Der Mix macht’s

Raus aus der Nische: Mixed Leadership gehört zu den Erfolgsfaktoren, die Unternehmen jeder Größe zukunftsfähig machen. Der „Helga-Stödter-Preis der Handelskammer Hamburg“ sorgt seit zehn Jahren für Sichtbarkeit.
Bernd Jonkmanns
Die Bucerius Law School gewann den „Helga-Stödter-Preis der Handelskammer Hamburg“ im Jahr 2018. Im Bild (v. li.): Dr. Jo Beatrix Aschenbrenner, Prof. Dr. Katharina Boele-Woelki und Meinhard Weizmann

Von Verena Carl, 4. August 2022

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Helga-Stödter-Stiftung
Die Juristin Helga Stödter setzte sich zeitlebens für Frauenrechte ein.

Frauenförderung, gemischte Führungsteams, Diversity – diese Schlagworte sind nicht neu, gelten aber vielerorts noch immer als zweitrangig, als „nice to have“. Eine Fehleinschätzung, die sich als fatal erweisen könnte. Denn wer Talente nicht sucht, bindet und aufbaut, dem fehlen sie später. Allein in Hamburg sind derzeit 122 000 Personen nicht erwerbstätig, obwohl sie es sein könnten, darunter mehrheitlich Frauen. Rein rechnerisch könnte man allein damit annähernd die Fachkräftelücke schließen, die sich in den nächsten zehn, zwölf Jahren aufzutun droht. Und aus Frauen in Arbeit werden irgendwann Frauen in Führungspositionen, entsprechende Unterstützung vorausgesetzt.

Eine, die schon früh zu mehr Geschlechtergerechtigkeit mahnte, war die Hamburger Frauenrechtlerin Helga Stödter (1922 bis 2011). Die unerschrockene Juristin kämpfte zeitlebens für die Gleichstellung, sowohl im Familienleben als auch in der Arbeitswelt. Im Jahr nach ihrem Tod, 2012, vergab die von ihr gegründete Stiftung gemeinsam mit der Handelskammer erstmals einen Preis für Hamburger Firmen, die sich besonders für Frauen in Lead-Positionen stark machen. Die Liste der Ausgezeichneten ist ein „Who is Who“ bekannter Unternehmen aller Größenordnungen – vom ZEIT-Verlag bis zum ECE Projektmanagement, von der Hamburger Hochbahn bis zum Digitalunternehmen Thoughtworks Deutschland.

In den letzten zehn Jahren haben wir einen enormen Fortschritt quer durch alle Branchen gesehen.

Ulrike von Sobbe

„Seit unserer ersten Verleihung haben wir einen enormen Fortschritt quer durch alle Branchen gesehen“, freut sich Ulrike von Sobbe, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung. „Der Helga-Stödter-Preis der Handelskammer Hamburg ist eine hervorragende Plattform, weil er Rollenvorbilder und unternehmerische Motivation sichtbar macht. So kann er eine Strahlkraft über die Preisträger hinaus entfalten. Wandel muss aber gewollt sein, von der Führungsebene her. Und da bedarf es noch immer Überzeugungsarbeit.“

Dabei ist Mixed Leadership nicht nur gesellschaftlich wünschenswert, sondern auch wirtschaftlich. Die Studie „Diversity wins“ der McKinsey-Unternehmensberatung in Kooperation mit der Allbright-Stiftung ergab, dass Unternehmen mit dem größten Anteil an Frauen im Topmanagement eine 25 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit besitzen, überdurchschnittlich effizient zu sein, als diejenigen Betriebe, die am wenigsten divers aufgestellt sind.

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Mike Schaefer
Regina Grünewald, Direktorin des Baseler Hofs, und Fabrizio Viano, Gastronomieleiter des Restaurants „Kleinhuus“

Da ist es kein Zufall, dass sich laut einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft EY vor allem in börsennotierten Unternehmen der Frauenanteil stetig nach oben bewegt. Von 2017 bis 2022 hat sich der Anteil von Vorständinnen von 6,7 auf 13,4 Prozent verdoppelt, bei den 40 DAX-Konzernen sind es mit 18,1 Prozent am meisten. Nur noch ein gutes Fünftel, 22 Prozent, haben kein einziges weibliches Vorstandsmitglied. Seit Kurzem schreibt eine EU-Richtlinie Geschlechterquoten in Führungspositionen fest, auch im Interesse der Stakeholder: Gemischte Teams gelten als resilienter, kreativer und damit auch monetär erfolgreicher.

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Ulrich Perrey
Ulrike von Sobbe, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Helga Stödter-Stiftung, bei der Verleihung des „Helga-Stödter-Preises der Handelskammer Hamburg“ im Jahr 2020

Eine, die den Kulturwandel aus erster Hand kennt, ist Dina Koy, Head of Legal and Compliance bei Allianz Trade (ehemals Euler Hermes). Der weltweit führende Kreditversicherer gehörte vor zehn Jahren zu den ersten beiden Preisträgern. Die Tochter der Allianz beschäftigt in Deutschland rund 1100 Mitarbeitende, die meisten davon am Standort Hamburg. 2012 überzeugte die Firma mit ihrem Bottom-up-Ansatz: Weil zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts nur 20 Prozent des Führungspersonals weiblich waren (gegenüber 50 Prozent der Gesamtbelegschaft), gründeten engagierte Mitarbeiterinnen Netzwerke und stießen Maßnahmen wie Mentoringprogramme und bessere Kontaktpflege während der Elternzeit an, wobei sie sich Unterstützung vonseiten der Geschäftsführung holten.

Mit durchschlagendem Erfolg. „Heute sind vier der sieben Geschäftsleitungsmitglieder Frauen, auf der Ebene darunter ist es fifty-fifty. Man kann sagen: Je höher, desto weiblicher“, freut sich Koy. Kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen: „Das Thema Vereinbarkeit hat sich mittlerweile etabliert, nicht nur als reines Mütter-, sondern als Elternthema. Jetzt verschiebt sich der Fokus unseres Mitarbeiterinnen-Netzwerkes hin zu Themen wie Networking und Selbstmarketing.“

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Allianz Trade
Dina Koy, Head of Legal and Compliance bei Allianz Trade

Mittlerweile, sagt Koy lachend, sei sie aus dem eigenen Haus so an den Anblick bunterer Teams gewöhnt, dass sie bei manchen externen Terminen ihren Augen nicht traue: „Ich bin jedes Mal irritiert, wenn ich nur graue und blaue Anzüge sehe.“ Der Wandel bei Allianz Trade komme bei den meisten Kundinnen und Kunden gut an: „Sie erwarten von uns, dass wir so vielfältig sind wie sie.“

Ähnlich erlebt das Lena Roder, Diversity and Inclusion-Manager für die DACH-Region bei der IT- und Unternehmensberatung Accenture. Ihre Firma gewann 2020 den Helga-Stödter-Preis für das öffentliche Commitment, bis zum Jahr 2025 gleich viele Frauen wie Männer in Führungspositionen zu bringen. Eine Mission nach innen wie nach außen, sagt Roder: „Auch als Beratende möchten wir das Thema kulturelle Transformation zum Kunden zu bringen. Und als Arbeitgeber wissen wir: Wir müssen so inklusiv und divers sein, dass wir die besten Talente finden und längerfristig binden.“

Deshalb ist auch Nachwuchsförderung ein wichtiger Punkt im Maßnahmen-Mix, mit Programmen zum jährlichen „Girls’ and Boys’ Day“ und Coding-Workshops speziell für Mädchen. Eine Weitsicht, die nicht nur im akademischen Bereich, in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) oder der Informationstechnik (IT) gefragt ist, sondern auch dem Arbeitskräftemangel in Ausbildungsberufen entgegenwirken kann.

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Accenture
Lena Roder, Diversity and Inclusion-Manager bei der IT- und Unternehmensberatung Accenture

Das weiß Regina Grünewald, Direktorin des Hotels Baseler Hof, das 2015 ausgezeichnet wurde. „Mixed Leadership“ war dort schon Tradition, ehe man es so nannte: Seit vier Generationen sind Frauen in dem Familienbetrieb genauso selbstverständlich in Führungspositionen wie Männer. Vor allem das Bewusstsein für Vereinbarkeitsthemen hilft, die Stammbelegschaft von etwa 100 Angestellten langfristig zu halten, sagt Grünewald: „Wir versuchen, wo immer möglich, die Arbeitsplätze und Aufgaben an die Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzupassen und nicht andersherum. So konnten wir beispielsweise das Zurückkommen aus der Elternzeit fast allen so ermöglichen, wie sie es sich gewünscht haben.“

Was würde die vor 100 Jahren geborene Helga Stödter dazu sagen, würde sie noch leben? „Ich bin sicher, sie wäre sehr glücklich“, glaubt Stiftungs-Geschäftsführerin Ulrike von Sobbe, „denn auch wenn sie sich nie mit dem Erreichten zufrieden gab, wüsste sie doch, welch weiten Weg wir schon zurückgelegt haben.“ Ihr Vermächtnis lebt weiter. In den Netzwerken, die sie zum Teil mitgegründet hat und die den Preis bis heute auch finanziell unterstützen: EWMD (European Women’s Management Development International Network), fim (Vereinigung für Frauen im Management), VdU (Verband deutscher Unternehmerinnen). Aber auch in den zahlreichen Hamburger Unternehmen, die ihre Vorstellung von geteilter Verantwortung mit Leben füllen.

Auch in diesem Jahr werden wieder zwei Hamburger Firmen mit dem „Helga-Stödter-Preis der Handelskammer Hamburg“ ausgezeichnet, die sich besonders um Mixed Leadership und Frauen in Führungspositionen verdient gemacht haben. Mitglieder der Jury sind unter anderem Prof. Manuela Rousseau, Mitglied des Aufsichtsrates der Beiersdorf AG, und Adelheid Sailer-Schuster, Mitglied des Aufsichtsrates der Santander Consumer Bank. Den Vorsitz hat Prof. Norbert Aust, Präses der Handelskammer. Am 8. September um 18 Uhr werden die Preise bei einer feierlichen Veranstaltung in der Handelskammer überreicht. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung erforderlich.

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