Hoch spezialisiert erfolgreich

Dank Nischenportfolio spielen einige Hamburger Unternehmen international ganz vorn mit. Viele sind der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt – sie bleiben Hidden Champions.
Dr. Hendrik Susemihl ist Co-Founder und CEO von goodBytz. Das Food-Tech-Start-up entwickelt autonome modulare Küchensysteme und hat damit den Zukunftspreis der Internorga 2026 gewonnen.
GoodBytz GmbH
Dr. Hendrik Susemihl ist Co-Founder und CEO von goodBytz. Das Food-Tech-Start-up entwickelt autonome modulare Küchensysteme und hat damit den Zukunftspreis der Internorga 2026 gewonnen.
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Von Birgit Reuther, 25. September 2026

Dr. Oehmichen_c_LEHVOSS Group
Dr. Thomas Oehmichen, Gesellschafter der LEHVOSS Group

Chemische und mineralische Spezialitäten, seltene Erden, Additive und Kunststoff-Verbindungen für die Industrie: Mit diesen hoch spezialisierten Produkten handelt das 1894 gegründete Familienunternehmen Lehmann&Voss&Co. mittlerweile in Europa, den USA und Asien.

Gemeinsam mit den internationalen Tochtergesellschaften bildet das Hamburger Stammhaus die LEHVOSS Group – ein echter Hidden Champion, dessen Komponenten und Rohstoffe in zahlreichen alltäglichen Produkten stecken, von Fahrzeugen bis zu Kosmetik, ohne dass der Name allgemein geläufig ist.

„Bis 1990 wurde der Hauptteil des Umsatzes im deutschsprachigen Raum gemacht“, erklärt Dr. Thomas Oehmichen, persönlich haftender Gesellschafter der LEHVOSS Group. Da sich die Kundschaft zunehmend internationaler aufstellte, folgte das Unternehmen dieser Entwicklung und expandierte nach Italien, Großbritannien und Frankreich.

Ab den 2000er-Jahren wuchs zudem das Geschäft mit selbst entwickelten hochspezifizierten Kunststoff-Compounds; damit erschloss die LEHVOSS Group insbesondere den US-amerikanischen und chinesischen Markt.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt dabei bis heute in der Präsenz vor Ort. „Da wir in der Region für die Region produzieren, schaffen wir eine erhöhte Supply-Chain-Resilienz. Beim Vertrieb sind wir davon überzeugt, dass Kunden es sehr schätzen, wenn sie von einem lokalen Fachvertrieb betreut werden, der die Sprache spricht und die Mentalität versteht“, erläutert Oehmichen.

Die LEHVOSS Group hat neben der kontinuierlichen Stärkung der europäischen Präsenz besonders ihre Aktivitäten in China ausgebaut – mit einem Headquarter in Shanghai und einer Produktionsstätte in Kunshan.

„Wir haben uns in den vergangenen vier Jahrzehnten in bestimmten, sehr hochtechnologischen Nischen eine weltweit führende Position erarbeitet“, so Oehmichen. Allerdings steht die Rolle als Hidden Champion für die LEHVOSS Group nicht im Fokus. „Wichtig ist, als zuverlässiger und hochkompetenter Geschäftspartner wahrgenommen zu werden, der die Probleme des Gegenübers versteht und entsprechende Lösungen anbietet.“

Carlo Ulbrich_portrait_┬®Matthias Friel
Carlo Ulbrich, Mitgründer und CSO der Nect GmbH

Der Hidden-Champion-Status wird gewiss durch hanseatisches Understatement befördert. Zugleich würdigt die hiesige Wirtschaft besondere Leistungen. So wurde etwa die RITZ Instrument Transformers GmbH beim Hamburger Gründerpreis 2025 in der Kategorie „Aufsteiger“ geehrt: Das 1945 gegründete Unternehmen ist einer der führenden Hersteller von Messwandlern und Stromschienensystemen in Europa, Asien und den USA.

Neben solchen Traditionsunternehmen wagen sich in der Hansestadt immer wieder neue Firmen mit einem innovativen Nischenprodukt in den internationalen Wettbewerb. Das Food-Tech-Start-up goodBytz zum Beispiel entwickelt autonome modulare Küchensysteme und hat damit den Zukunftspreis der Internorga 2026 gewonnen. Die Küchenroboter kommen unter anderem in US-Militärbasen zum Einsatz, wo sie rund um die Uhr frische Mahlzeiten zubereiten.

Aktuell kooperiert goodBytz zudem mit der Kette Leonardo Hotels Central Europe. Für Dr. Hendrik Susemihl, Co-Founder und CEO von goodBytz, eine zeitgemäße Fokussierung: „Die Hotellerie entwickelt sich zunehmend zu intelligenten, digital vernetzten Orten. Dazu gehört aus unserer Sicht auch die gastronomische Versorgung.“

Auch die Nect GmbH treibt ihre globale Skalierung voran. Das Unternehmen am Großen Burstah hat eine hoch spezialisierte Technologie entwickelt, mit der man die eigene digitale Identität verifizieren, online Unterschriften leisten sowie rechtssicher Verträge zustellen kann. Mit dieser Vertrauensdienste-Plattform expandiert Nect in den europäischen Markt. „Unsere Internationalisierungsstrategie basiert darauf, regulatorische Veränderungen frühzeitig als Wachstumschance zu verstehen“, erklärt Carlo Ulbrich, Mitgründer und CSO von Nect.

Mit neuen EU-Vorgaben, etwa zur elektronischen Identifizierung (eIDAS 2.0) und Geldwäschebekämpfung (AMLR), wurde die Grundlage für einen europaweit interoperablen Markt für digitale Identitäten geschaffen. Ab Ende 2026 sollen Bürgerinnen und Bürger bestimmte Nachweise sicher und digital über die neue EUDI-Wallet bereitstellen können.

Unternehmen, die ihr internationales Geschäft ausbauen möchten, können an Delegationsreisen teilnehmen, die die deutschen Auslandshandelskammern (AHKs) organisieren. Vom 29. bis zum 31. Oktober etwa reist eine Delegation nach Südkorea zur 19. Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft (APK) in Seoul. Vom 9. bis zum 13. November führt die Markterkundungsreise „MERCOSUR kompakt“ nach Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Eine Fact-Finding-Mission geht nach Ghana, um das Technologie-Ökosystem des westafrikanischen Staates kennenzulernen und am German-African Business Summit (GABS) in Accra teilzunehmen (vom 23. bis zum 25. November).

„Deshalb haben wir unsere Plattform von Beginn an so aufgebaut, dass sie länderübergreifend skalierbar ist und nationale Identitätslösungen integrieren kann“, sagt Ulbrich. Bisher war der europäische Markt stärker fragmentiert, da für Banken, Versicherungen und Telekommunikationsanbietende je nach Land unterschiedliche Anforderungen galten.

Erfolgsfaktoren, um die internationale Skalierung zu befördern, sind ein starkes Netzwerk und gezielte Interessenvertretung. „Wir stehen im ständigen Austausch mit der Politik auf nationaler und europäischer Ebene, um regulatorische Rahmenbedingungen praxistauglich zu halten und unnötige deutsche Sonderwege zu verhindern“, erläutert Pratheban Premjayanth, Lead International Partner Management bei Nect.

Das Unternehmen baut gezielt auf grenzüberschreitende Partnerschaften, um lokale Märkte zu erschließen. Zugleich ist Hamburg für Nect weit mehr als ein Unternehmenssitz. „Die Stadt ist ein wichtiger Innovationsstandort für digitale Technologien“, so Ulbrich. Eine Förderung der Stadt Hamburg gab damals den nötigen Anstoß für den Unternehmensaufbau. Damit die Champions weiter wachsen können – ob „hidden“ oder im hellen Rampenlicht.


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