Fiele in Hamburg der Strom plötzlich großflächig aus, wäre die größte Angst, das Leben könnte erst einmal stillstehen. Diese Angst muss das Software- und Technologieunternehmen Simplexion nicht haben. Dort könnten die insgesamt 185 Beschäftigten nahezu problemlos weiterarbeiten.
Zu diesem Ergebnis kam das Unternehmen am Brandshofer Deich nach dem Durchspielen eines Krisenszenarios: Simplexion hatte sich Ende vergangener Woche an der von der Handelskammer ins Leben gerufenen Übung „Red Storm Business“ beteiligt, die parallel zur zivil-militärischen Übung „Red Storm Charlie“ startete.
„Wir ermutigen Unternehmen, ihre eigene Handlungsfähigkeit anhand des konkreten Krisenszenarios ‚Stromausfall‘ in ihrem Rahmen zu überprüfen und dabei Schwachstellen zu identifizieren“, sagt Dr. Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer.
Ziel sei es, die Resilienz der Hamburger Wirtschaft weiter zu stärken. Heyne ist zufrieden, dass rund 250 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen – vom Lebensmittelhandel über Banken und Versicherungen bis hin zu Industrie- und IT – der Aufforderung der Handelskammer gefolgt sind und den Krisenfall geprobt haben.
„Als Softwareunternehmen können wir zu einer zivil-militärischen Übung nur einen kleinen Beitrag leisten“, sagt Simplexion-Prokurist Christian Schmidt. „Wir können aber dafür sorgen, dass wir in einer Krise nicht selbst zu einem zusätzlichen Problem werden.“ Darum haben er und seine Mitarbeitenden smarte Lösungen entwickelt.
So haben sie zum Beispiel ihren Arbeitsplatz für die Übung auf den Hof verlegt, wo sie unter einem Faltpavillion ihre Laptops auf Holztischen aufbauten. „Das Gute ist, dass wir in unserem Arbeitsprozess auf keine Maschinen angewiesen und somit sehr flexibel sind“, so Schmidt.
Was das Team aber dringend benötigt, ist eine stabile Internetverbindung. Statt über Glasfaser, wurde diese mit Starlink und via Satellit aufgebaut. Darüber lief auch die Telekommunikation. „Die Installation ist einfach, die Verbindung stabil und die Datenübertragung schneller als bei manchem Mitarbeiter zuhause“, resümiert Schmidt.
Den notwendigen Strom für Laptops & Co. holte sich das Unternehmen über die Vehicle-to-load-Funktion aus den beiden firmeneigenen E-Autos, die als große Powerbank dienten. „Mit dem Strom aus einer Autobatterie könnten wir tagelang durcharbeiten“, konstatiert Schmidt.
Vorausgesetzt, die Batterie ist vollgeladen und die Beschäftigten sind während einer tatsächlichen Krise auch in der Lage, am vereinbarten Treffpunkt zu erscheinen. „Auf jedes Szenario können wir uns nicht vorbereiten. Wichtig aber ist, flexibel zu bleiben“, ist Schmidt überzeugt.
Er unterstützt die Initiative der Handelskammer und freut sich auf den Erfahrungsaustausch mit anderen Unternehmen. „Ich kenne mich bestens mit satellitengestützten Internetverbindungen aus“, bietet er sein Wissen an. Er wiederum bräuchte Tipps, wo er im Ernstfall mobile Toilettenhäuschen herbekäme, deren Nachfrage dann wohl rasant anstiege. „Andere Betriebe wiederum standen plötzlich vor dem Problem, dass mit dem Stromausfall die Eingangstüren ins Firmengebäude verschlossen blieben“, berichtet Malte Heyne aus den ersten Rückmeldungen. Die werden jetzt gesammelt und ausgewertet.
Auch das Beerdigungsunternehmen Seemann & Söhne mit Hauptsitz in Blankenese beteiligte sich an der Übung. „Stromausfall hätte für uns gravierende Auswirkungen“, erläutert Inhaber Nils Seemann. „Wir sind auf eine störungsfreie Funktion unserer Kühlräume angewiesen.“ Bevor der Strom bei ihm abgestellt wurde, habe er erst einmal zwei Notstromaggregate und ausreichend Diesel geordert.
Zudem habe er Notfallpläne aufgestellt, in denen er seinen 40 Beschäftigten feste Aufgaben zuteilte. „Wichtig ist, dass wir leistungsfähig bleiben“, ist der Bestatter überzeugt.
Darum halte er 120 Särge vor, habe einen 5000-Liter-Wassertank eingelagert und mehrere Kurbelradios und Gasflaschen angeschafft, die für das Betreiben der Grills und Kaffeemaschinen notwendig sind.
Christian Schmidt von Simplexion ist mit dem Ausgang der Übung sehr zufrieden: „Alles funktionierte so, wie wir es geplant hatten.“ Auch die Stimmung war während der Übung bestens – das lag unter anderem auch an den frisch gebackenen Pizzen aus dem Pizzamobil mit Gasofen. Dieser war an diesem Vormittag im Dauereinsatz.
Rund 250 Unternehmen beteiligten sich am 24. September am Aktionstag „Red Storm Business“ der Handelskammer und ihrer Partnerinstitutionen. Von kleinen Handwerksbetrieben über Mittelständler bis hin zu großen Industrie-, Logistik- und Dienstleistungsunternehmen: Sie alle testeten ihre Handlungsfähigkeit in der Krise anhand eines längeren Stromausfalls. Die Handelskammer entwickelte dafür konkrete Übungsszenarien. Die Unternehmen hatten sich zuvor entschieden, in welchem Umfang sie diese nutzen werden und führten die Übung eigenständig und dezentral in ihren Betrieben durch. Dabei ging es um praktische Fragen: Was funktioniert ohne Strom nicht? Wer entscheidet im Krisenfall? Wie bleiben Mitarbeitende erreichbar? Und welche Prozesse müssen nach einer Stunde oder einem Tag wieder funktionieren? „Red Storm Business“ fand parallel zur zivil-militärischen Übung „Red Storm Charlie“ statt, bei der die Zusammenarbeit von Bundeswehr, Behörden und Blaulichtorganisationen in verschiedenen Krisenszenarien geübt wurde. Die Handelskammer ist Partnerin dieser Übung und bringt die Perspektive der Wirtschaft ein.
