„Volle Hütte“. Mit diesen zwei Worten hat Julia Offen, bei der Handelskammer für die Strategische Kommunikation verantwortlich, den CMO-Summit gleich zur Begrüßung perfekt zusammengefasst. „Volle Hütte“ beschreibt schließlich nicht nur das ausgebuchte Forum der Handelskammer, in das der Marketing Club Hamburg seine Klientel am Montag geladen hat. „Volle Hütte“ wäre auch ein guter Slogan, um das Debüt der neuen Veranstaltungsreihe zu bewerben.
Denn darum ging es für 300 Kommunikationsfachleute: das beste Marketing für alte und neue Labels. Dafür hat die Initiatorin Rena Bargsten ein erlesenes Podium in die „volle Hütte Handelskammer“ geladen. Um vier Stunden über etwas zu reden, das in der modernen PR natürlich „Impact of Marketing“ heißt oder, wie Julia Offen den Einfluss der früheren Reklame umschreibt: „Marketing beyond advertising“.
Schließlich gehen absatzfördernde Maßnahmen längst über klassische Werbung hinaus. Und so reden gut zwei Dutzend Profis diverser Branchen vier Stunden lang über Vermarktung in Zeiten von Social Media, Digitalisierung und KI, aber auch von Krisen, Kriegen und Konjunkturflauten. Das Teilnehmerfeld reicht von der Montblanc-Strategin Alexa Schilz über den Ankerkraut-Geschäftsführer Timo Haas, die Elbphilharmonie-Delegierte Nataly Bombeck, den eppendorf-Vermarkter Dr. Andreas Hochberger und die Beiersdorf-Kommunikatorin Dagmar Janke bis hin zur Agenturlegende Jean-Remy von Matt.
Doch so verschieden die Personen und Produkte, Unternehmen und Konzepte auf der Handelskammer-Bühne auch sind: Ihre Schlagworte, pardon: Buzzwords, sie ähneln sich oft. Kreativität, Community, Vertrauen, Authentizität, Empathie, Nahbarkeit, ja selbst die traditionellen „Werte“ – mindestens einer dieser Begriffe fällt in praktisch jedem Redebeitrag. Isabelle Gardt zum Beispiel, als Chief Marketing Officer der weltweit bedeutsamen Online-Marketing-Konferenz OMR eine PR-Expertin sondergleichen, meint: „Menschen folgen Menschen, nicht Unternehmen.“ Oder auch: „Gemeinschaft entsteht durch Nähe und Vertrauen.“
„Impact of Marketing – #1 CMO-Summit der Marketing-Metropole Hamburg“ war der Titel der Veranstaltung, zu dem der Marketing Club Hamburg gestern in die kooperierende Handelskammer geladen hatte. Stargast war ohne Zweifel Jean-Remy von Matt, der 1991 mit seinem Partner Holger Jung die Werbeagentur Jung von Matt in Hamburg gegründet hat – und für Kampagnen wie „Geiz ist geil“ verantwortlich war. Seine Summit-Thesen eignen sich daher für jede PR -Kampagne: • „Nichts ist weniger nachhaltig als ein Innovationsvorsprung“ • „Erster sein macht stolz! Einziger sein macht erfolgreich“ • „Überholen geht nur auf der Kampflinie, KI wählt den einfachen Weg“ • „Kreativität ist ungehorsam. Ein Regelbruch. Eine Normverletzung. Eine Ordnungswidrigkeit“ • „Kreative Menschen sind Störenfriede“ • „Unzufriedenheit plus Kreativität gleich Innovation“.
Alle stimmen ihr zu, als sechs Marketingbeauftragte regionaler Klein- bis Großunternehmen unter dem Titel „Lovebrands, Algorithmen und Emotionen“ erzählen, „was Marken heute wirklich stark macht“. Nicht Algorithmen nämlich, sagt Cristian Grajales als CMO des ortsansässigen Bauunternehmens Viebrockhaus, „sondern Menschen“. Schließlich sei „Vertrauen der Schmierstoff jeder Beziehung“, versichert Janina Lin Otto, Stiftungsvorständin der nachhaltigen „Holistic Foundation“, vor dem anschließenden Panel „Haltung oder Hype?“.
Es geht während der Premiere des CMO-Summit also um grundsätzliche Vermarktungsfragen. Und die werden – anders als bei Podiumsdiskussionen dieser Art üblich – nicht nur von oben herab diskutiert. Ebenso schwungvoll wie fachkundig moderiert von der „Abendblatt“-Digitalchefin Cordula Schmitz und Finn Rieken (Radio Hamburg), ist das Publikum hier integraler Bestandteil einer lebhaften Debatte.
Wie neue Marken zeitlos zukunftsfähig werden, möchte ein Zuschauer wissen. „Dank starker Markenfundamente und Markenkerne“, bietet Dagmar Janke am Exempel der unabänderlich blauen Nivea-Dose an. Also: „Unverwechselbare Bilder“ und „permanentes Brandcode-Training“. Welchen Einfluss KI auf das Marketing nehme, fragt eine Besucherin. Was Isabell Gardt am Fall eines OMR-Podcasts beantwortet, aus dem das digitale Tool mit nur einer „Prompt“ genannten Frage lesenswerte Newsletter generiert.
Und als ein Drehbuchautor kritisiert, der allzu offene Umgang mit KI gefährde nicht nur seinen Job, spricht sich Kristian Meinken, CEO der pilot Agenturgruppe, gegen Denkverbote aus. Die Frage sei ja nicht, „was KI irgendwann an menschlicher Arbeit ersetze, sondern wie bei ihrer Umsetzung die Bedürfnisse von Personal und Betrieb berücksichtigt würden. Trotz und wegen der Rationalisierungsgefahr, die alle Marketing-Kreativen betrifft, bleibt der CMO-Summit also positiv. Und falls das in Gefälligkeit abzugleiten droht, gibt es ja immer noch Michael Fritz.
Der Mitgründer von „Viva con Agua“ wettert mit beherzter Eloquenz gegen Ungerechtigkeit, Faschismus oder die „Relevanz der Irrelevanz und umgekehrt“. Dafür gibt es verlässlich Gelächter im Saal. Auf einer Veranstaltung, die Jean-Remy von Matt mit einer Flut kluger Slogans beendet. Der entscheidende: „Technologie schafft Vorsprung. Kreativität schafft Unterschied.“ Es könnte glatt das Motto der zweiten Ausgabe werden.
