
Von Kerstin Kloss, 28. Juli 2026 (HW 4/2026)
Den Hamburger Hafen laufen immer mehr Großcontainerschiffe an, Anfang Juni 2026 etwa die „ONE Integrity“ – mit 24 136 Standardcontainern (TEU) Kapazität eines der größten Schiffe weltweit.
Einen fast 400 Meter langen und über 61 Meter breiten Megamax-Frachter mit 16,5 Meter Tiefgang im tideabhängigen Elbfahrwasser zum Liegeplatz zu navigieren, ist allerdings selbst bei ruhigen Wetterbedingungen nicht ganz einfach und birgt einige Risiken.
Deshalb simuliert die Hamburg Port Authority (HPA) Anläufe neuer Großschiffe vorab in einem „digitalen Hafenzwilling“. „Hier werden die Schiffsdaten mit den Infrastrukturdaten wie Wassertiefen, Strömungen und 3D-Modellen zusammengeführt, um eine sehr reale Simulation durchzuführen“, erklärt Ulrich Baldauf, Leiter des Bereichs Forschung & Entwicklung bei der HPA.
Künstliche Intelligenz (KI) treibt solche innovativen Lösungen voran. Das Leuchtturmprojekt von Baldauf ist eine KI-Plattform, an die der Roboterhund „Spot“ über eine Schnittstelle Sensordaten übermittelt.
Der kleine HPA-Helfer prüft seit einigen Jahren autonom Bauwerke wie die Köhlbrandbrücke mit Thermalscans und kann so etwa Feuchtstellen im Beton aufspüren, die optische Kontrollen an der Oberfläche nicht erkennen. Zur Analyse werden die Aufnahmen automatisiert an eine KI übertragen. Laut dem HPA-Forschungsleiter erhöht das nicht nur die Prüfqualität, sondern spart auch „viel Zeit mit der Betrachtung von nicht relevanten Stellen“.
Auch bei der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) ist KI laut CIO Enrico Ramminger „bereits im Arbeitsalltag angekommen“ – etwa auf den HHLA-Terminals Altenwerder (CTA) und Burchardkai (CTB), wo sie dabei hilft, Transport- und Lagerprozesse zu optimieren oder erwartbare Schäden an der Anlagentechnik zu prognostizieren.
Bei Hapag-Lloyd wiederum hilft KI beim Erkennen nötiger Containerreparaturen: Sie unterstützt die Fachleute dabei, „potenziell auffällige Fälle schnell zu identifizieren und sich durch mehr Zeit auf komplexe Entscheidungen zu konzentrieren“, berichtet Donya-Florence Amer, Mitglied im Vorstand von Hapag-Lloyd und CIO/CHRO. „Für uns ist KI Teil des operativen Alltags und längst kein abstraktes Zukunftsthema mehr“, betont sie.
KI-Kompetenz für den Mittelstand Neben der Handelskammer bietet etwa auch das Mittelstand-Digital Zentrum Hamburg Unterstützung für Unternehmen. Zentraler Ansprechpartner ist die Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Partner sind die TU Hamburg und die Handwerkskammer. KI-Trainer bieten Einführungen mit Praxisbeispielen, Workshops und Fachgespräche. In kostenlosen virtuellen KI-Sprechstunden lässt sich etwa das Potenzial vorausschauender Planung erkunden.
Weitere Beispiele für den KI-Einsatz in der Hamburger Reederei sind intelligente Preisvorschläge, mit denen sie schneller auf Marktveränderungen reagieren kann, oder Anwendungen in der Beschaffung, die große Mengen an Markt- und Lieferanteninformationen effizient auswerten. Bevor KI zum Einsatz kommt, muss allerdings eine zentrale Frage geklärt sein: Lässt sich damit Geld sparen, der Umsatz steigern oder die Produktivität erhöhen? „Wenn dem nicht so ist, verfolgen wir andere Cases“, sagt die CIO.
Im Kundenservice zum Beispiel kann sie die Vorteile der KI-Einbindung klar quantifizieren – „bis zu 20 bis 30 Prozent geringere Kosten und ein zusätzliches Umsatzpotenzial von zwei bis drei Prozent“. 90 Prozent aller E-Mail-Anfragen werden automatisch klassifiziert, priorisiert und an die richtigen Teams weitergeleitet: „Dadurch konnten 27 Vollzeitstellen von administrativen Tätigkeiten in die direkte Kundenbetreuung verlagert werden.“
Generell nutzt die Hafenwirtschaft KI nicht nur fürs operative Geschäft, sondern zunehmend auch für administrative Tätigkeiten. HPA-Beschäftigte etwa sparen Zeit bei der Bearbeitung von großen Dokumenten oder der Suche nach Inhalten, indem sie sogenannte GPTs (Generative Pre-trained Transformers) einsetzen. Diese maßgeschneiderten Versionen von ChatGPT werden für wiederkehrende Prozesse nur einmal festgelegt.
Bei der HHLA befinden sich ein „Lakehouse“ und darauf aufbauende KI-Anwendungen in der Projektphase: Diese sollen dabei helfen, etwa den operativen Schichtbetrieb auf den Terminals besser zu planen. Ziel ist laut CIO Ramminger „der Aufbau einer KI-gestützten Mengenprognose für den Containerverkehr“, die auf Basis historischer Daten und externer Einflussfaktoren den zu erwartenden Containerverkehr vorhersagt. Dabei fließen unter anderem Schiffs- und Fahrplandaten, Wetter, Gezeiten, Verkehrs- und Betriebsdaten ein.
Häfen als KI-Vorreiter Im März 2025 startete das Verbundprojekt KILOG, das mit KI Logistikoptimierungen in deutschen Häfen vorantreiben möchte. Unter Federführung der HHLA werden bis 2027 KI-basierte Prognosemodelle für Containerströme erforscht: Hamburg geht eher projektgetrieben vor. Der Hafen Rotterdam hingegen verfolgt mit seiner KI-Strategie einen Gesamtansatz für einen „Smart Port“ mit digitalem Zwilling als zentraler Steuerungsplattform. Ein Future Vessel Tracking System überwacht den Schiffsverkehr, Drohnen kontrollieren das Hafengebiet, Sensoren und Kameras behalten die Anlagen im Blick.
Die Logistik-Initiative Hamburg (LIHH) sieht die Aufgabe darin, „Forschung, Technologieanbieter und Unternehmen so zusammenzubringen, dass aus ambitionierten Ideen anwendbare Lösungen werden“, so LIHH-Geschäftsführerin Carmen Schmidt. Das passiert gerade beim Projekt PortConnect, das im vierten Quartal des Jahres 2025 startete und bis 2028 läuft.
KI sagt dabei den Personalbedarf des Hafens voraus. So lassen sich Auftragsspitzen frühzeitig erkennen, Schiffsliegezeiten verkürzen, der Warenumschlag wird effizienter. Außer dem Gesamthafenbetrieb (GHB), der seit 1951 einen Hafenarbeiterpool bereitstellt, um Bedarfsschwankungen der Hafeneinzelbetriebe auszugleichen, engagieren sich hier unter anderem die HHLA, der Containerterminalbetreiber Eurogate und das Fraunhofer-Center für Maritime Logistik und Dienstleistungen.
Auch außerhalb des Hafens ist KI in der Logistik weit verbreitet. Seit dem 23. Juni beteiligt sich Jungheinrich am Technologieunternehmen Navflex, das in den USA und Deutschland etabliert ist. Es ist auf physikalische KI sowie das automatisierte Be- und Entladen von Lkw spezialisiert. Die Partner entwickeln eine autonome mobile Lösung für die Laderampe, die derzeit bei Großkunden unter realen Einsatzbedingungen getestet wird.
Der Hamburger Intralogistiker setzt KI bereits im Lager und im Materialfluss ein: „Unsere mobilen Roboter werden über ein zentrales Leitsystem gesteuert, das mit KI Routen plant und Aufträge nach Auslastung und Priorität verteilt“, erklärt Jungheinrich-Sprecher Dr. Benedikt Nufer. Das hielte den Durchsatz „auch dann stabil, wenn es eng wird“.
Um etwa Materialflüsse vor einer Automatisierung zu simulieren, nutzt der Logistiker punktuell auch digitale Zwillinge. „Am weitesten gekommen sind wir zuletzt mit KI-gestützter Simulation in der Fahrzeug- und Batterieentwicklung“, sagt Nufer.
Bereits im Kundeneinsatz ist der KI-Roboter SOTO der Jungheinrich-Tochter Magazino, der Objekte selbst erkennt sowie eigenständig über Greifbewegung und Route entscheidet. Weitere Praxisbeispiele: In der Produktion prüft KI per Kamerabild, ob Bauteile korrekt montiert sind, und in Lagern arbeiten KI-gesteuerte Roboter im realen Kundenbetrieb.
Beim Hamburger Mitbewerber STILL GmbH unterstützt ein KI-Assistent die Disposition mit Vorschlägen zu Sicherheitsbeständen. Im Servicebereich wurde zuletzt unter anderem das KI-gestützte Assistenzsystem Service Copilot umgesetzt, das Techniker in Echtzeit bei Diagnose, Wartung und Reparatur unterstützt. Derzeit setzt STILL mehrere kleinere Projekte um, um unter anderem die Material-, Ersatzteil- und Werkzeugbestückung der Servicefahrzeuge zu verbessern.
Sicherheit und Resilienz Cyberangriffe und Energieengpässe, Kriege und Wetterextreme: Unternehmen müssen sich vor vielen Gefahren schützen. Im April hat die Handelskammer dazu einen Krisenvorsorgeplan veröffentlicht. Im Rahmen der Bundeswehrübung „Red Storm Charlie“ (vom 24. bis zum 26. September) können Betriebe mit „Red Storm Business“ Krisenszenarien durchspielen. Der „Tag der Hamburger Industrie“ am 26. August fragt, wie Resilienz zum Wachstum beitragen kann.
