternehmen ansässig, von denen Emissionen ausgehen, die 24 Stunden am Tag mit schweren Lkw beliefert werden oder in denen größere Mengen gefährlicher Stoffe gelagert und verarbeitet werden, sodass Wohnen in ihrer Nähe baurechtlich bewusst ausgeschlossen ist. In Hamburg gilt das zum Beispiel für das Industriegebiet Billbrook und das neben dem Umschlag für industrielle Zwecke genutzte Hafengebiet. Für die hier ansässigen Unternehmen ist es essenziell, auch künftig frei von zusätzlichen Auflagen und Einschränkungen tätig sein zu können. Auf diese Gebiete lässt sich das Konzept der Nutzungsmischung nicht übertragen, sondern sie müssen auch in Zukunft reine Gewerbe- und Industriestandort bleiben, um gegenseitige Störungen empfindlicher Nutzungen auszuschließen. 

Mobilität verändert sich

Die 15-Minuten-Stadt wird nur dann zu einem Erfolg werden, wenn sie die unterschiedlichen Interessen aller in einem Quartier vertretenen Akteure und konkurrierende Nutzungsansprüche unter einen Hut bringt und im Dialog passende Konzepte findet. Gefragt sind auf die jeweiligen Quartiere angepasste individuelle Konzepte und Instrumente, die wie aus einem Baukasten situationsgerecht angepasst werden müssen. Das setzt eine bereite und frühzeitige Beteiligung vor Ort voraus. Wichtig ist dabei auch, nicht vorrangig die Defizite eines Quartiers beheben zu wollen, sondern an die vorhandenen Stärken anzuknüpfen, die bereits die Basis für eine erfolgreiche Entwicklung bieten. 

Die 15-Minuten-Stadt hat zudem das Potenzial, die Mobilität der Stadtbewohner zu verändern. Im Sinne einer nachhaltigen Klimawende kann eine Stadt der kurzen Wege die Abhängigkeit vom eigenen Pkw deutlich reduzieren. Verbote sind jedoch der falsche Weg, um eine lebenswerte Stadt zu erreichen. Es soll und kann nicht darum gehen, dass die Menschen ihre Quartiere künftig gar nicht mehr verlassen. Einrichtungen wie Kinos und Opernhäuser wird es auch künftig nicht in jedem Quartier geben. Ein leistungsfähiges Netz von Hauptverkehrsstraßen, das die Quartiere miteinander verknüpft, bleibt auch in Zukunft unverzichtbar. Aber nutzungsgemischte Quartiere im Sinne der 15-Minuten-Stadt mit ihren kurzen Wegen können dazu beitragen, dass künftig mehr Wege zu Fuß und mit dem Fahrrad statt mit dem eigenen Auto zurückgelegt werden können. Doch auch wenn viele Unternehmen – mit dem boomenden Lebensmitteleinzelhandel als Paradebeispiel – in den Quartieren in Zeiten von Corona von den im Homeoffice arbeitenden Beschäftigten profitiert haben, bleiben viele gleichzeitig auf Kunden aus anderen Quartieren angewiesen. Die Erreichbarkeit mit allen Verkehrsmitteln muss daher auch künftig gewährleistet sein und bei Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung immer mitgedacht werden. 

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Mediaserver Hamburg-Doublevision-Konstantin Beck
Eimsbüttel

Das gilt nicht zuletzt für Parkplatzsituation. Die Bewohnerparkgebiete, die in Hamburg immer öfter eben nicht nur in Wohngebieten, sondern auch in Mischgebieten mit einem dichten Unternehmensbesatz eingeführt werden, sind jedoch der falsche Ansatz, da die Unternehmen gegenüber den Bewohnern benachteiligt werden und sich um teure Ausnahmegenehmigungen bemühen müssen, die nach unklaren Kriterien vergeben werden. Die Mobilität wird so eingeschränkt, und die betroffenen Quartiere werden für viele Unternehmen unattraktiv. Diese Benachteiligung muss schnellstmöglich beendet werden. Statt verkehrsbeschränkender Maßnahmen können zusätzliche Quartiersgaragen dazu beitragen, oberirdische Stellplätze zu reduzieren und so Flächen für Außengastronomie, Veranstaltungen und Treffpunkte zu schaffen und gleichzeitig die einfache Erreichbarkeit für alle Menschen zu gewährleisten, die auf das eigene Auto angewiesen sind. Zudem können intelligente Carsharing-Konzepte die Zahl privater Pkw weiter reduzieren und durch eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur, die die Nutzung von Elektroautos attraktiv macht, Lärm- und Schadstoffemissionen des Verkehrs weiter gesenkt werden. 

Mit dem weiteren Wachstum von Wirtschaft und Bevölkerung in attraktiven Metropolen wie Hamburg werden auch die Mobilitätsanforderungen weiter steigen. Auch wenn in Hamburg einige Neubaugebiete wie die Fischbeker Reethen oder Oberbillwerder bereits heute über eine S-Bahn-Anbindung verfügen und auch nach dem Ende der Corona-Pandemie viele Beschäftigte zumindest an einigen Tagen in der Woche von zu Hause aus arbeiten werden, wird eine große Zahl von Beschäftigen auch künftig auf das Auto angewiesen sein, um seinen Arbeitsplatz zu erreichen. Nur eine Minderheit der Beschäftigten wird seinen Arbeitsplatz in 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen können. Dem muss die Verkehrsplanung Rechnung tragen und neben einer weiteren Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur auch den Kfz-Verkehr im Blick behalten. 

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© Joerg Modrow / Hamburg Touris
Altona

Berücksichtigt werden muss auch, dass der Lieferverkehr weiterhin problemlos abgewickelt werden kann und Ladezonen für den Lieferverkehr bereitstehen und möglichst digital überwacht werden, um Falschparken zu verhindern. Das gilt nicht nur für die B2C-Auslieferung, die mit der Corona-Pandemie einen weiteren Wachstumsschub erhalten hat. Auch für den klassischen stationären Einzelhandel sind innovative Logistikkonzepte gefragt. Denn die Zukunft des Handels liegt nicht in einem Entweder-Oder zwischen Onlinehandel und stationärem Handel, sondern in Multichannel-Konzepten. Intelligente Logistikkonzepte für die letzte Meile und anbieteroffene Mikrodepots können es auch stationären Händlern ermöglichen kurzfristig Ware in der Filiale bereitzustellen, ohne diese ständig im Laden bereithalten zu müssen. So kann der Vorteil, zum Beispiel Kleidungsstücke oder Schuhe direkt vor Ort im Laden anprobieren zu können mit der aus dem Onlinehandel bekannten Angebotsvielfalt kombiniert werden. 

Nutzungsformen überdenken

Die Nutzungsvielfalt kann auch dadurch gestärkt werden, bisher monofunktionale Gebäude vielfältiger zu nutzen. Bestes Beispiel sind Schulen: Sie sind bisher nachmittags und abends abgeschlossen. Dabei könnten Klassenräume für Stadtteilinitiativen, Musikproben, Workshops und die Schulhöfe als Bolzplatz, Basketballfeld oder Skaterpark dienen. Anstatt nur die Hälfte des Tages genutzt zu werden, würde so ein über den ganzen Tag hinweg belebter Quartierstreffpunkt entstehen. Aber auch Supermärkte könnten ihre ohnehin große Kundenfrequenz nutzen, um ihr Dienstleistungsangebot über die schon heute häufig anzutreffenden Paketstationen hinaus deutlich auszuweiten. 

Bei der optimalen Nutzung von Infrastrukturen und des knappen öffentlichen Raumes können Smart-City-Technologien helfen, indem zum Beispiel Veranstaltungsräume- und Flächen transparent reserviert und auch spontan gebucht werden können. Auch für den Verkehr spielen Smart-City-Technologien eine immer größere Rolle. So kann inzwischen nicht mehr nur die Belegung von Parkhäusern in Echtzeit erfasst und über elektronische Parkleitsysteme und Navigationssysteme angezeigt werden. In Hamburg wurden in Kooperation des städtischen Landesbetriebs Verkehrs und der Telekom Parkplätze mit Sensoren ausgestattet, so dass Autofahrer schon bei Beginn der Fahrt mithilfe einer App über die Auslastung der Parkplätze informiert sind und sich vor Ort zu einem freien Parkplatz lotsen lassen können. Auch reservierbare Ladezonen gibt es in Hamburg immer öfter. 

Die Lebensqualität einer Stadt ist der Schlüsselfaktor im Wettbewerb um Fachkräfte und Unternehmen. Attraktive, nutzungsgemischte Quartiere gemäß dem Leitbild der 15-Minuten-Stadt können diese Lebensqualität bieten. Es sollte Ansporn für alle Akteure der Stadtgesellschaft sein, auf dieses Leitbild hinzuarbeiten. 

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Christof v. Borries
28. Juli 2022 20:55

Ich erinnere mich an die Einführung von Fußgängerzonen in Innenstädten und den wütenden Aufschrei von Bürgern und Gewerbetreibenden. Heute freut sich jeder über eine gut gestaltete Fußgängerzone, wenn sie nicht wegen Einkaufszentren am Stadtrand leergefegt wurde, sondern lebendig und vielfältig eingerichtet ist. Ich wünsche den Entscheidern Mut und eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber Lobbyisten, die gerne am Alten festhalten. Und die Erkenntnis, dass die bereits laufende digitale Revolution eine neue Gesellschaft hervorbringt mit anderen Werten. Wir benötigen endlich eine flächendeckende Digitalisierung mit Glasfasergeschwindigkeit im Upload und Download. Wir benötigen weniger Platz für Privat-Pkw´s. Die Generation Y macht es uns vor. Hamburgs Fahrradwege müssen noch schneller als bisher renoviert und ausgebaut werden. Wir benötigen bezahlbaren Wohnraum für alle Generationen in den Stadtzentren um die Abwanderung in das bezahlbare Umland zu stoppen. Wir benötigen das rechtliche Werkzeug, um strategischen oder fahrlässigen Leerstand aktiv im Rahmen einer Quartiersentwicklung zu beenden.