DIHK-Präsident warnt vor Wertschöpfungsverlust in Deutschland

Seinen Besuch der Handelskammer nutzte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Peter Adrian, um vor dem Plenum eine Rede zu halten. Unter anderem sprach er über die aktuelle wirtschaftspolitische Situation, die Energiekrise, Preissteigerungen und Probleme in den Lieferketten.
Cornelia Theis
Vor dem Plenum der Handelskammer sprach DIHK-Präsident Peter Adrian unter anderem über die aktuelle wirtschaftspolitische Situation, die Energiekrise, Preissteigerungen und Probleme in den Lieferketten.

Von Frank Schlatermund, 2. September 2022

An Themen mangelte es Peter Adrian, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), beim Besuch der Handelskammer nicht. Vor dem versammelten Plenum sprach er die besonderen Herausforderungen an, vor denen Deutschland, Europa und die ganze Welt derzeit stehen, unter anderem enorme Preissteigerungen, Lieferkettenprobleme und Fachkräftemangel.

Der in Köln geborene Peter Adrian machte zunächst eine Banklehre, bevor er an der Universität Trier Volkswirtschaft studierte. Danach arbeitete er für die Deutsche Bank und gründete 1989 die TRIWO AG in Trier mit heute 34 Tochtergesellschaften in den Bereichen Industrie- und Gewerbeparks, Kfz-Testcenter und Sonderflughäfen. Seit 1994 ist Adrian Mitglied der Vollversammlung der IHK Trier, deren Präsident er seit 2006 ist. Seit März 2021 ist er Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Mitglied im DIHK-Vorstand ist der Hobbypilot seit 2006.

„Der Kostendruck ist groß“, so der 65-Jährige. „Die Erzeuger- und Importpreise sind im Schnitt rund 30 Prozent höher als vor einem Jahr – Kosten, auf denen Unternehmen zum Teil sitzen bleiben.“ Teilweise müssten Betriebe ihre Produktion in Deutschland sogar einschränken, weil Materialien oder Mitarbeitende fehlen oder die Kostensteigerungen eine Produktion unrentabel machen. Weil aufgrund von Störungen in der Lieferkette Aufträge teilweise nicht abgearbeitet werden können, liege der nicht bearbeitete Auftragsbestand der deutschen Industrie inzwischen bei acht Monaten.

Auf die Energiekrise, die sich zunehmend auf die deutsche Wirtschaft auswirkt, ging der DIHK-Präsident ebenfalls ein. Wie eine Erhebung des DIHK zeigt, sehen sich inzwischen 16 Prozent der Industriebetriebe gezwungen, die Produktion aufgrund der hohen Energiepreise herunterzufahren oder zumindest einzuschränken. „Eine Energiekrise, wie wir sie derzeit erleben, hat es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegeben“, konstatierte Adrian. Die Unternehmen würden sich zunehmend fragen, ob ihnen im Winter die Abschaltung vom Gas drohe. Oder wie sie bei diesen hohen Preisen für Strom und Gas überhaupt überleben sollen.

Adrian kritisierte die Staatsführung, die aus seiner Sicht nicht schnell genug auf die derzeitigen Herausforderungen reagiert. „Die Maßnahmen der Bundesregierung sind an vielen Stellen zu langsam und zu zögerlich“, sagte er. „Ich erinnere zum Beispiel an die Rückholung von Kohlekraftwerken aus der Reserve. Das hat lange gedauert, und einige Betreiber verzichten aufgrund der Auflagen darauf, ihre Anlagen wieder anzufeuern. Bevor drastische Eingriffe in die Energiemärkte erfolgen, muss deshalb alles darangesetzt werden, das Angebot auf dem Strommarkt auszuweiten.“

Eine Energiekrise, wie wir sie derzeit erleben, hat es in der Geschichte der Bundesrepu­blik Deutschland noch nicht gegeben.

 

In seiner Rede thematisierte der DIHK-Präsident auch die Ansage der Bundesnetzagentur, mindestens 20 Prozent Gas einzusparen: „Die Industrie hat im Juli diese Zahl erreicht. Doch das ist kein reiner Grund zur Freude, sondern Grund zu großer Sorge, denn diese 20 Prozent Reduktion im Gasverbrauch sind teuer erkauft.“ Auf Basis der aktuellen Umfrage schätzt der DIHK, dass rund ein Drittel, also sieben Prozentpunkte, darauf zurückzuführen sind, dass Betriebe in Deutschland ihre Produktion gedrosselt haben. „Insgesamt“, erläutert Adrian, „dürfte das einen Verlust von Wertschöpfung in einer Größenordnung von 20 Milliarden Euro bedeuten.“

Laut Adrian sind dafür zum größten Teil Lieferkettenprobleme verantwortlich, die noch immer bestehen: Weil Teile nicht geliefert werden, können Unternehmen nicht produzieren. „Nur der geringste Teil dürfte auf Energieeinsparungen durch Realisierung von Effizienzpotenzialen oder durch Optimierung von Prozessen zurückzuführen sein.“ Der DIHK-Präsident warnte: Je länger die Gaspreise so hoch bleiben, desto größer dürfte in Deutschland der Verlust an Wertschöpfung sein. Da es bei den Strompreisen derzeit noch dramatischer aussieht, befürchtet er, dass viele Unternehmen diese Herausforderungen künftig nicht mehr meistern könnten.

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Cornelia Theis
Bei seinem Besuch der Hansestadt schaute sich Peter Adrian auch den Hamburger Hafen an.

Von der Bundesregierung erwartet Adrian unter anderem eine Verlängerung der Energiezuschüsse bis zum Jahresende, eine Gasumlage, die aus dem Bundeshaushalt bestritten wird, eine Senkung der Energiesteuer auf den europäischen Mindestsatz und schnellere Genehmigungsverfahren: „Wir sind in Deutschland viel zu langsam. Wir müssen von der Stand- auf die Überholspur wechseln, wenn wir trotz der wirtschaftlichen Folgen des Angriffskriegs Russlands bis 2045 klimaneutral werden wollen. Wir können es uns nicht leisten, dass viel zu bürokratische Planungsverfahren dringend nötige Infrastrukturprojekte verzögern.“

Adrian betonte, dass es für Unternehmen gerade in Zeiten von Pandemie und Krieg essenziell ist, ihre Produktion über möglichst viele Länder zu verteilen, um das Risiko von Produktionsausfällen zu streuen. Wichtige Handelsabkommen seien notwendig, um Exportverbote abzubauen und deutsche Lieferketten zu sichern. Das erleichtere die Umstellung auf alternative Lieferwege, verbessere die Angebotslage und helfe zudem, der importierten Inflation entgegenzuwirken. Gerade jetzt komme es „auf eine kluge EU-Handelspolitik an, die auf die Absicherung und Diversifizierung von wichtigen Handelsbeziehungen setzt und gleichzeitig souveräne EU-Interessen vertritt.“

Die Maßnahmen der Bundesre­gierung sind an vielen Stellen zu langsam und zu zögerlich.

 

Am Ende erwähnte der Unternehmer, wie wichtig es in Krisenzeiten ist, zusammenzuarbeiten. Eine entscheidende Rolle spielen dabei IHK-Organisation und DIHK, die stets als „geschätzte Gesprächs- und Kooperationspartner“ wahrgenommen werden, die auch in Berlin und Brüssel für abgewogene Positionierungen, praxistaugliche Vorschläge und nicht zuletzt Verlässlichkeit stehen. „Als IHK-Organisation sollten wir dafür werben, die jetzige Situation als unsere neue Normalität anzunehmen, in ihr unternehmerisch Fuß zu fassen und alles daran zu setzen, dass sich die Entwicklung wieder zum Besseren wendet. Denn unser eigener Wohlstand und der unserer nachfolgenden Generationen steht auf dem Spiel.“

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Cornelia Theis
Das Plenum der Handelskammer tagt jeweils am ersten Donnerstag eines Monats.
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