Prof. Norbert Aust eröffnete seine Rede vor 1200 geladenen Gästen mit einer eindrucksvollen Vision eines Hamburgs im Jahr 2040 – einer europäischen Innovationsmetropole mit vollautomatisierten und emissionsfreien Hafen-Terminals; sicher, frei und weltoffen; resilient gegenüber Krisen. Zudem blicke man gemeinsam stolz auf die erfolgreich ausgerichteten Olympischen und Paralympischen Spiele in Hamburg zurück. „Dieses Hamburg ist kein Traum. Es ist das Ziel, das wir uns gemeinsam gesetzt haben in unserer Standortstrategie ,Hamburg 2040: Wie wollen wir künftig leben – und wovon?’“, stellte Aust klar.
Die Reden zum Nachlesen
Alle Reden der VEEK-Jahresabschlussveranstaltung finden Sie auf der Website der Handelskammer.
Doch damit die Vision Realität werden könne, brauche es politischen Gestaltungswillen. 2025 habe zwar mit großen Ankündigungen begonnen, doch die Bundesregierung verharre „im Tagesgeschäft, im Reagieren statt im Gestalten“, monierte Aust. „Ohne eine konkrete Vorstellung von der Zukunft fehlt die Richtung. Und ohne Richtung verliert unser Land Halt und Vertrauen“, warnte er. Um neues Vertrauen zu schaffen, brauche es eine mitreißende Idee, die in Köpfen und Herzen Energie entfaltet. „Menschen, die wissen, wofür sie etwas tun, bringen mehr Kraft und Leidenschaft auf“, betonte Aust. Und appellierte mit einem Goethe-Zitat an die Resilienz Hamburgs: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“
Olympische Spiele 2040 – Schub für den Standort
Mit Nachdruck warb Aust um Unterstützung für Hamburgs geplante Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2040. Die Vision „Hamburg 2040“ gelte zwar auch ohne Olympia, doch die Spiele könnten viele Zukunftsprojekte erheblich voranbringen. „Ich kenne kein anderes Projekt, das beinahe allen Handlungsfeldern unserer Zukunftsstrategie einen so großen Schub geben kann“, erklärte Aust und zählte Bereiche wie Infrastruktur, internationale Wahrnehmung, Investitionen, Tourismus und Fachkräftegewinnung auf. „All das würde durch Olympia verdichtet und vorangetrieben. Eine Ausrichtung bündelt Hamburgs Kräfte, schärft Prioritäten und erzeugt Tempo“, so Aust.
Sicherheit als Garant für Freiheit
Angesichts globaler Krisen und neuer Bedrohungen mahnte Aust, die Sicherheit stärker in den Fokus zu rücken. „Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit. Und ohne Freiheit keinen Wohlstand“, gab er zu bedenken. Eine aktuelle forsa-Umfrage der Handelskammer unterstreicht die Erwartungen der Wirtschaft: 82 Prozent der Hamburger Unternehmen halten die bisherigen staatlichen Schutzmaßnahmen gegen Cyberangriffe, Sabotage und Spionage für unzureichend, nur 13 Prozent sehen die Politik hier gut gerüstet. Die Handelskammer habe bereits reagiert – unter anderem mit einem Dialogforum „Sicherheit und Resilienz“ und einem neuen Krisenvorsorge-Leitfaden für kleine und mittlere Unternehmen. „Nutzen Sie diesen Plan am besten gleich im Januar für die Krisen-Resilienz in Ihrem Unternehmen“, so Austs Appell.
Zugleich warnte Aust vor den Folgen einer wachsenden sicherheitspolitischen Abhängigkeit Europas von anderen Mächten. Diese koste schon heute Wohlstand und schwäche beispielsweise die Verhandlungsposition der EU – etwa bei den jüngsten Zollverhandlungen mit den USA, die von der „Financial Times“ eher als „Schutzgeldzahlung“ denn als Einigung unter Partnern kommentiert worden seien. „Man könnte also sagen: Donald Trump hat uns ein Angebot gemacht, das wir nicht ablehnen konnten“, fügte er mit einer Prise hanseatischem Sarkasmus hinzu
„Wir brauchen größere Unabhängigkeit bei unserer eigenen Sicherheit und neue Freihandelsabkommen – dass das Abkommen der EU mit Mercosur erneut vertagt worden ist, ist für mich unbegreiflich“, kritisierte Aust.
Hamburg Net Zero: Klimaneutralität mit Augenmaß
Kritisch bewertete Aust auch den im Oktober per Volksentscheid beschlossenen Klimafahrplan, der Hamburg nun gesetzlich zur Klimaneutralität bis 2040 verpflichtet. Am Ziel – dem Klimaschutz – gebe es keinen Zweifel, stellte Aust klar, aber die Konstruktion des Entscheids sei für die Zielerreichung oft kontraproduktiv.
„Starre Jahreszielvorgaben, automatische Sofortprogramme und neue Berichtspflichten verunsichern und bremsen viele Unternehmen bei ihren Transformationsanstrengungen. Und Unsicherheit – das wissen wir alle – ist der Feind jeder Investition“, warnte er. Laut forsa-Umfrage sehen 56 Prozent der Hamburger Firmen durch den Klima-Volksentscheid negative Auswirkungen auf die Standortattraktivität, nur 18 Prozent erwarten positive Effekte.
Mit der Strategie „Hamburg Net Zero“ habe die Handelskammer einen Weg aufgezeigt, wie Wettbewerbsfähigkeit und Klimaneutralität zusammengehen können, berichtete Aust. Dazu gehören unter anderem: der zügige Ausbau erneuerbarer Energien bei gleichzeitig wettbewerbsfähigen Strompreisen und eine Wasserstoff-Infrastruktur im Hafen. Wichtig seien zudem Technologieoffenheit und neue Innovationsimpulse, beschleunigte Genehmigungsverfahren sowie praxisnahe statt detailverliebte Regulierung.
Reformen für Volksentscheide
Die Konsequenzen des Klima-Volksentscheids für den Wirtschaftsstandort hätten aus Sicht der Hamburger Wirtschaft gezeigt, dass die direkte Demokratie auf den Prüfstand gehöre: „Es geht nicht darum, Bürgerbeteiligung zu schwächen, sondern sie verantwortungsvoll, fair und zukunftsfest weiterzuentwickeln“, betonte Aust. Konkret forderte Aust erstens höhere Zustimmungsquoten bei Volksentscheiden, die weitreichende Folgen für den Standort haben. Zweitens sollte der Senat die Möglichkeit erhalten, die wirtschaftlichen Auswirkungen geplanter Volksbegehren vorab einzuordnen und offenzulegen. Drittens plädierte Aust für strengere Transparenzregeln bei der Finanzierung von Volksinitiativen – insbesondere bei Spenden aus dem Ausland.
Rückbesinnung auf die Soziale Marktwirtschaft
Sorge bereitet Aust die zunehmende staatliche Regulierungsdichte, die aus seiner Sicht die unternehmerische Freiheit einschränkt. Hohe Bürokratiekosten, neue Vorschriften wie das geplante Tariftreuegesetz und wachsende Dokumentationspflichten gefährden laut Handelskammer Investitionen und Zukunftsfähigkeit. Der Staat dringe immer tiefer in Bereiche vor, die besser der Wirtschaft überlassen blieben: „Bürokratieabbau ist das Gebot der Stunde und außerdem ein kostenloses Wachstumsprogramm für Deutschland.“ Austs Appell an die Politikerinnen und Politiker im Börsensaal der Handelskammer: „Der Staat leistet zu wenig dort, wo er muss – und zu viel dort, wo er nicht soll. Geben wir den Unternehmen den Raum zurück, den sie zum Atmen brauchen.“
„Hamburg 2040 gemeinsam schaffen!“
Abschließend kehrte Aust zur Kraft der Vision zurück und rief in Anlehnung an den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der einst „Mut zum Handeln“ gefordert hatte, zu Letzterem auf: „Zur Vision gehören Mut, Kraft und die Bereitschaft, sie zu verwirklichen.“ Sein Appell an alle: „Seien wir zuversichtlich! Zeigen wir diesen Mut! Lassen Sie uns diese Chance ergreifen! Und Hamburg 2040 gemeinsam schaffen!“ Seine Rede schloss Aust mit einem optimistischen Zitat von Albert Einstein, das beim Publikum großen Anklang fand: „Wenn’s alte Jahr erfolgreich war, dann freue Dich aufs neue. Und war es schlecht, ja dann erst recht!“
Appell an Eigenverantwortung
Auch der VEEK-Vorsitzende Jochen Spethmann fand in seiner Eröffnungsrede klare Worte. Er warnte vor der Tendenz, Freiheit und Verantwortung an „den Staat“ zu delegieren. Demokratie funktioniere nur mit engagierten Bürgern: „Denken Sie freiheitlich! Zeigen Sie Bürgersinn! Handeln Sie aus Eigeninitiative und übernehmen Sie Verantwortung! Nur so werden wir gemeinsam die Herausforderungen unseres Landes und unserer Stadt meistern“, forderte Spethmann und wünschte sich mehr Risikobereitschaft in Politik und Verwaltung.
Spethmann unterstützte Austs Vorstoß, das Quorum für Volksentscheide in Hamburg anzuheben, damit nicht „gut organisierte Minderheiten“ die Richtung vorgeben.
Tradition und Transformation
In ihren Schlussworten schlug Ulrike Riedel aus dem erweiterten Vorstand der VEEK den Bogen zurück zur Tradition und notwendigen Transformation. Sie warnte eindringlich davor, den Status Quo als Komfortzone zu missverstehen, in der für Reformen kein Platz mehr sei. Erfolg und Wohlstand erforderten ein ständiges „Training“ und das Loslassen alter Gewohnheiten. Mit einem maritimen Bild gab sie den Gästen eine letzte Richtungsweisung mit auf den Weg: „Abwettern reicht nicht, wir müssen einen neuen Kurs setzen.“ Kooperation und die Fähigkeit, Allianzen zu schmieden, seien dabei die stärkste Antwort auf Populismus, Extremismus und Autokratien.
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