Bewusst sozial

Ob „Social Day“, Blindenfußballtraining oder Fairer Handel: Viele Initiativen und Firmen integrieren Themen wie Chancengleichheit in ihr Unternehmertum.
Im Hochschulwettbewerb „Hamburg! Handelt! Fair!“ entwickeln Studierende Nachhaltigkeitskonzepte für Firmen.
Kati Jurischka
Im Hochschulwettbewerb „Hamburg! Handelt! Fair!“ entwickeln Studierende Nachhaltigkeitskonzepte für Firmen.
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Von Birgit Reuther, 5. Juni 2026 (HW 3/2026)

Von Armutsbekämpfung über Gesundheit und Wohlergehen bis hin zu Geschlechtergerechtigkeit: Die 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung, die die Vereinten Nationen erstellt haben, bestehen aus weit mehr als „Maßnahmen zum Klimaschutz“. In Hamburg jedenfalls existieren zahlreiche Initiativen, Netzwerke und Firmen, die die sozialen Aspekte von Nachhaltigkeit mit wirtschaftlichem Handeln verbinden.

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FTS
Christine Prießner, Fachpromotorin für Fairen Handel und Koordinatorin der Initiative „Fair Trade Stadt Hamburg“, engagiert sich auch stark für gerechten Kaffeehandel und Kooperativen im Globalen Süden.

Christine Prießner, Fachpromotorin für Fairen Handel und Koordinatorin der Initiative „Fair Trade Stadt Hamburg“, plädiert dafür, Nachhaltigkeit unbedingt interdisziplinär zu verstehen. Also Umwelt, Soziales, Kultur und Ökonomie zusammenzudenken.

Der Faire Handel ist für die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin ein effektives Instrument, um Dinge im Kleinen zu verändern und zugleich globale Zusammenhänge zu reflektieren. Also zu überprüfen, inwiefern das Wirtschaftswachstum auf menschenwürdigen Arbeits- und Produktionsbedingungen beruht.

„Unternehmen können sich durch Fairen Handel darüber bewusst werden, wie ihre Lieferkette und Partnerschaften aussehen“, erklärt die Promotorin. „Wie gewinnen wir als Firma unsere Rohstoffe? Welche kolonialen Strukturen bedienen wir damit immer noch?“

Mit Fragen wie diesen gelinge eine Bestandsaufnahme, auf der eine zukunftsfähige gerechte Nachhaltigkeitsstrategie aufbauen könne. „Ausbeutung von Mensch und Natur, gerade im Globalen Süden, sind kein zukunftsfähiges Modell.“ Fairer Handel setze auf Transparenz und Vertrauen. Die so entstehenden langfristigen Partnerschaften seien essenziell, zum Beispiel um in Zeiten von Kriegen und Krisen resilienter in der Produktion zu sein.

Für private und öffentliche Unternehmen bieten Prießner und ihr Team Workshops, Veranstaltungen und Konzepte zu Fairem Handel an. Angesiedelt ist die Initiative „Fair Trade Stadt Hamburg“ beim Trägerverein „Mobile Bildung e. V.“. Gemeinsam mit der Innovations Kontakt Stelle (IKS) Hamburg bündelt sie Ideen in dem Hochschulwettbewerb „Hamburg! Handelt! Fair!“: Studierende erarbeiten dort Konzepte für Firmen, die den sozial-ökologischen Wandel vorantreiben.

So entwickelte beispielsweise ein Team der Hochschule Fresenius eine Strategie für ein Weihnachtsbier der Brauerei ÜberQuell, das mit fairen Gewürzen des Süd-Nord Kontors hergestellt wurde. Sowohl große Unternehmen wie Budni, Tchibo und Darboven als auch kleine Betriebe wie Welt- und Unverpackt-Läden, der Catering-Spezialist Buhjah oder der Schmuckdesigner Jan Spille haben sich bereits durch diesen Hochschulwettbewerb inspirieren lassen.

Zahlreiche Vereine, Beratungsstellen und Netzwerke in Hamburg leben und prägen soziale Aspekte von Nachhaltigkeit. Die „Charta der Vielfalt“ etwa ist Deutschlands größte Arbeitgebenden-Initiative zur Förderung von Vielfalt in der Berufswelt – in Hamburg unter anderem unterzeichnet von HHLA und HOCHBAHN. Die Initiative „Welcoming Out“ wiederum setzt ein Zeichen, damit sich queere Menschen zum Beispiel im Arbeitsumfeld angstfrei outen können. Und mit dem „Helga-Stödter-Preis“ zeichnen Handelskammer und „Helga Stödter-Stiftung“ jährlich Unternehmen aus, die sich für „Mixed Leadership“ engagieren.

Für KMU besteht in Hamburg eine breit aufgestellte Infrastruktur, um sich sozial nachhaltig zu engagieren. Ein niedrigschwelliger Start sind „Social Days“, bei denen die Belegschaft gemeinnützige Arbeit verrichtet. Dieses „Corporate Volunteering“ („Freiwilligen-“ oder „Mitarbeitendenengagement“) sensibilisiert für soziale Themen und bestärkt zugleich das Teambuilding.

Bei Hanseatic Help zum Beispiel, dem Verein für Kleider- und Sachspenden, können Unternehmensteams beim Sortieren und Verpacken helfen. Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) hingegen bietet unter anderem an, einsame ältere Menschen zu Hause und in Pflegeheimen zu besuchen und so Alterseinsamkeit entgegenzuwirken.

Organisationen wie die Hamburger Tafel zeigen, wie wichtig die Verbindung von Gemeinnützigkeit und Wirtschaft ist, um die Stadtgesellschaft zu stabilisieren. Bei einer Armutsgefährdungsquote von rund 20 Prozent in Hamburg ist die Tafel ein wichtiges Instrument zur Grundversorgung. Der Lebensmittelhandel, etwa Rewe und Edeka, übernimmt soziale Verantwortung, indem er überschüssige Ware zur Verfügung stellt. Ein weiterer nachhaltiger Faktor: Der Prozess spart Ressourcen, da das Essen nicht im Müll landet.

Bei zahlreichen Firmen sind die Aspekte von Nachhaltigkeit zum direkten Teil des Geschäftsmodells geworden. So etwa beim Ridepooling-Service MOIA. Die Volkswagen-Tochter setzt auf Inklusion und hat 2023 in Hamburg 15 barrierefreie Fahrzeuge in ihre Flotte integriert. „Gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen ist eng mit den Mobilitätsoptionen verknüpft“, sagt MOIA-CEO Sascha Meyer. „Wir freuen uns, mit unserem Angebot Menschen mit Behinderung auf ihren täglichen Wegen zu unterstützen.“

Wer als Unternehmen handlungsfähig bleiben möchte, muss sich nach Ansicht von Daniela Gronau sozial und nachhaltig aufstellen. Die Marketing-Expertin hat 2017 ihre Firma „Plan Mensch“ gegründet und sich auf Schulungen zu Diversity sowie interkulturelle Kompetenz spezialisiert – für Unternehmen wie die OTTO Group, aber auch für kleinere Betriebe.

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Kicken mit Augenbinde: Um Wahrnehmung und Zusammenhalt von Teams zu verbessern, bietet PLAN MENSCH mit dem FC St. Pauli ein Blindenfußballtraining an. Den Rahmen bilden verschiedene Workshops, etwa zu Inklusion.

In ihren Trainings zu Organisations- und Teamentwicklung liegt der Fokus zwar häufig auf Mitarbeitenden unterschiedlicher Landesherkunft. Doch letztlich richtet sie ihre Coachings daran aus, dass sich Belegschaften immer durch Vielfalt auszeichnen.

Dass also Menschen zusammenkommen, die sich etwa in Alter, geschlechtlicher Identität oder gesellschaftlichem Background unterscheiden. „Fakt ist: Unsere Gesellschaft wird immer diverser“, so Gronau. „Es geht darum, dass die Mitarbeitenden möglichst klar und konstruktiv miteinander kommunizieren. Sonst können sie nicht effizient zusammenarbeiten.“

Um das Miteinander in Teams zu verbessern, bietet sie Blindenfußballtraining für Unternehmen an – in Kooperation mit dem FC St. Pauli Blindenfußball. „Mit der Dunkelbrille um einen Sinn beraubt, funktioniert Zusammenarbeit nur noch über klare Kommunikation und Vertrauen“, erklärt Gronau. Gewohnte Rollen und Sicherheiten greifen nicht mehr. „Diese unmittelbare Erfahrung zeigt sehr deutlich, was Teams brauchen, um auch in komplexen Situationen handlungsfähig zu bleiben.“

Gleichzeitig sensibilisiert das Erleben für Teilhabe und Gleichberechtigung. So beginnt soziale Nachhaltigkeit im Kleinen. Gronau betont, wie wichtig dabei die Einstellung der Führungskräfte ist: „Wird Vielfalt zur Ressource oder zur Belastung? Darüber entscheidet die Unternehmenskultur.“

Hamburger Netzwerke, Organisationen und Beratungsstellen mit Fokus auf soziale Nachhaltigkeit

AKTIVOLI-Landesnetzwerk Hamburg Das Netzwerk unterstützt mit verschiedenen Aktivitäten und Veranstaltungen das freiwillige Engagement und Ehrenamt in der Hansestadt. Gemeinsam mit Unternehmen entwickelt AKTIVOLI praxisnahe Konzepte, um Corporate Volunteering strategisch im ESG-Management zu verankern.

Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber (EAA) Beratungsstelle zu Inklusion und beruflicher Teilhabe für Hamburger Arbeitgebende. Die EAA begleitet bei der Umsetzung gesetzlicher Verpflichtungen und blickt dabei organisationsindividuell auf aktuelle Kontexte wie Fachkräftemangel, demographischen Wandel und Diversity.

fim Vereinigung für Frauen im Management Bundesweites Frauennetzwerk von und für Angestellte, Unternehmerinnen, Freiberufliche und Selbständige aus unterschiedlichen Branchen. Die Vereinigung fordert unter anderem die paritätische Besetzung von Führungspositionen und gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Neun Regionalgruppen, darunter eine in Hamburg, bieten Mentoring, Networking und Veranstaltungen.

Hamburger Arbeitsassistenz Fachdienst für berufliche Integration: Die gemeinnützige GmbH versteht sich als Mittlerin zwischen Menschen mit Behinderung, insbesondere Lernschwierigkeiten, und Betrieben des regionalen Arbeitsmarktes. Der Verein Pro Inklusion Hamburg ist Gesellschafterin der Hamburger Arbeitsassistenz.

Hamburger Spendenparlament 1996 gegründet, engagieren sich die Mitglieder gegen Armut, Obdachlosigkeit und Isolation in Hamburg. Gemeinnützige Institutionen können Fördermittel für lokale Projekte beantragen. Eine ehrenamtliche Finanzkommission begutachtet die Anträge, bevor sie dem Spendenparlament zur Abstimmung gestellt werden.

Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik Diese Stiftung befasst sich mit ethischen Fragestellungen, Werten und Wertekonflikten im Wirtschaftsalltag, darunter auch konkret mit der Umsetzung des Lieferkettengesetzes. Kern der Arbeit ist eine branchenspezifische ethische Risikoanalyse, die moralische Probleme in eine ökonomische Sprache überträgt.

Hamburgische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAG) Landesweites Kompetenzzentrum für Gesundheitsförderung in Hamburg, in dem mehr als 60 Organisationen, Institutionen, Vereine und Berufsverbände vertreten sind. Die HAG setzt sich unter anderem für Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt und gesundheitliche Chancengleichheit ein. Alle zwei Jahre vergibt sie den Hamburger Gesundheitspreis (HGP), der die Förderung betrieblicher Gesundheit auszeichnet.

IQ Netzwerk Hamburg Ziel ist es, Erwachsene mit Migrationsgeschichte, Zugewanderte und geflüchtete Menschen in den Hamburger Arbeitsmarkt zu integrieren. Durch Qualifizierung soll die Teilhabe am Berufsleben nachhaltig verbessert werden – von Gastronomie bis hin zu Umwelttechnik.

Nachhaltigkeitsforum Hamburg (NFH) Dieses zivilgesellschaftliche Bündnis wurde 2018 vom Hamburger Senat ins Leben gerufen, um die Umsetzung der 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen in der Hansestadt zu begleiten. Mehr als 30 Hamburger Organisationen sind Mitglied im NFH – vom Nabu und dem Musikclub Markthalle über den Landes-Seniorenbeirat und den Hamburger Sportbund bis hin zur Handelskammer.

Social Entrepreneurship City Hamburg Der Verein unterstützt am Gemeinwohl ausgerichtetes Wirtschaften. Bestehende und künftige Sozialunternehmen werden beraten und mit Mitwirkenden aus Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft, Politik sowie Zivilgesellschaft vernetzt. Der Verein wurde Mitte 2023 gegründet, um die zuvor erarbeitete Social-Entrepreneurship-Strategie der Stadt Hamburg innovativ in die Praxis umzusetzen.

Social Impact Hamburg Agentur für soziale Innovationen, die Gründende bei der Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle zur Seite steht. So werden zum Beispiel Sozialunternehmen dabei unterstützt, ihre gesellschaftliche und nachhaltige Wirkung zu ermitteln und darzustellen, um ihr Standing bei Auftraggebenden, Investierenden und Banken zu verbessern. Zudem werden unter anderem Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte gecoacht, die in ihren Heimatländern eine neue berufliche Existenz aufbauen möchten.

tatkräftig e. V. Der Hamburger Verein fördert freiwilliges Engagements durch die Vermittlung von Social Days. An diesen Ehrenamtstagen werden Menschen unterstützt, die auf Hilfe angewiesen sind. Mehr als 1000 Einsätze wie Gartenarbeit, Aufräum- und Renovierungsaktionen sowie Begegnungsprojekte wurden bereits vermittelt. Engagiert haben sich beispielsweise Teams von Hamburger Unternehmen wie Hermes, tesa und Olympus.

Transparency International Deutschland e.V. Die Regionalgruppe Hamburg/Schleswig-Holstein/Bremen arbeitet, wie der Bundesverband, an der effektiven und nachhaltigen Eindämmung von Korruption. Korruptionsbekämpfung versteht der Verein als Querschnittsziel bei der politischen Umsetzung der Agenda 2030.

Zukunftsrat Hamburg Dieses öffentliche Forum wurde 1996 gegründet und hat mittlerweile mehr als 100 Mitglieder aus Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, die gemeinsam an Nachhaltigkeitszielen für ein zukunftsfähiges Hamburg arbeiten.


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