Was tun, wenn Drohnen auf dem Werksgelände auftauchen? Wie verhindert man Sabotage im eigenen Unternehmen? Wie reagiert die Logistik, wenn die Elbe gesperrt ist oder das Schienennetz angegriffen wird?
Mit Szenarien einer fragilen Sicherheitslage setzt sich die deutsche Bevölkerung seit zwei bis drei Generationen kaum noch auseinander. Es herrschte ja Frieden. Doch längst hat sich das geändert: Vermutlich von Russland gesteuerte Attacken auf Infrastruktur und gesellschaftliche Stabilität des europäischen Westens nehmen stetig zu.
Hamburg ist als Ziel doppelt interessant. Zum einen ist die Hansestadt einer der bedeutendsten Logistik-Hubs Europas. Zum anderen wäre sie im Falle eines bewaffneten Konfliktes zentrale Drehscheibe für die Verlegung und Versorgung von NATO-Streitkräften.
Damit wir uns als Gesellschaft schützen können, muss sich unser Mindset ändern. Die Reise einer Delegation der Handelskammer nach Finnland zeigte kürzlich, wie im nordöstlichsten NATO-Land mit insgesamt 1340 Kilometern Grenze zu Russland Politik, Militär, Wirtschaft und Bevölkerung an einem Strang ziehen.
Können wir von Finnland für Hamburgs Resilienz lernen? Die Handelskammer bietet am 24. September Unternehmen die Möglichkeit, ihre Widerstandsfähigkeit gegen ein realistisches Krisen-Szenario zu testen. Was passiert, wenn plötzlich der Strom ausfällt? Die teilnehmenden Firmen werden Teil einer hamburgweiten Übung zur Krisenvorsorge. „Red Storm Business“ findet im Kontext der zivilmilitärischen Übung „Red Storm Charlie“ (24. bis 26. September) statt.
Resilienz als Wettbewerbsvorteil Resilient gegen Krisen zu sein, bedeutet, in konkreten Szenarien zu denken. Im November 2024 sagte Oberstleutnant Jörn Plischke im Plenum der Handelskammer: „70 Prozent aller Lastwagen auf Deutschlands Straßen werden von Osteuropäern bewegt. Wenn dort Krieg ist, wo werden dann diese Leute sein?“ Der damalige Chef des Stabes des Landeskommandos Hamburg der Bundeswehr empfahl, pro 100 Mitarbeitende mindestens fünf zusätzliche Personen auszubilden, damit diese in der Lage sind, einen Lkw zu steuern. Plischkes Vortrag, der vielen Anwesenden in Erinnerung blieb, war ein Aufrüttler, dem Taten folgten.
Die Handelskammer entwickelte mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) einen strategischen Krisenvorsorgeplan für Unternehmen und schuf eine spezialisierte Stelle für Resilienz. Regelmäßig fördert sie den Austausch zwischen Bundeswehr, Wirtschaft und Zivilgesellschaft durch Info-Veranstaltungen.
Dr. Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer, führte die Hamburger Finnland-Reise im April an. Er ist überzeugt davon, dass Resilienz nicht nur Vorbereitung auf den Ernstfall ist, sondern auch konkrete Wettbewerbsvorteile für hiesige Unternehmen schafft.
Info-Paket Das Übungs-Info-Paket zum fiktiven Stromausfall im Rahmen von „Red Storm Business“ am 24. September wird von der Handelskammer zur Verfügung gestellt. Anmeldung unter www.handelskammer-hamburg.de/red-storm-business. Sie erhalten einen klaren Leitfaden, vorbereitende Materialien sowie Kontaktpersonen zum Erfahrungsaustausch vor, während und nach der Übung. Diese wird selbstständig durchgeführt. Der Anfang dieses Jahres von der Handelskammer veröffentlichte Krisenvorsorgeplan für Unternehmen kann hier heruntergeladen werden (PDF). Fragen zum Thema Resilienz beantwortet Tobias Bock von der Handelskammer (040 36138-284).
„Es geht nicht nur um Sicherheit“, sagt er. „Es geht auch um Chancen. Besonders spannend waren für mich in Finnland die Gespräche rund um das Thema ‚Dual Use‘ sowie die Entwicklung und Produktion von Drohnen und Satellitentechnik – Felder mit großem Potenzial, auch für unsere Wirtschaft.“
Ein anderes Wachstumsfeld sind Quantencomputer. Hamburg gilt als eines der wichtigsten deutschen Zentren für diese Technologie. Quantencomputer werden wegen ihrer enormen Rechenleistung künftig eine Schlüsselrolle bei der Sicherung kritischer Infrastrukturen und der Cyber-Abwehr einnehmen. Dazu erschließen sich Hamburger Großunternehmen militärische Kompetenz. Lufthansa Technik (LHT) beispielsweise baut in Hamburg ein eigenes Defense-Kompetenzzentrum auf. Jetzt im April wurde dort erstmals eine planmäßige Wartung der „P-8A Poseidon“, ein Seefernaufklärer der Deutschen Marine, durchgeführt.
Auch für Unternehmen ohne offensichtliche „Dual-Use-Produkte“ (gemeint sind damit zum Beispiel Technologien und Software, die zwar für zivile Zwecke entwickelt wurden, die aber auch für militärische Anwendungen genutzt werden können) ist systematische Krisenvorsorge von Vorteil. Banken und Versicherungen etwa haben damit begonnen, sogenannte Resilienz-Audits in ihre Risikobewertungen für Kredite und Policen einzubeziehen. Zudem prüfen öffentliche Stellen zunehmend die Resilienz jener Unternehmen, an die sie Aufträge verteilen.
Was Firmen bereits tun Nick Zippel ist Geschäftsführer der FRANK ECOenergy GmbH, Gründer der NAEXT GmbH und Mitglied im Plenum der Handelskammer, mit der er kürzlich nach Finnland gereist ist. Sein Betrieb stärkt die hiesige Resilienz durch die Entwicklung autarker Batteriespeichersysteme, die laut Zippel bis minus 50 Grad Celsius funktionieren und netzunabhängig sind. Sie ermöglichen eine stabile Energieversorgung unter extremen Krisenbedingungen.
„Energiespeicher müssen im Ernstfall als zentraler Bestandteil unserer Systemarchitektur verstanden werden und sichern dezentrale Knotenpunkte“, sagt Zippel. „Mit den inselfähigen NAEXT Batteriesystemen schaffen wir die Basis für eine autarke Energieversorgung, damit Hamburgs Wirtschaft auch bei einem großflächigen Netzausfall handlungsfähig bleibt.“
Das neue Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk (GuD) Dradenau nimmt ebenfalls eine Schlüsselrolle in der Hamburger Energieinfrastruktur ein. Die Anlage, die Ende 2026 komplett fertiggestellt sein soll, unterscheidet sich von den meisten herkömmlichen Stromerzeugern dadurch, dass sie ohne externe Stromzufuhr aus dem Netz in Betrieb gehen kann.
Auch Franziska Wedemann, Vorsitzende des Wirtschaftsvereins für den Hamburger Süden, war Teil der Finnland-Delegation. Bis Juni 2022 leitete sie die Großbäckerei Wedemann – und befasst sich schon länger mit Resilienz. „Das Thema ist präsent“, berichtet sie von ihrer Vereinsarbeit. „Es gibt natürlich Personen, die sagen ‚Es wird schon nichts passieren.‘ Unternehmensverantwortliche aber, die mit internationalen Lieferketten zu tun haben, halten bereits Krisenpläne vor.“
Wie man ein Unternehmen in der Krise am Leben erhält, hätten manche in der Pandemie bitter lernen müssen. Momentan sei die Kriegsgefahr noch eher latent. Cyberbedrohung und Sabotage aber seien bereits Realität.
Wedemann sieht es als ihre Aufgabe an, Vereinsmitglieder für das Thema zu sensibilisieren, indem sie zum Beispiel den Landeskommandeur oder den Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung einlädt. „Das Interesse an diesen Formaten ist sehr groß“, berichtet sie.
Von Finnland lernen Deutlich weiter als Deutschland ist Finnland. Laut einer FORSA-Umfrage im Frühjahr 2025 würden lediglich 17 Prozent der Deutschen „auf jeden Fall“ zur Waffe greifen, würde ihr Land angegriffen. 19 Prozent geben an, dies „wahrscheinlich“ zu tun.
Dagegen wären rund 80 Prozent der Finnen zur militärischen Verteidigung ihres Landes bereit. „Preparedness“-Unterschiede der beiden NATO-Länder zeigen sich auch am Beispiel der finnischen Behörde NESA. Mit kaum mehr als 100 Festangestellten ist sie das zentrale Organ für die Sicherstellung einer Krisenversorgung in Finnland und untersteht dem Wirtschaftsministerium.
Dr. Jan Feller ist Deutsch-Finne und Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Auslandshandelskammer Finnland (AHK Finnland) in Helsinki. „Der große Unterschied im Resilienz-Denken zwischen Deutschland und Finnland ist, dass wir in Deutschland etwas Fertiges von oben erwarten und davon ausgehen, dass uns schon jemand sagen wird, was wir tun sollen“, erzählt er. In Finnland hingegen würden informelle Netzwerke zwischen Unternehmen, Verwaltung, Verteidigung und Non-Profit-Sektor geknüpft, die ihre Resilienz selbstständig voranbrächten. „Durch die Einbindung vieler erreicht man, dass jeder Einzelne sich verantwortlich fühlt, etwas beizutragen.“
Die einzigartige Handelskammer-Struktur Deutschlands sieht Feller jedoch als großen Vorteil für einen Mind-Change und das Einüben von Resilienz. „Da haben wir deutsche Netzwerke und Organisationen, die sich geradezu anbieten, an der Schnittstelle zwischen Verwaltung, Unternehmen und drittem Sektor diese Awareness zu fördern“, ist er überzeugt. Auch deutsche Unternehmen sollten den ersten Schritt machen und sich schon jetzt gegen Krisen wappnen – bevor der Ernstfall eintritt.
Privatinitiative Die Bundesregierung geht davon aus, dass Deutschland und die NATO spätestens 2029 angegriffen werden könnten. Damit alle Menschen im Land wissen, was im Krisenfall zu tun ist, bündelt die im Herbst vergangenen Jahres gegründete Privatinitiative DEUTSCHLAND MACHT ALARM staatliche Informationsangebote und Checklisten zum Verhalten im Krisen-, Spannungs- oder Kriegsfall sowie zu Warnsystemen an einem Ort.
