„Nachhaltigkeitsberichterstattung ist erst einmal teuer für ein Unternehmen“, sagt Michaela Fuhrberg, Manager Corporate Communications beim Hamburger Transport- und Logistikunternehmen a. hartrodt. „Daher ist es wichtig, dass der Bericht und vor allem die Nachhaltigkeitsaktivitäten an sich für uns als Unternehmen strategisch Sinn ergeben.“
Die a. hartrodt (GmbH & Co.) KG ist nach aktuellem EU-Rechtsstand voraussichtlich ab dem Geschäftsjahr 2027 verpflichtet, ein ESG-Reporting zu erstellen – also die Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft und Unternehmensführung (Environment, Social und Governance) darzulegen. Das Unternehmen, das an 125 Standorten weltweit 2061 Mitarbeitende beschäftigt, hat jedoch bereits begonnen, die Berichterstattung nach der CSR-Richtlinie der EU aufzubauen.
Beraten wird es dabei von der Hamburger Wirtschaftskanzlei Möhrle Happ Luther. Andreas Schruth, Director ESG & Nachhaltigkeit der Kanzlei, sieht in dem Bericht eine große Chance, Prozesse im Unternehmen zu optimieren sowie Wettbewerb, Kundenbindung und auch die eigene Kreditwürdigkeit zu verbessern. Also das ESG-Reporting von einer Pflicht zur Geschäftsstrategie und zum Teil des Corporate Brandings zu machen.
„Das Thema Nachhaltigkeit verursacht nicht nur Kosten, sondern sollte zusätzlich Mehrwerte schaffen“, erklärt Schruth, der viele Firmen im Mittelstand berät. Im Consulting ist es stets sein Ziel, einen Business Case um die Regulatorik herum zu entwickeln. „Die erste Frage sollte immer sein: Was will ich als Unternehmen erreichen, indem ich Nachhaltigkeitsziele verfolge?“
Wesentliches In einer Wesentlichkeitsanalyse werden Geschäftsmodell, Wertschöpfungskette und Stakeholder-Perspektiven analysiert, um mögliche Nachhaltigkeitsthemen sowie deren Chancen und Risiken zu bewerten, zu priorisieren und zu dokumentieren. Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse als zentrales Instrument betrachtet dabei die Auswirkungen des Unternehmens auf Umwelt und Gesellschaft (Inside-Out) sowie potenzielle positive und negative Effekte durch Nachhaltigkeitsthemen für das Unternehmen (Outside-In). Die CSR-Richtlinie der EU bildet dabei den rechtlichen Rahmen, während die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) die Methodik definieren.
Zu den großen Themen gehört es zum Beispiel, Energie- und CO2-Kosten zu reduzieren sowie Talente und Fachkräfte zu akquirieren. Oder auch die neuen Entgelttransparenzanforderungen zu erfüllen: Diese verpflichten Unternehmen unter anderem, klare, nachvollziehbare und geschlechtsneutrale Gehaltsstrukturen festzulegen. Ziel ist es insbesondere, den Gender Pay Gap zu überwinden.
Bessere Kreditkonditionen dank ESG
Auch bei der Bewertung von Kreditportfolien durch Finanzinstitute wird Nachhaltigkeit immer wichtiger. Die EU-Aufsichtsbehörde European Banking Authority verpflichtet sie zunehmend, ESG-Aspekte in ihr Risikomanagement zu integrieren. „Kann ein Unternehmen geprüfte ESG-Daten vorlegen, findet die Einschätzung der Bonität nicht einfach nach durchschnittlichen Branchenwerten statt, sondern passgenau“, erläutert Schruth. Und er führt aus: „Unternehmen ohne ESG-Reporting werden mittelfristig immer noch Kredite bekommen, müssen aber mit Risikoaufschlägen rechnen.“
Bei 37 Prozent der großen deutschen Mittelstandsfirmen, die 2024 um Kredite verhandelten, wurde Nachhaltigkeit in den Gesprächen mit Banken und Sparkassen thematisiert, so eine Anfang 2026 veröffentlichte Umfrage der Förderbank KfW. Das sind drei Prozentpunkte mehr als 2023. Bei kleineren Unternehmen (zehn bis 49 Beschäftigte) stieg der Anteil von 21 auf 24 Prozent – mit Schwerpunkt beim verarbeitenden Gewerbe. Auch wenn sich diese Zahlen noch deutlich steigern lassen, rät Dr. Juliane Gerstenberger Unternehmen aller Größenklassen, sich angesichts der Entwicklung „intensiv mit ihrem Nachhaltigkeitsprofil auseinanderzusetzen und Nachhaltigkeitsdaten strukturiert zu erfassen“.
Die Mittelstandsexpertin bei KfW Research ist sich allerdings bewusst: „Insbesondere für kleine Unternehmen ist es nicht leicht, alle Nachhaltigkeitsanforderungen zu durchdringen und zu erfüllen.“ Es brauche mehr Klarheit, Unterstützung und einheitliche Standards.
Die Haspa beispielsweise bietet Orientierung mit ihrem S-ESG-Score: Dieser hilft Unternehmen, einzuschätzen, wie nachhaltig sie bereits wirtschaften und welche Risiken in diesem Feld bestehen. Das Hamburger Kreditinstitut unterstützt „grüne“ Investitionen zudem mit einem eigenen, branchenübergreifenden Transformationskredit.
Kundenbindung stärken
Für das Logistikunternehmen a. hartrodt ist Nachhaltigkeit zunehmend wichtig im Hinblick auf ihre Kundschaft. „Viele unserer Kunden befinden sich im Segment ,große kapitalmarktorientierte Unternehmen‘. Sie sind daher deutlich früher als wir zu einem ESG-Reporting verpflichtet“, erklärt Michaela Fuhrberg.
Auch deshalb wird seit etwa fünf Jahren immer häufiger angefragt, wie nachhaltig die Firma ihre Dienstleistungen organisiert – also Ex- und Importverkehre für Stückgut, Vollcontainer und konventionelle Ladung. Über ein Transport-Management-System bietet a. hartrodt daher automatische CO2-Berechnungen an. Damit lässt sich die Umweltfreundlichkeit von Transportketten transparent bewerten.
Als Basis für das ESG-Reporting hat das Unternehmen gemeinsam mit der Kanzlei Möhrle Happ Luther eine Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt. „Dabei haben wir festgestellt, wie nachhaltig wir bereits agieren“, sagt Fuhrberg, dessen Betrieb etwa Ökostrom und eine ressourcenschonende Büroausstattung nutzt. Die eigene Nachhaltigkeit in einem Bericht zu erfassen und zu reflektieren, schärfe das Unternehmensziel, ein grüneres Portfolio anzubieten.
CSR-Richtlinie Die „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) der EU ist seit Anfang 2023 gültig und musste bis Mitte 2024 von den EU-Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt werden – was in Deutschland bis heute nicht erfolgte. Eine Änderungs-Richtlinie, die Mitte März 2026 in Kraft trat, erleichtert die Berichtspflichten erheblich; zudem sind weit weniger Betriebe als zuvor zum Erstellen eines ESG-Berichtes verpflichtet. Diese werden jedoch auch kleinere Betriebe in der Lieferkette weiterhin oft auffordern, ihre Nachhaltigkeit darzulegen. Das deutsche Umsetzungsgesetz wird derzeit in den Ausschüssen des Bundestags behandelt.
Nachhaltigkeitsexperte Schruth möchte Berührungsängste mindern: „Es reicht, wenn ein erstes freiwilliges ESG-Reporting kompakt gestaltet wird, zehn schlanke Seiten umfasst und eine Energiebilanz sowie Informationen zur Belegschaft beinhaltet.“ Und wer jetzt Pionierarbeit leistet, kann auch positiv damit werben.
Wie ansprechend und trendbewusst das manchen gelingt, zeigt About You. Auf der Website des Hamburger Online-Händlers für Fashion und Lifestyle befindet sich unter dem Punkt „Sustainability“ nicht nur ein generelles Bekenntnis, negative Umwelt- und soziale Auswirkungen reduzieren zu wollen. About You berichtet auch konkret über das „Geschäftsjahr 2024/2025 in Zahlen“. Etwa darüber, dass das Unternehmen die Emissionsintensität seines E-Commerce-Geschäfts „auf 0,74 Kilogramm CO2 pro Bestellung gesenkt“ habe – im Vergleich zu 1,31 Kilogramm im Jahr 2019/2020.
Einher geht dieser Report mit einem Aufruf an die junge Zielgruppe: „Kaufe mit der Absicht, Dich so lange wie möglich an Deinen Stücken zu erfreuen. Gib Deiner Kleidung ein zweites Leben durch Upcycling, indem Du sie wiederverwendest oder ein DIY-Projekt beginnst.“ So wird Nachhaltigkeit zum Teil des Storytellings eines Unternehmens – und zum Tool für zielgruppenspezifisches Marketing.
