Die Lage in der Straße von Hormus ist extrem angespannt. Im September meldeten mehrere Quellen, dass zwei Tankschiffe auf Minen liefen. Dabei zählt der maritime Korridor, der den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean verbindet, zu den wichtigsten Wasserstraßen des weltweiten Energiehandels.
Das Nadelöhr im Nahen Osten
Bis zum Beginn der Kriegshandlungen Ende Februar passierten täglich etwa 20 Millionen Barrel Rohöl und Mineralölprodukte das Nadelöhr, mehr als ein Viertel des globalen seegestützten Ölhandels. Hinzu kommt rund ein Fünftel des weltweiten Handels mit Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG), vor allem aus Katar. Damit hat die Passage weit über die Region hinaus strategische Bedeutung für die Versorgung mit Öl und Gas.
Auf den ersten Blick sind die Auswirkungen für die Hansestadt gering. Die Direktverkehre mit Häfen im Persischen Golf machten 2025 nach Angaben der Hamburg Port Authority (HPA) beispielsweise nur 1,7 Prozent des Hamburger Gesamtumschlags aus.
Zudem bezieht die Raffinerie im Hamburger Hafen ihr Rohöl – jährlich rund fünf Millionen Tonnen – per Pipeline aus Wilhelmshaven. Als Herkunftsländer nennt die HOLBORN Europa Raffinerie vor allem Staaten aus West‑ und Nordafrika sowie aus der Nordseeregion.
Dennoch wirken sich die globalisierten Märkte auch auf Hamburg aus. Denn die Lage spitzte sich im März weiter zu, als Israel den iranischen Teil des weltgrößten Gasfeldes South Pars angriff und der Iran mit Raketen auf die katarische LNG-Infrastruktur in Ras Laffan antwortete. Die Angriffe verschärften die ohnehin angespannte Versorgungslage und trieben die Energiepreise an den Weltmärkten weiter nach oben.
Weniger Einfuhr von Mineralöl
Zurückgegangen ist laut HPA der Umschlag von Mineralölprodukten. Im ersten Halbjahr 2026 sank er um 12,7 Prozent. Ähnlich sei es bei den gesamtdeutschen Einfuhren, die laut Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) – auf Basis bis Mai 2026 vorliegender Zahlen – um 15,1 Prozent abnahmen. Nach Einschätzung der HPA ist nicht davon auszugehen, dass Verkehre auf andere Häfen verlagert wurden.
Die Internationale Energieagentur bewertet den Krieg und seine Folgen explizit als die größte angebotsseitige Störung des globalen Ölmarkts seit den 1970er-Jahren.
Alexander von Gersdorff
„Neben der schwachen Industriekonjunktur dürften vor allem die durch die Nahostkrise und auch den Krieg Russlands gegen die Ukraine gestiegenen Energiekosten dazu beigetragen haben, dass Unternehmen und Konsumenten ihren Verbrauch reduziert haben“, sagt Alexander von Gersdorff, Pressesprecher beim Wirtschaftsverband Fuels und Energie (en2x) in Berlin. Das Ausmaß der Krise sei historisch: „Die Internationale Energieagentur bewertet den Krieg und seine Folgen explizit als die größte angebotsseitige Störung des globalen Ölmarkts seit den 1970er-Jahren.“
Weil die aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten exportierten Mengen nun auf dem Weltmarkt fehlen, sind die Auswirkungen indirekt über die Gaspreise im Großhandel deutlich zu spüren, erläutert Dr. Dirk Lau, Leiter der Handelskammer-Abteilung „Klimawende, Energie und Industrie“. Die dadurch entstehende Unsicherheit treibe die Preise weiter in die Höhe. Über das sogenannte Merit-Order-Prinzip des Strommarktes – bei dem das jeweils teuerste Kraftwerk, meist ein Gaskraftwerk, den allgemeinen Strompreis bestimmt – können die hohen Gaspreise auch die Stromkosten verteuern.
Blitzumfrage der DIHK
Einer bundesweiten Blitzumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) aus dem April dieses Jahres zum Nahostkonflikt zufolge gaben 83 Prozent der befragten Unternehmen an, die Krise im Nahen Osten wirke sich aktuell schädlich auf ihr Geschäft aus. 73 Prozent der betroffenen Unternehmen nannten gestiegene Fracht- und Transportkosten, 71 Prozent gestiegene Energiekosten und 58 Prozent gestiegene Rohstoff- und Materialkosten.
Nur 20 Prozent des heutigen Energiebedarfes werden mit Strom gedeckt. Die verbleibenden 80 Prozent entfallen überwiegend auf fossile und biogene Brennstoffe – allen voran gasförmige und flüssige Energieträger wie Erdgas, Benzin oder Heizöl, aber auch feste Energieträger wie Kohle und Holz. Selbst wenn der Stromanteil verdoppelt und erneuerbar produziert wird, laufen Flugzeuge, Schiffe und große Teile der Industrie (zumindest noch) nicht mit Batterien. Das gilt unter anderem auch für Teile des Pkw- und Lkw-Bestands, für Notfallfahrzeuge, das Militär und den Heizungsbestand. Die Moleküle dieser Energieträger müssen nach Einschätzung von en2x CO₂-neutral werden. Neben der Stromwende brauche es deshalb auch eine „Molekülwende“.
Das zeigt sich auch bei den Hamburger Unternehmen: Die höheren Preise spürt etwa der Stahlhersteller ArcelorMittal. „Die hohen Strompreise in Deutschland sind ein erheblicher Standortnachteil und belasten die Wettbewerbsfähigkeit unseres Werks in Hamburg“, unterstreicht Arne Langner, Sprecher von ArcelorMittal Deutschland.
„Bezahlbare Energiepreise sind ein entscheidender Faktor. Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass die Politik die Voraussetzungen für international wettbewerbsfähige Energiepreise schafft, damit industrielle Wertschöpfung und Investitionen in Deutschland erhalten bleiben können. Dafür benötigen wir einen Industriestrompreis von 50 Euro pro Megawattstunde.“
„Steigende Energiepreise sind für uns ein Thema, mit dem wir uns nicht erst seit einigen Monaten sehr intensiv beschäftigen“, heißt es ebenfalls vom Flugzeugbauer Airbus. „Am Standort Hamburg nutzen wir bereits einen Mix aus verschiedenen Energieträgern und bauen beispielsweise den Anteil der Photovoltaik weiter aus.“ Zudem sei es für den Konzern wichtig, bei den technischen Systemen und Prozessen Energie einzusparen und die Effizienz zu steigern.
