Wege aus der Personalkrise

Personalsuche bleibt für die Wirtschaft eine der größten Herausforderungen. Die HW beschreibt, welche Wege für Hamburger Unternehmen erfolgreich sind und welche Chancen KI bietet.
Mohamed Mahmoud macht eine Ausbildung bei Effenberger – nicht nur in der Backstube, sondern auch im Verkauf.
Undine Gerullis
Mohamed Mahmoud macht eine Ausbildung bei Effenberger – nicht nur in der Backstube, sondern auch im Verkauf.
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Von Undine Gerullis, 10. Februar 2026 (HW 1/2026)

Allein in Hamburg könnten im Jahr 2040 rund 173 000 Fachkräfte fehlen, so das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI): Das entspricht fast der derzeitigen Einwohnergröße von Oldenburg. „Fachkräftemangel ist und bleibt nicht zuletzt angesichts des demografischen Wandels eine der entscheidenden Zukunftsherausforderungen für unsere 180 000 Mitgliedsunternehmen“, sagt Armin Grams, Leiter des Handelskammer-Geschäftsbereiches „Fachkräfte und Lebenslanges Lernen“.

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Simone Walter
Bäckermeister Thomas Effenberger setzt auf migrantische Azubis und möglichst vielfältige Ausbildungsinhalte.

„Fachkräftemangel ist und bleibt nicht zuletzt angesichts des demografischen Wandels eine der entscheidenden Zukunftsherausforderungen für unsere 180 000 Mitgliedsunternehmen“, sagt Armin Grams, Leiter des Handelskammer-Geschäftsbereiches „Fachkräfte und Lebenslanges Lernen“.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch das jüngste Daten-Update der Handelskammer-Fachkräftestrategie „Hamburg 2040“, das Ende des vergangenen Jahres erschien. „Der Fachkräftemangel hat wegen der aktuellen konjunkturellen Schwächephase zwar etwas an Brisanz verloren, gleichwohl wird er von immerhin 41 Prozent der teilnehmenden Unternehmen bei der jüngsten Konjunkturbefragung der Handelskammer als eines ihrer größten Geschäftsrisiken benannt“, sagt Grams.

Ausbildung für alle Aufgaben

Einer, der sich bei dem Thema entspannt zurücklehnen kann, ist Bäckermeister Thomas Effenberger. Der Chef von 21 Mitarbeitenden in sechs Hamburger Filialen ist einer von wenigen, die von sich behaupten können, keinen Fachkräftemangel zu haben. Wie ist das möglich in einer Branche, die seit Jahren über Personal- und Nachwuchsmangel nicht nur in der Backstube, sondern auch im Verkauf klagt?

„Eines meiner Geheimrezepte ist, dass in meinem Betrieb alle alles machen müssen – backen, ausliefern, verkaufen“, sagt Effenberger. Ein zweites sei, Personen, die sich beworben haben, zu einem Zeitpunkt einzustellen, der in ihre jeweilige persönliche Lebensplanung passt – auch wenn etwa das Ausbildungsjahr schon begonnen hat. Sein drittes „Geheimrezept“: die Personalsuche nicht auf deutsche Landesgrenzen zu beschränken. Aktuell beschäftigt Thomas Effenberger Mitarbeitende aus zehn Nationen.

„Ich habe mit der Einstellung ausländischer Arbeitskräfte gute Erfahrungen gemacht“, berichtet der 69-Jährige, der die ansteigende Fluchtmigration von Beginn an als Chance für sich gesehen hat. Für die Beschäftigung von beispielsweise Geflüchteten wirbt er nicht nur im Kollegenkreis, sondern auch als Mitglied im „Ausschuss für Fachkräfte und Arbeitsmarkt“ der Handelskammer.

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REWE Markt GmbH
Im Rewe „Pick&Go“ im Schanzenviertel ist das Einscannen der Ware nicht mehr nötig: Durch die Erfassung von Kundenbewegungen und Artikelauswahl wird ein virtueller Warenkorb erstellt.

„Die größte Hürde ist die Sprache“, sagt Co-Chefin und Ehefrau Anne Effenberger. „Doch bei uns im Unternehmen gilt die Regel, dass überall nur Deutsch gesprochen wird.“ Dann sei die sprachliche Hürde schnell überwunden.

Das kann Azubi Mohamed Mahmoud bestätigen. Der 29-Jährige aus Ägypten hat sich anfangs ein wenig gesträubt, aus der Backstube in den Verkauf zu gehen. Doch dann bemerkte er nach eigener Aussage schnell, dass „die Kunden nett sind und Verständnis zeigen“.

Mindestens eine Bewerbung pro Woche erhält die Traditionsbäckerei. „Aktuell besonders viele aus Vietnam“, erzählt Thomas Effenberger, der nicht nur mit einer soliden Ausbildung, sondern auch mit günstigem Wohnraum bei der Personalsuche punktet und WG-Zimmer an Mitarbeitende über der Backstube in Eimsbüttel vermietet.

Nur die Bürokratie mache ihm und seinem Betrieb zu schaffen: „Die Beantragung einer Arbeitserlaubnis kann viele Fallstricke bergen und sehr lange dauern.“

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Kati Jurischka
Armin Grams, Leiter des Handelskammer-Geschäftsbereiches „Fachkräfte und Lebenslanges Lernen“

Zwischen Bürokratie und KI

Effenberger ist nicht der Einzige, der sich eine Erleichterung bei der Einstellung ausländischer Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten erhofft. Knapp 50 Prozent aller befragten Unternehmen des Produzierenden Gewerbes haben laut einer Handelskammer-Umfrage vom Herbst 2024 diesen Wunsch.

Neben Bürokratieabbau wünschen sich die befragten Betriebe eine Stärkung der beruflichen Bildung und weniger gesetzliche Vorgaben bei den Arbeitszeiten. Forderungen, die auch der „Verband des Lebensmittel-Einzelhandels Hamburg e. V.“ mit aktuell 100 Mitgliedern bereits mehrfach vorgebracht hat. „Wie vielen anderen Branchen macht auch uns der Fachkräftemangel seit Jahren zu schaffen“, sagt ein Verbandssprecher. Die Folgen seien bereits überall spürbar: Einschränkung der Öffnungszeiten, Verkleinerung des Angebotes oder komplette Geschäftsaufgaben.

Die Großen der Branche versuchen das Personalproblem mit Automatisierung und dem Einsatz von KI zu lösen. So hat etwa Rewe bereits seinen zweiten Innovationsmarkt in Hamburg eröffnet, in dem kontaktloses Einkaufen möglich ist. Kameras und Sensoren erfassen dort die Kundenbewegungen und die Artikelauswahl, der Warenkorb wird virtuell erstellt, die Bezahlung digital abgewickelt.

Personal gibt es zwar weiterhin im Rewe „Pick&Go“, und auch die Teamgröße von 48 Mitarbeitenden ist nach dem Umbau gleich geblieben. „Doch durch die Technologieunterstützung haben wir jetzt deutlich mehr Zeit für die Sortimentspflege und die Beratung“, erklärt Peter Muench-Polzin, Manager des Rewe-Marktes im Schanzenviertel. „Das ist eine Entwicklung, die in unserer Branche rasend schnell voranschreitet und viele Chancen birgt“, so der „Verband des Lebensmittel-Einzelhandels Hamburg e. V.“

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Chocoversum
Stephanie Schaub, Geschäftsführerin des Schokoladenmuseums Chocoversum

Wie schnell, zeigt Lidl, der Marktführer unter den Discountern: Aktuell wird jede zweite der mehr als 3250 Lidl-Filialen in Deutschland mit Selbstbedienungskassen (SB-Kassen) mit KI ausgestattet. Mithilfe einer Kamera erkennen diese Kassen eigenständig das jeweilige Obst oder Gemüse, langes Scrollen durch Menüs entfällt.

Für die Kundschaft soll sich auf diese Weise die Wartezeit verringern, Mitarbeitende sollen Zeit für andere Tätigkeiten gewinnen. Nach Aussage von Lidl-Sprecherin Michelle Müller werden sich die KI-Kassen aber nicht auf die Größe der Filialbesetzung auswirken. Ohnehin sind in den Hamburger Lidl-Geschäften aktuell 458 Stellen unbesetzt.

Auch in der Handelskammer-Konjunkturbefragung aus dem zweiten Quartal 2025 geht mehr als die Hälfte (58 Prozent) der befragten Unternehmen davon aus, dass der Einsatz von KI in den kommenden fünf Jahren keinen Einfluss auf ihren Personalbestand haben wird.

Das gilt auch für das Schokoladenmuseum Chocoversum, in dem der KI-Einsatz bereits selbstverständlich ist: „Beruflichen Alltag ohne KI gibt es bei uns nicht mehr“, sagt Geschäftsführerin Stephanie Schaub. Bei jedem Meeting sei die KI dabei und helfe bei der Ideenentwicklung. Seit ein paar Wochen nutze das Chocoversum zudem einen KI-gestützten Voicebot, der 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr Fragen zu Buchungen, Öffnungszeiten und Eintrittspreisen „zuverlässig und gleichbleibend freundlich“ beantworte.

„Früher in den Feierabend können wir zwar nicht, aber durch die KI werden Kapazitäten für neue Projekte frei“, so die 41-Jährige. „In keinem Fall wollen wir unser Team verkleinern. Im besten Fall sorgt die KI dafür, dass 100 Mitarbeitende das schaffen, wofür sonst 180 nötig gewesen wären.“

Auch wenn allerorten Fachkräfte fehlen, ist zugleich die Arbeitslosenquote in Hamburg aufgrund der schwachen Konjunktur im vergangenen Jahr gestiegen. Im Dezember waren hier 92 582 Menschen arbeitslos gemeldet. Junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren waren besonders von Arbeitslosigkeit betroffen, deren Erwerbslosenzahl stieg um 19,3 Prozent im Jahresdurchschnitt im Vergleich zum Vorjahr. Der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist nach wie vor eine solide Ausbildung. Doch welcher Beruf ist der mit den besten Zukunftsaussichten? In jedem Fall nicht der mit einem akademischen Abschluss, sagt Michaela Beck, stellvertretende Leiterin des Handelskammer-Geschäftsbereiches „Fachkräfte und Lebenslanges Lernen“. Besonders gefragt seien beruflich Qualifizierte aus dem kaufmännischen Bereich – noch vor den Fachkräften in der Gastronomie – sowie aus der IT.


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