„Standortfaktoren sind nicht naturgegeben“

Wie kann der Norden seine Zukunft sichern? Matthias Boxberger, Vorstandsvorsitzender der HanseWerk AG, über Strukturwandel, politisches Klein-Klein und norddeutschen Spirit.
Mike Schaefer
Der Wirtschaftsingenieur Matthias Boxberger ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender von HanseWerk.

Interview: Kerstin Kloss, Fotos: Mike Schaefer, 10. Juni 2022 (HW 3/2022)

Was macht für Sie den Wirtschaftsraum Norddeutschland aus?

Matthias Boxberger: Für mich ist er eine große Drehscheibe für Waren, Leistung und Energie. Er ist ein Scharnier zu Skandinavien, zwischen Ost und West, zwischen maritimer Wirtschaft, Produktion und Dienstleistungen.

Wo gibt es Optimierungspotenzial?

Norddeutschland hat als Wirtschaftsraum derzeit wenig gemeinsame Identität. Es mangelte in den vergangenen Dekaden gesellschaftspolitisch teilweise an Bewusstsein für die hohe Bedeutung langfristiger wirtschaftspolitischer Erfolge. In anderen Regionen wie Süddeutschland, Osteuropa oder Skandinavien nehme ich gesellschaftspolitisch ein ganz großes Maß an Ehrgeiz für wirtschaftliche Prosperität, Weiterentwicklung und Innovation wahr. Da ist der Norden manchmal ein bisschen zu hanseatisch zurückhaltend, finde ich.

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Mike Schaefer
Bevor Matthias Boxberger nach Hamburg kam, war er beruflich lange in Bayern tätig.

Sie stammen nicht aus dem Norden.

Nein, ich bin im Rheinland, in Düsseldorf, geboren und in einer der wirtschaftlich-industriellen Kernregionen Deutschlands, im Rhein-Main-Gebiet, aufgewachsen. Beruflich war ich lange Jahre in Bayern tätig und glaube, damit in Deutschland Vergleiche anstellen zu können, was es in Summe braucht, um wirtschaftlich nachhaltig erfolgreich nach vorne zu arbeiten. Wenn ich wirtschaftlichen Erfolg anstrebe, dann weil daraus immer auch sozialer Erfolg für viele resultiert. Das wird hier häufig nicht zusammen gedacht. Zu oft wird in unserer Gesellschaft nur über Verteilung gesprochen, zu selten über das davor notwendige Erwirtschaften.

Sie kennen das Süd-Nord-Gefälle also aus eigener Erfahrung. Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Norddeutschland nachhaltig zu steigern?

Ein Punkt, den ich auch in meiner persönlichen beruflichen Entwicklung erlebt habe, ist die Stringenz, mit der Planungs- und Genehmigungsverfahren durchgeführt werden. In Süddeutschland ist auch die Verwaltung darauf verpflichtet, wirtschaftliche Erfolge zu ermöglichen, weil am Ende des Tages auch Verwaltung nur durch wirtschaftlichen Erfolg bezahlt wird. Deshalb brauchen wir im Norden nicht nur ein klares politisches Bekenntnis zu wirtschafts- und industriepolitischer Entwicklung, sondern vor allem auch ein konsequentes Handeln in Politik und Verwaltung.

Norddeutschland steht vor einem Strukturwandel. Kann er gelingen?

In der Metropolregion Hamburg haben wir eine sehr breit angelegte Wirtschaft mit einem starken industriellen Fundament, zumal in Hamburg als größter Industriestadt Deutschlands gibt es exzellente Ausgangsvoraussetzungen. Die Region ist geografisch gut erreichbar und verfügt über ein hohes Potenzial an nachhaltiger, grüner Energieversorgung an der Küste. Transformation gelingt aber nur, wenn dieser Leistungsmotor klug und schrittweise innovativ, arbeitsplatz- und leistungsförderlich sowie wettbewerbsfähig dekarbonisiert und digitalisiert wird.

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Mike Schaefer
Als Chef der HanseWerk-Gruppe leitet Matthias Boxberger einen der größten Energiedienstleister Norddeutschlands.

Wo ist der Norden besonders vom Strukturwandel betroffen?

Nehmen wir das Beispiel Luftfahrtindustrie, wo Hamburg und der gesamte Norden der drittgrößte Standort der Welt sind. Es geht darum, eine Zukunftsperspektive in Zeiten der Dekarbonisierung zu schaffen. Das nächste Thema ist, dass der Norden sehr stark von Beschäftigungsströmen geprägt ist. Gleichzeitig brauchen wir noch mehr Fachkräfte für die Bewältigung von Innovationsaufgaben wie Digitalisierung und intelligente Wertschöpfungsketten – insbesondere in Industrie und Handel. Der Norden ist die große Anlaufstelle für den Waren- und Güteraustausch in der ganzen Welt. Aber wir stehen tagtäglich in Staus, die auch von Menschen verantwortet werden, die nicht genug Energie, Kraft und manchmal auch nicht genug Willen haben, solche existenziellen Infrastrukturen tatkräftig auszubauen und weiterzuentwickeln.

In der Metropolregion Hamburg haben wir eine sehr breit angelegte Wirtschaft mit einem starken industriellen Fundament.

 

Welche Qualitäten sind jetzt vor allem gefragt?

Offenheit und Tatkraft. Außerdem sollte man die positiven Standortfaktoren hier nicht als naturgegeben annehmen. Wir haben beispielsweise mit die komplexesten und kompliziertesten Genehmigungsverfahren, weil wir uns in der Metropolregion Hamburg in einem engen Verdichtungsraum von Arbeiten und Wohnen befinden. Schon deshalb sollten wir uns mehr inspirieren lassen von prosperierenden Regionen anderswo auf der Welt. Regionen, in denen es den erkennbaren Willen zur Mehrung von Wohlstand und eine Willkommenskultur für unternehmerische Investitionen am Standort gibt.

Zum Beispiel?

Nehmen wir den Raum Kopenhagen, wo eine wirtschaftliche „Erfolgsstory“ unter Einbeziehung der gesamten Umgebung zu beobachten ist. Was in Kopenhagen anders ist, ist die längerfristig ausgerichtete Ambition von Entwicklungszielen. Wenn ich nach Kiel, Hamburg oder Schwerin schaue, habe ich manchmal das Gefühl, dass deutlich mehr Kraft in verteilungspolitische Diskussionen gesteckt wird als in die Ausgestaltung langfristiger Entwicklungslinien für nachhaltige, wirtschaftliche Prosperität.

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Mike Schaefer
Der 55-jährige Matthias Boxberger studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Elektrotechnik an der TU Darmstadt.

Flächen- und Stadtstaaten im Norden haben teilweise unterschiedliche Wirtschaftsinteressen. Wie lässt sich das besser in Einklang bringen?

Es gibt positive Beispiele, wo es zumindest auf der Ebene der politischen Willenserklärung eine gemeinsame Linie gibt. Das betrifft die Förderung der erneuerbaren Energien als Zukunftsmotor und die Entwicklung einer grünen Wasserstofflandschaft im Rahmen der Norddeutschen Wasserstoffstrategie. Denn Klimaschutz und Transformation des Systems sind große Themen, die den Norden in Summe prägen. Aber unterhalb dieser Headlines findet dann politisches Klein-Klein statt. Das wird mittel- und langfristig zu wenig sein, wie es uns die OECD schon 2019 ins Stammbuch geschrieben hat.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Metropolregion Hamburg untersucht …

… und aus einer etwas ferneren Perspektive Entwicklungsfelder identifiziert, was einem manchmal guttut, wenn man das nicht nur aus der eigenen Nabelschau macht. Ich bin davon überzeugt, dass gerade die Bereiche der erneuerbaren Energien – also die Transformation des Energiesystems und die Entwicklung einer leistungsfähigen grünen Wasserstoffwirtschaft – große Zukunftsfelder darstellen. Auch Life Sciences, additive Verfahren wie 3-D-Druck, Luftfahrtindustrie und Logistik sind prädestiniert dafür, aus dem norddeutschen Wirtschaftsraum heraus weiterentwickelt zu werden.

Viele norddeutsche Unternehmen arbeiten wie HanseWerk bundeslandübergreifend. Brauchen die norddeutschen Länder eine engere Koordination bei wichtigen Wirtschaftsthemen?

Ja. Es ist zu begrüßen, dass man unabhängig von den jeweiligen Regierungsfarben enger zusammengerückt ist. Ich beobachte das vor allem intensiv zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg. Gleichwohl resultiert daraus noch nicht eine neue gemeinsame langfristige Standortentwicklung. Ich glaube, eine große Herausforderung ist die in Teilen sehr unterschiedliche lokale und regionale Identität. Selbst in Schleswig-Holstein hat der Nordfriese mit dem Menschen in Stormarn das Bundesland gemeinsam, aber der Schnack ist ein anderer. Das Potenzial besteht in Standortfaktoren, in die wir alle konsequenter gemeinsam investieren, und auf die wir den Wirtschaftsraum stärker orientieren sollten.

Ich glaube, dass Wasserstoff ein Schlüsselelement für eine gelingende Energiewende ist.

 

Bedeutet der Energieträger Wasserstoff eine tatsächliche Chance für den ganzen Norden?

Ich glaube, dass Wasserstoff ein Schlüsselelement für eine gelingende Energiewende ist. Im Norden wird mehr Grünstrom erzeugt, als auf der Stromebene allein verbraucht wird. Ziel muss doch sein, diesen Grünstrom von der Küste für die Umwandlung in grünen Wasserstoff in der Großstadt zu nutzen. Das ist auch ein hervorragendes Schlüsselelement für die Verbindung der Regionen. Aber aktuell blockiert die Brüsseler Bürokratie mit völlig überzogenen Forderungen mehrere 100-Megawatt-Elektrolyse-Vorhaben hier im Wirtschaftsraum Norden. Das ist ein großes Ärgernis und behindert unsere Ambitionen.

Bedeutet es Rückenwind für Norddeutschland, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck aus Schleswig-Holstein stammt?

Ich nehme nicht wahr, dass er hier eine besonders Norddeutschland unterstützende Politik macht. Aber eine Beschleunigung des Ausbaus von erneuerbaren Energien und der Wasserstoffwirtschaft wird dem Norden Rückenwind geben.

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Mike Schaefer
Im Gespräch: Matthias Boxberger und Kerstin Kloss

Wie sieht Ihre Zukunftsvision für den Norden aus?

Aus meiner geschäftlichen Perspektive haben wir zwei große Verbundprojekte für den Norden angesteuert und verfolgen sie auch weiter. Das ist einmal das im Februar 2021 abgeschlossene Projekt NEW 4.0 – Norddeutsche EnergieWende 4.0, an dem auch die Kammern beteiligt waren. Das Zweite ist das Verbundprojekt Norddeutsches Reallabor, mit dem Transformationspfade in eine Klimaneutralität mit Blick auf Wirtschaft und Industrie im norddeutschen Raum entwickelt werden. Hier passieren reale Dinge, an denen wir selbst lernen, die wir aber auch stolz anderen Regionen zeigen können.

Wie schaffen wir einen norddeutschen Spirit?

Ich glaube, dass wir Prosperität und Entwicklung für die Region durch mehr Zusammenarbeit in verbindenden Feldern ermöglichen. Und das in dem Bewusstsein, dass der Norden an extrem erfolgreiche Abschnitte seiner Geschichte anknüpfen kann. Ich denke hier an die Hanse in ihrer Rolle als großer, regionaler Leistungsverbund mit einer Vielzahl von Akteuren, die gesagt haben: Ich krieg’ mein eigenes Ding besser hin, wenn ich es mit anderen zusammen mache. Wenn wir das stärker wiederbelebt bekommen, und zwar nicht als Folklore, sondern als neues gemeinsames Leistungsziel, ist das norddeutscher Spirit.

MATTHIAS BOXBERGER (55)

stieß 2011 als Vorstandsmitglied zur damaligen E.ON Hanse AG, der heutigen HanseWerk AG in Quickborn. Seit 2013 ist der Wirtschaftsingenieur Vorstandsvorsitzender und Ressortvorstand Technik des Unternehmens.

Die HanseWerk-Gruppe zählt mit den Töchtern Schleswig-Holstein Netz, HanseGas, ElbEnergie und NordNetz zu Norddeutschlands größten Energiedienstleistern. 77 000 Kilometer Leitungen und über 15 000 Anlagen versorgen Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und den Norden Niedersachsens. Als Energiewendepartner hat HanseWerk mehrere zehntausend Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie angeschlossen.

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