Hamburgs starker Mittelstand

In keinem Stadtstaat ist die Dichte an kleinen und mittleren Unternehmen so hoch wie in Hamburg. Doch den Beschäftigungsmotor bremst nicht nur der Fachkräftemangel.
P&P Unternehmensgruppe
Peer Petersen, Geschäftsführer der P&P Unternehmensgruppe, erwirtschaftet nach eigenen Angaben mit 230 Mitarbeitenden in sieben Hamburger Bar-Restaurants fast 15 Millionen Euro Nettoumsatz.

Von Kerstin Kloss, 5. April 2024 (HW 2/2024)

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Georg Wendt/BODE Chemie GmbH
Alexander Schwieger, Managing Director BODE Chemie & Head of Division Disinfection bei HARTMANN

Rund 99 Prozent aller Hamburger Unternehmen gehören zum Mittelstand – und dieser ist Innovationstreiber, Beschäftigungsmotor und Bildungsschmiede zugleich. Mittelständische Unternehmen spielen in allen drei Bereichen eine „überdurchschnittlich“ wichtige Rolle, so der jüngste Mittelstandsbericht des Hamburger Senates von 2022. Doch was bezeichnet eigentlich der Begriff „Mittelstand“? Eine verbindliche Definition gibt es nicht. Häufig wird er jedoch mit der Abkürzung „KMU“ für „Kleine und mittlere Unternehmen“ gleichgesetzt – eine Einordnung, die insbesondere für den Zugang zu Finanzmitteln und speziell auf KMU ausgerichtete Förderprogramme wichtig ist.

Laut der diesbezüglich relevanten Empfehlung der EU-Kommission, der auch der Senatsbericht folgt, zählen dazu alle Firmen mit bis zu 249 Mitarbeitenden und bis zu 50 Millionen Euro Jahresumsatz oder 43 Millionen Euro Jahresbilanzsumme; für die Berechnung spielt allerdings auch die Eigenständigkeit des Betriebes eine Rolle (also etwa der Anteil des Fremdkapitals). Das Spektrum reicht dabei von Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden (87 Prozent aller Unternehmen in Deutschland) über Kleinunternehmen mit zehn bis 49 Beschäftigten (zehn Prozent) bis zu mittleren Unternehmen mit 50 bis 249 Personen (zwei Prozent).

Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) zieht die Grenze für KMU hingegen bei 499 Mitarbeitenden – und unterscheidet davon den Begriff „Mittelstand“, den es als synonym mit „Familienunternehmen“ sieht. Dazu zählt das IfM auch größere Betriebe, vorausgesetzt, „bis zu zwei natürliche Personen oder ihre Familienangehörigen halten mindestens 50 Prozent der Anteile“ und gehören der Geschäftsführung an.

Konjunkturbarometer

Die 547 Antworten von Unternehmen, die ins Handelskammer-Konjunkturbarometer für das vierte Quartal 2023 Eingang fanden, stammten fast alle aus dem Mittelstand. 64,2 Prozent der Teilnehmenden nannten den Fachkräftemangel als eines der größten Risiken ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Mit Abstand folgen wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen (55,5 Prozent), Inlandsnachfrage (51,8 Prozent), Arbeitskosten (49,3 Prozent) sowie Energie- und Rohstoffpreise (46,7 Prozent). Weniger kritisch werden Auslandsnachfrage, Finanzierungsschwierigkeiten oder Wechselkursrisiken gesehen.

Ob Familienbetrieb oder Einzelunternehmen: Für Hamburg spielt der Mittelstand eine zentrale Rolle. Laut den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes verzeichnete die Stadt im Jahr 2022 etwa 99 000 KMU. Wie das IfM Bonn ausführt, wies Hamburg 2021 mit 5292 KMU pro 100 000 Einwohner die größte KMU-Dichte aller Stadtstaaten auf (Bundesschnitt: 4053). Und der Senatsbericht unterstreicht, dass Mitte 2020 rund 59 Prozent der insgesamt 997 534 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Hamburg in KMU tätig waren – im Gastgewerbe sogar 90,1 Prozent. Die KMU steuerten dabei rund ein Fünftel zum 2020 erzielten steuerpflichtigen Umsatz von 375,5 Milliarden Euro in der Hansestadt bei. Nach Abzug der Vorleistungen, etwa für Löhne und Gewinne, dürfte die Bruttowertschöpfung dieser Gruppe sogar über dem Umsatzanteil liegen, meinen Fachleute.

Doch so unterschiedlich mittelständische Unternehmen auch sein mögen: Alle stehen vor ähnlichen Herausforderungen – und teilen diese auch mit etwas größeren Unternehmen wie BODE Chemie mit seinen über 270 Mitarbeitenden. Der vor 100 Jahren gegründete Spezialist für Hände- und Flächendesinfektion, der Innovationen wie das erste alkoholische Hände-Desinfektionsmittel der Welt entwickelt hat, ist seit 2009 Teil der börsennotierten HARTMANN GRUPPE. Als zentrale Probleme nennt Alexander Schwieger, Managing Director BODE Chemie & Head of Division Disinfection bei HARTMANN, „die digitale Transformation, der auch uns treffende Fachkräftemangel oder steigende regulatorische Anforderungen und strengere Umweltauflagen bei gleichzeitig steigendem Kostengefüge in den anhaltenden, vor allem globalen, wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten“.

Digitalisierung als zentrales Thema sieht auch ein Soloselbstständiger wie der Datenschutzberater Dr. Uwe Nolte, der im Homeoffice in Hamburg-Stellingen eigenen Angaben zufolge auf bis zu 100 000 Euro Jahresumsatz kommt. Deutschland ist bei der Digitalisierung „weltweit abgehängt“, erklärt er, und hält es für schwer, hier aufzuholen. „Mittelständler suchen und benötigen praktikable Lösungen“, sagt der Datenschutzexperte – und beobachtet zugleich nachdenklich, wie sich Unternehmen zunehmend von Microsoft 365 abhängig machen.

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Mobilize Power Solutions beyond automotive
Claas Wollschläger verantwortet bei der ELTO DACH GmbH den Verkauf.

Aus KMU-Sicht kritisiert Nolte zudem, dass es wenig nachhaltig sei, „von heute auf morgen Technik auswechseln“ zu müssen, obwohl diese noch gut arbeite und neue Infrastrukturen wie die Nord-Süd-Stromtrasse erst teilweise funktionieren. Von der Politik wünscht er sich „weniger Narrative, mehr unternehmer- und bevölkerungsorientiertes Handeln“. Förderung müsse einfacher und weniger bürokratisch werden. Er könne mit zwei Solarpanels auf seinem Balkon täglich bis zu 15 Prozent Strom sparen, aber die Bewilligung sei mit „viel Bürokratie und Aufwand“ verbunden gewesen. Beim Thema Solaranlagen sieht er auch die öffentliche Hand in der Pflicht.

Der klassische Mittelständler P&P, der laut Geschäftsführer Peer Petersen mit 230 Mitarbeitenden in sieben Hamburger Bar-Restaurants fast 15 Millionen Euro Nettoumsatz erwirtschaftet, leidet hingegen vor allem unter den Preisen. Aufgrund intensiver Kostensteigerungen bei Energie und vor allem beim Personal muss Petersen sein Gastrounternehmen im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie „komplett neu ordnen“. Angesichts angehobener Mindestlöhne fielen 43 Prozent seiner Ausgaben im vorigen Jahr bei den Beschäftigten an, 2019 war es ein Drittel. Den Zusatzaufwand beziffert er mit „circa einer Million Euro“. Zwar seien die Umsätze nicht zuletzt wegen des angehobenen Mehrwertsteuersatzes von sieben auf 19 Prozent zahlenmäßig gestiegen, lägen aber „inflations- und kostenbedingt um circa zehn Prozent hinten“.

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Hanseatic Service Group
Burkhard Tietz, Geschäftsführer der Hanseatic Service Group GmbH

Im Januar verzeichnete Petersen verglichen mit dem Vorjahresmonat eine Konsumeinschränkung von 20 Prozent, für 2024 geht er von einer Konjunktureintrübung von bis zu zehn Prozent aus. Die Politik sei gefragt, gegenzusteuern; und für ihn als Unternehmer bedeute das, „extrem flexibel zu sein, um zu überleben“. Doch Fachkräfte sind nicht nur teuer, sondern fehlen auch häufig. Zahlreiche mittelständische Betriebe sehen dies als größtes Problem – zum Beispiel die ELTO DACH GmbH, die am Rödingsmarkt ansässig ist. Dort entwickelt der Betrieb seit zwei Jahren mit weniger als zehn Beschäftigten Dienstleistungen für Elektromobilität der Marke Mobilize Power Solutions des Renault-Konzerns und erwirtschaftet fünf Millionen Euro Jahresumsatz. Claas Wollschläger verantwortet bei dem Start-up den Verkauf, ursprünglich kommt er aus der Organisation von Wassersportmessen. KMU bräuchten Quereinsteiger wie ihn, die „Altes hinter sich lassen, um Neues auszuprobieren“, findet er.

Für die Hanseatic Service Group GmbH (HSG) sind ausschließlich unerfahrene Quereinsteiger keine Option. „Es gibt sehr viele Arbeitssuchende auf dem Markt, aber wir benötigen Menschen mit qualifizierter Fachausbildung“, sagt HSG-Geschäftsführer Burkhard Tietz. Dies gelte besonders für neue Aufgaben am wachsenden Markt. Das Unternehmen in Hamburg-Bergedorf beschäftigt derzeit rund 250 Sicherheits- und Reinigungsfachkräfte, die etwa am Hauptbahnhof, in öffentlichen Sanitäranlagen, im Objektschutz oder im Öffnungs- und Schließdienst Dienstleistungen im infrastrukturellen Gebäudemanagement verrichten. Doch geschultes und erfahrenes Reinigungspersonal sowie Sicherheitsfachkräfte seien zurzeit „schwierig zu finden“, betont Tietz. Ein Problem, das sich gerade im Mittelstand in den kommenden Jahren noch verschärfen dürfte – wie auch das aktuelle Konjunkturbarometer der Handelskammer zeigt.

KMU in Zahlen

Die Kleinsten machen die Hamburger Wirtschaft groß – das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes für Beschäftigtengrößenklassen. Nach Branchen aufgeschlüsselt, gibt es bei freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen besonders viele Kleinstunternehmen mit unter zehn Beschäftigten (2022: 20 464). Bei Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kfz wurden etwas mehr als halb so viele Firmen (12 409) gezählt. Am wenigsten Gewicht haben Mittelständler im Segment Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden, gefolgt von Wasserversorgung, Entsorgung, Beseitigung von Umweltverschmutzung. Zum Hamburger Mittelstandsbericht 2022 gelangen Sie hier.


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