Versorgung sichern

Energie- und Wassermanagement sind zentrale Aufgaben der Daseinsvorsorge, bieten wirtschaftliche Chancen – und Hamburg unternimmt einiges für effiziente Ressourcennutzung.
Das Hamburger Abwasser landet fast komplett in den silbernen Faultürmen am Köhlbrand – und erzeugt hier Strom und Biomethan.
Andrea Izzotti/stock.adobe.com
Das Hamburger Abwasser landet fast komplett in den silbernen Faultürmen am Köhlbrand – und erzeugt hier Strom und Biomethan.
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Von Felix Schoen, 5. Juni 2026 (HW 3/2026)

Auf Katastrophen folgen oft radikale Innovationen: Nach dem Großen Brand 1842 beauftragte die Erbgesessene Bürgerschaft den englischen Ingenieur William Lindley, eine zentrale öffentliche Wasserversorgung und Kanalisation zu errichten – die erste in Kontinentaleuropa. So entstanden das Wasserwerk in Rothenburgsort, Bade- und Waschhäuser, Hunderte Kilometer Abwassersiele, die an der Hafenstraße in die Elbe mündeten.

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tesa SE
Digitalisierung und KI sind für tesa selbstverständlich. Eine KI-Steuerung soll ab Sommer 2027 auch den Einsatz von H₂ und eines PtH-Systems für Prozesswärme regulieren.

Die Vorreiterrolle beim Wassermanagement behielt die Stadt aber nicht lange: Während das benachbarte Altona ab 1859 das Trinkwasser mit Sand filterte, scheute man in Hamburg die neue Investition. Muss man überhaupt filtern? Wie finanzieren wir das? Wer soll eine mögliche Wassersteuer zahlen – die Mieter, wie es der Grundeigentümerverein forderte, oder die Vermieter, wie der Senat mit Verweis auf den Kontrollaufwand argumentierte? 

Jahrelang debattierte man, verwies Fragen in Ausschüsse – und scherte sich wenig um das „wirre Durcheinander der mannigfachsten Lebewesen“ in der Leitung, das der Zoologe Karl Kraepelin 1885 beschrieb – Schnecken und Muscheln, Wasserasseln, Flohkrebse, Aale … Und Milliarden Bakterien aller Art. 1887 beschloss die Bürgerschaft endlich Filterbecken, doch der Senat gab die bewilligten Gelder erst 1890 frei. Zu spät: 1892 rafften die Cholera-Erreger im Hamburger Wasser 8605 Menschen dahin – in Altona waren es etwa 300. Die Filteranlage in Kaltehofe ging dann 1893 in Betrieb.

Infrastruktur ausbauen

Heute besitzt Hamburg eine solide Trink- und Abwasser-Infrastruktur, allein 17 Wasserwerke versorgen die Stadt. Doch die Sicherung einer resilienten Versorgung mit Strom, Wärme und Wasser bleibt eine gewaltige Herausforderung – und ein Grund für Debatten: Wie viele (und welche) Kraftwerke etwa sind als „Sicherheitsreserve“ für die Stromversorgung nötig? Wie treiben wir den Netzausbau voran? Und vor allem: Was soll der Staat in die Energiewende investieren?

Windpark-Initiative In ihrem Net-Zero-Papier skizziert die Handelskammer zwölf Initiativen zum nachhaltigen Standortmanagement. Angedacht ist auch die Errichtung eines gemeinsamen Windparks für die Hamburger Industrie. Derzeit laufen Gespräche mit Unternehmen, weitere Interessenten können sich gern bei Rudolf Neumüller von der Handelskammer melden (040 36138-263).

Jenseits aller Politik gilt jedenfalls: Angesichts von Klimawandel, geopolitischen Verwerfungen und Kriegsgefahren sind Defossilisierung, Kreislaufwirtschaft und der Ausbau Erneuerbarer Energien (EE) unabdingbar.

„Dekarbonisierung bringt eine doppelte Dividende: Sie hilft, den Klimawandel zu begrenzen und uns unabhängiger von fossilen Energieträgern zu machen“, betont Dr. Dirk Lau, Leiter der Handelskammer-Abteilung „Klimawende, Energie und Industrie“.

Wie einst beim Wasser ist zudem dezidiertes Handeln gefragt. Die hiesige Politik kann dabei auf gute Voraussetzungen zurückgreifen, so Lau: „Mit seinen eigenen Energieunternehmen hat Hamburg heute ein sehr mächtiges wirtschaftspolitisches Instrument in der Hand: Die Stadt kann unmittelbar durchgreifen.“

Das Potenzial von Schmutzwasser

Über ihre Unternehmen bündelt die Stadt gezielt Technologien – wie auf den Elbinseln Köhlbrandhöft und Dradenau. In Deutschlands größter kommunaler Kläranlage reinigt HAMBURG WASSER hier fast das komplette Abwasser der Metropole – und lässt den Klärschlamm 20 Tage in den markanten „silbernen Eiern“ beim Köhlbrand faulen. Das Faulgas wird in Biomethan (Gas für rund 5700 Haushalte) und Strom für den Eigenbedarf verwandelt, der Trockenschlamm in der Anlage VERA verbrannt. Die Energie-Ausbeute dort: jährlich 89 000 MWh Strom.

Details Windrad: https://www.enercon.de/de/windanlagen/e-160-ep5
Hamburg Airport/ ENERCON GMbH
„Grüner“ Strom aus Windenergie: Ab Ende 2028 will Hamburg Airport seine Stromversorgung größtenteils über einen eigenen Windpark in Heidmoor abdecken – und damit resilienter werden. Die Baugenehmigungen sind bereits erteilt.

Eine größere Anlage, VERA II, ist im Bau, eine Anlage zur Phosphor-Rückgewinnung im Probebetrieb. Mit den ebenfalls städtischen Hamburger Energiewerken (HEnW) errichtet HAMBURG WASSER vor Ort zudem Deutschlands größte Abwasser-Wärmepumpe. Im „Energiepark Hafen“, der mit dem neuen Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk von HEnW ab Ende 2026 das Kohlekraftwerk Wedel ablösen soll, wird die Pumpe künftig die Abwasser-Restwärme nutzen, um Fernwärme für bis zu 39 000 Haushalte zu erzeugen – ein Musterbeispiel für optimale Ressourcennutzung und Sektorenkopplung.

Kommunaler Wärmeplan Wie werden Hamburger Haushalte und Betriebe heute und in Zukunft mit Wärme versorgt? Wo lassen sich Wärmenetze ausbauen, wo sind Wärmepumpen besser geeignet? Welche Strategie verfolgt dabei die Stadt? Das dokumentiert der Entwurf eines Wärmeplans, den die Hamburger Umweltbehörde Ende März neben interaktiven Karten im Netz veröffentlicht hat.

Auch die Industrie ist am Start: Ab 2027 wird ArcelorMittal Hamburg den Energiepark Hafen mit jährlich mindestens 56 GWh Abwärme aus der Stahlproduktion versorgen, genug für 7000 Haushalte. Aurubis stellt schon seit 2018 Industriewärme für 8000 Haushalte bereit – und liefert seit 2025 für weitere 20 000 Haushalte Abwärme an den HEnW-Druckwärmespeicher auf der Peute (siehe auch das Interview  hier). Der gehört zum zweiten Großprojekt der Stadt: dem Energiepark Tiefstack, der samt Großwärmepumpe und thermischem Speicher bis 2030 das alte Kraftwerk ersetzen soll.

Abschied von fossilen Energieträgern

Die Nutzung „unvermeidbarer Abwärme“ ist auch Teil des „kommunalen Wärmeplans“ der Umweltbehörde. Als „zentrale Hebel“ für eine klimaneutrale Versorgung sieht sie dabei neben dem Ausbau von Wärmepumpen und -netzen „die Dekarbonisierung der industriellen Prozesswärme durch Elektrifizierung und Wasserstoff“.

Cover Richard J. Evans_Tod in Hamburg
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Buchtipp Mit einer Fülle von Details zeichnet der Brite Richard J. Evans die Geschichte des Cholera-Ausbruchs von 1892 nach. Soziale und medizinische Fragen sind ebenso Thema wie Politik und Medien. Tod in Hamburg: Pantheon Verlag 2022, 928 Seiten. (Originalausgabe 1987)

Wie etwa bei tesa. Die Beiersdorf-Tochter, die seit 1971 Klebebänder in Hausbruch herstellt, will dort künftig vier Säulen für klimaneutrale Produktion nutzen – und erhält dafür 950 000 Euro städtische Förderung.

Das Konzept: Ab Sommer 2027 kommt H2 statt Erdgas für Hochtemperatur-Prozesse zum Einsatz; tesa wird dafür als einer der ersten Betriebe ans neue H2-Netz HH-WIN angeschlossen.

Rund zwei Drittel des Dampfbedarfs bei geringeren Temperaturen deckt ein 10-MW-Power-to-Heat-System (PtH) samt 40-MWh-Wärmespeicher: Es bezieht „grünen“ Strom günstig in Überschusszeiten, speichert ihn in Betonröhren als Wärme – und gibt diese bei Bedarf ab. Eine Steuerungs-KI schließlich soll bestmöglichen Ressourceneinsatz sichern.

Hamburg Airport wiederum setzt im Rahmen seines Net-Zero-Programms auf weitgehende Stromautarkie: Ab Ende 2028 will der Flughafen seine rund 100 Gebäude über einen eigenen Windpark in Heidmoor bei Kaltenkirchen versorgen.

Erwartet wird ein Deckungsgrad von über 75 Prozent, bei Bedarf wird grüner Strom zugekauft. Über die Tochtergesellschaft Sustainable Energy Solutions (SES) investiert der Airport dafür rund 70 Millionen Euro; aktuell werden die erteilten Genehmigungen für die sechs geplanten 6-MW-Windräder geprüft.

„Windkraft verbindet Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit: Der Windpark ist eine Investition in Versorgungssicherheit und Preisstabilität“, ist Johannes Scharnberg, Bereichsleiter Kommunikation, Politik und Umwelt von Hamburg Airport und SES-Geschäftsführer, überzeugt. „Eigene Energieerzeugung macht den Airport resilienter und langfristig unabhängiger von volatilen Energiemärkten. Und am Ende ist diese Versorgung auch noch spürbar wirtschaftlicher, als Strom ,einfach‘ am Markt zu kaufen.“

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privat
Sebastian Knorr von HAMBURG WASSER

Am wichtigsten für solche Investitionen seien aber langfristig stabile Rahmenbedingungen: „Wir verfolgen deshalb aufmerksam die Überlegungen der Bundesregierung zur Neuordnung der Bedingungen für den Ausbau erneuerbarer Energien“, so seine vorsichtige Aussage.

Shared Economy

Die HEnW bauen das Fernwärmenetz zwar massiv aus – doch wie der Wärmeplan zeigt, wird es längst nicht alle Betriebe und Haushalte erreichen. Was also tun, um Öl und Gas einzusparen? „Wärmepumpen sind meist eine individuelle Lösung“, sagt Dirk Lau. „Aber wäre es nicht sinnvoll, sich Wärmepumpen über kleine dezentrale Netze zu teilen oder die Abwärme lokaler Firmen zu nutzen?“

Damit benennt er eine von zwölf Initiativen der Handelskammer, zu denen auch das gemeinsame Produzieren und Nutzen von „grünem“ Strom vor Ort gehört. Wie ein solches „Energy Sharing“ effizient funktionieren könnte, loten auf Initiative von KLIMAReady vier Betriebe im Gewerbepark Allermöhe aus: Nach einer gemeinsam mit der Hamburg Kreativ Gesellschaft durchgeführten Workshopreihe wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt, die derzeit ausgewertet wird.

„Erste Ergebnisse zeichnen sich bereits ab“, erklärt KLIMAReady-Projektleiter Hendrik Teichgräber. Da die beteiligten Betriebe Dachser und Gebr. Heinemann viel Strom benötigten, Buderus und MARX vor Ort hingegen weniger, würde lokal erzeugter Strom, wenn das Projekt zustande kommt, vor allem von Letzteren „an die größeren Verbraucher fließen“.

KLIMAREady Das von sieben Clustern wie „Erneuerbare Energien Hamburg“ und „Life Science Nord“ getragene Projekt unterstützt Organisationen seit Juli 2024 bei der Energietransformation, der Emissionsreduktion und dem Aufbau langfristiger Klimaresilienz. Es informiert zu Regularien, Fördermitteln und Anlaufstellen. Merh Infos hier.

Eine zentrale Herausforderung sei aber der regulatorische Rahmen. Das neue Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) erlaubt zwar Privatleuten und manchen Betrieben, ab Juni den eigenen Solarstrom mit Nachbarn zu teilen, „Großunternehmen sind allerdings von den entsprechenden Erleichterungen ausgeschlossen“, sagt Teichgräber.

Daher erwäge man derzeit, „eine Energy Sharing Community (ESC) auf Basis eines Bilanzstromkreismodells zu gründen“ und mit einem Energieversorgungsbetrieb zusammenzuarbeiten: Die Hürden für die gemeinsame Stromnutzung seien damit weit geringer als im derzeitigen Rahmen. Vorteilhaft wäre auch die Beteiligung weiterer Betriebe im Gewerbepark mit zusätzlichen PV-Erzeugungskapazitäten.

Auch Abwasser lässt sich teilen: Seit 2019 läuft ein Pilotprojekt mit getrennten Abwasserströmen im Neubaugebiet Jenfelder Au. Das zu Nutzwasser aufbereitete „Grauwasser“ aus Bad und Küche von 835 Haushalten dient etwa zur Bewässerung von Pflanzen durch einen Gewerbehof und für den Quartiersteich: So verbessert es das Mikroklima. Das Toiletten-Abwasser landet in einer Biogasanlage. „Die Unterdrucktoiletten sparen ganz konkret Trinkwasser ein“, erklärt Sebastian Knorr von HAMBURG WASSER, der Bedarf im Quartier ließe sich im Schnitt um mindestens 30 Prozent senken.

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HEnW
Überschüssigen Ökostrom in Fernwärme umwandeln: Das leistet seit 2023 die PtH-Anlage der HEnW in Wedel.

„Schwammstadt“-Konzepte sind ebenfalls Teil des Projektes: „In der Zisterne im Gewerbehof sammeln wir auch Regenwasser, die Steuerung schaltet nur bei Bedarf auf Grauwasser um“, sagt Knorr. Insgesamt sei das Modell allerdings eher für Regionen mit Wassermangel interessant.

Ob Großanlage oder lokale Initiative: Der Einsatz für nachhaltige Versorgung bringt Innovation, mehr Lebensqualität und häufig wirtschaftliche Vorteile. Die Hamburger Wirtschaft ist zu Investitionen bereit – und die Politik weiterhin gefordert, adäquate Rahmenbedingungen zu schaffen.

Sektorenkopplung Das Verbinden von Sektoren wie Strom, Verkehr und Wärme lohnt sich: So lässt sich etwa Photovoltaik mit einem „smarten“ Ladesystem für den Fuhrpark verbinden, das Strom zu günstigen Zeiten abruft – und in teuren zeiten ins Stromnetz einspeist. Mit Technologien wie „Power to Hydrogen“ (Strom zu H₂) oder „Power to Heat“ (Strom zu Wärme) lässt sich H₂ oder Prozesswärme aus Strom erzeugen. Stromspeicher wie H₂ sind für die Energiewende zentral. Zur Netzstabilisierung und als kurzfristige Puffer dienen das Pumpspeicherkraftwerk Geesthacht (Kapazität: etwa 600 MWh Strom) und Batteriespeicher – vom Balkonspeicher bis zum 100-MW-Großspeicher. Diese speichern Strom sehr effizient und liefern ihn sehr schnell zurück. Zum Überbrücken von Dunkelflauten sind aber fossile Kraftwerke und gegebenenfalls Stromimporte weiterhin nötig. Grüner H₂ soll dabei Erdgas perspektivisch ersetzen.


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