Perspektiven auf „Hamburg 2040“: Lars Haider

Wie schaut die Medienbranche auf Hamburg im Jahr 2040? In der Reihe „Perspektiven auf Hamburg 2040“ blickt Chefredakteur des Hamburger Abendblatts Lars Haider auf die Bedeutung der Medienbranche für den Standort und stellt die Frage:  Wie wir es schaffen können, den Übergang von der alten Kaufmannsstadt zu einer jungen Start-Up-Metropole zu schaffen.
Andreas Laible
Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Von Lars Haider, 17. Mai 2023

Man kann die Rolle der Medien für Hamburg gar nicht überschätzen. Rein wirtschaftlich gibt es natürlich Branchen, die größer und wichtiger sind, in denen deutlich höhere Umsätze gemacht werden und an denen mehr Arbeitsplätze hängen. Aber wenn es um die Wahrnehmung Hamburgs in Deutschland und darüber hinaus geht, darum, dass die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes stattfindet, sind die Medien entscheidend. Es war in der Vergangenheit ein großer Vorteil Hamburgs, dass viele wichtige Redaktionen, von der „Tagesschau“ und den „Tagesthemen“ über den „Spiegel“, den „Stern“ und die „Zeit“ bis hin zum „Hamburger Abendblatt“ hier ihren Standort hatten, weil dadurch zwangsläufig nicht nur aus der, sondern auch über die Stadt berichtet wurde. Wenn ich Bürgermeister wäre, Kultur- oder Wirtschaftssenator (oder Präses der Handelskammer) würde ich die Medien immer auch als Sprachrohr und Projektionsfläche Hamburgs sehen, fast schon als Marketingfaktor. Olaf Scholz hat einmal, als ich mit ihm über die Rolle des Hamburger Abendblatts und anderer lokaler Zeitung sprach, gesagt, dass es Hamburg in der Wahrnehmung der Menschen nicht geben würde, wenn niemand darüber berichten würde, und das trifft es ziemlich gut. Insofern muss eine kluge Medienpolitik, die auf das Jahr 2040 zielt, alles tun, um die Redaktionen, die in Hamburg sind, hier zu halten und andere anzulocken. Das wiederum wird nur gelingen, wenn man ein Umfeld schafft, das für Journalistinnen und Journalisten interessant ist, sowohl beruflich als auch privat. Weil die politische Ebene leider fehlt – Hamburg ist bekanntlich die größte Metropole Europas, die nicht Hauptstadt ist – wird es darauf ankommen, wie man sich als Standort für Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft weiterentwickelt und wie man die drei Bereiche mit dem Journalismus zusammenbringt. In der Kultur ist Hamburg spätestens seit der Eröffnung der Elbphilharmonie auf einem sehr guten Weg, in der Wissenschaft hat die Universität Hamburg mit ihrem Exzellenzstatus so etwas wie den Startschuss für eine vielversprechende Entwicklung gegeben. Bleibt die Wirtschaft beziehungsweise Kaufmannschaft, lange das Zentrum des Hamburger Selbstverständnisses, inzwischen aber ein Riese, der wankt, weswegen sich der mediale Fokus in diesem Bereich weg von Hamburg auf andere Regionen gelenkt hat. Wer daran etwas ändert, hilft auch dem Medienstandort. Es kommt darauf an, den Übergang von der alten Kaufmannsstadt zu einer jungen Start-Up-Metropole zu schaffen. Mit Medien, die gar nicht wissen, worüber sie zuerst berichten sollen… Auf dem Weg dorthin muss man sich darüber im Klaren sein, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, in einer Stadt, auch wenn sie groß ist wie Hamburg, so viele wichtige Medienhäuser zu haben. Hamburg hat in der Vergangenheit einige verloren, die „Bild“-Zeitung ist nach Berlin gezogen und mit ihr die in Hamburg gegründete Axel Springer SE. Bertelsmann hat als Mutterkonzern in diesem Jahr damit begonnen, Gruner + Jahr, einst einer der schillerndsten Verlage Europas, ein Sehnsuchtsort für viele Journalistinnen und Journalisten, zu zerlegen. Gleichzeitig sind glücklicherweise neue Medienunternehmen entstanden, die man zunächst vielleicht gar nicht als solche wahrgenommen hat, etwa die OMR oder Statista, deren Gründer eine große Verbundenheit zu Hamburg haben. Genau diese Verbundenheit muss weiter gestärkt werden, auf Dauer wird es nicht reichen, dass Medienunternehmer feststellen, dass es relativ leicht ist, gute Leute aus der ganzen Welt nach Hamburg zu locken, weil die Stadt so schön ist (und weil es hier kostenlose Kitas und eine funktionierende Ganztagesbetreuung an den Schulen gibt). Noch wichtiger ist folgende Erkenntnisse: Medienschaffende fühlen sich von anderen Medienschaffenden angezogen, je mehr es gibt, desto besser. Soll heißen: Es geht nicht darum, ein, sondern man muss der Medienstandort sein wollen und sich politisch wie strategisch genau dazu bekennen. Weil es wirtschaftlich vernünftig, vor allem aber, weil es inhaltlich in nahezu allen Bereichen entscheidend für die Entwicklung einer Stadtgesellschaft sein wird. Und, auch das: weil wir in einer Mediendemokratie leben. Wer das eine will, muss das andere fördern und umgekehrt. Das hat in einer bürgerlichen und freien Stadt, wie sie Hamburg ist, eine lange Tradition und hoffentlich eine große Zukunft.

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