Anusha Akkina kam im Jahr 2018 vom indischen Hyderabad nach Hamburg. Wie in ihrem Heimatland trieb sie hier mehrere Jahre die Transformation im Finanzbereich bei Unternehmen voran.
Dabei stellte sie fest: „Bei Finanzen starten wir immer mit einem Rückwärtsbild und können erst nach einer aufwendigen Datenanalyse sehen, was schiefgelaufen ist.“ Das Treffen strategischer Entscheidungen für die Zukunft verursache daher bisher meist immense Consulting-Kosten.
Um das Verfahren zu beschleunigen, entwickelte sie gemeinsam mit dem Software-Experten Dmitrii Korotovskii die KI-basierte Plattform Aurelytix, die Firmen in Echtzeit und DSGVO-konform eine Übersicht über ihre gesamte finanzielle Situation gibt. Das System erkennt Anomalien sofort.
Und Finanzverantwortliche können mit den gebündelten und aufbereiteten Daten unmittelbar Prognosen und Szenarien für die Entwicklung von Umsatz, Margen und Cashflow erstellen. Wichtig war Akkina und Korotovskii, den „Record to Report“-Prozess vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zu vereinfachen.
Mit ihrem Ende 2025 gegründeten FinTech-Start-up Aurelytix zählt Akkina zu den zahlreichen Gründenden mit internationalem Background, die wichtige Impulse und Wirtschaftskraft in die Stadt bringen. „Internationale Gründerinnen und Gründer sind für Hamburg ein echter Gewinn: Sie bringen neue Perspektiven, internationale Netzwerke und Wissen über andere Märkte in die Start-up-Szene ein“, sagt Jenny Kersten, Referentin der Handelskammer-Abteilung „Gründung, Förderung und Finanzmarkt“. „So entstehen Innovationen, die von Beginn an global denken und Hamburg als internationalen Wirtschaftsstandort stärken.“
Auch Aurelytix wurde von Anfang an multilingual aufgesetzt, um das Produkt international skalierbar zu machen. „Start-up-freundlich“ sei die Hansestadt, sagt Akkina. Über die IFB Innovationsstarter GmbH erhielt das junge Unternehmen im Sommer 2026 eine InnoFinTech-Förderung über 200 000 Euro, die in die Produktentwicklung fließen wird.
Zahlen Laut dem „Migrant Founders Monitor“ 2025 der Friedrich-Naumann-Stiftung und des „Bundesverbandes Deutsche Start-ups“ wurden 14 Prozent der hiesigen Start-up-Gründenden im Ausland geboren; bei den Unternehmen mit Milliardenbewertung („Unicorns“) liegt der Anteil sogar bei 23 Prozent. Nur 17 Prozent der zugewanderten Gründenden sehen die Rahmenbedingungen für Fachkräfteeinwanderung als gut. 55 Prozent erkennen eine wirklich positive gesellschaftliche Offenheit. 45 Prozent bewerten ihr internationales Netzwerk positiv – gegenüber 32 Prozent hiesiger Start-up-Gründender insgesamt.
Erste Informationen zu diesem Programm bekam sie bei der Anlaufstelle „Startup City Hamburg“. „Für mich war die Gründung ein komplett neuer Prozess, und ich hatte viele Fragen. ‚Startup City Hamburg‘ hat mir zum Beispiel bei der Kostenkalkulation geholfen. Und ich habe mich im Netzwerk austauschen können“, erzählt Akkina.
In einem Leitfaden für internationale Gründerinnen und Gründer gibt „Startup City Hamburg“ eine Reihe von Tipps – von der Art des erforderlichen Visums über Beratungsstellen bis zur Geschäftskonto-Eröffnung. Außerdem werden die „Top drei Hürden für internationale Entrepreneure“ erläutert: Bürokratie und Sprachbarrieren, Finanzierung und Finanzplanung sowie Aufbau eines Netzwerkes.
Netzwerke bilden
Gründerinnen wie Anusha Akkina bereichern das wirtschaftliche Hamburger Ökosystem auch dadurch, dass sie mit ihren internationalen Erfahrungen für frischen Wind sorgen. Laut der Finanzexpertin könnte Deutschlands Start-up-Kultur noch deutlich an Tempo zulegen.
Bürokratie und Regularien, Anwälte und Notare – all das koste Zeit und Geld. „Der Gründungsprozess zieht sich über mehrere Monate hin. Währenddessen können Wettbewerber, etwa aus den USA, schon schneller verkaufen, obwohl wir das bessere Produkt haben“, sagt Akkina. Sie hofft auf Vereinfachungen, die auch das hohe persönliche Risiko bei Gründungen minimieren.
Um innovative Ideen umzusetzen, können Netzwerke eine wichtige Unterstützung darstellen. So wie bei AiDiA: Das Hamburger Projekt fokussiert sich auf die afrodeutsche Start-up-Community, zu der auch Gründende mit Zuwanderungsgeschichte zählen. AiDiA startete als Pitch-Wettbewerb; seit 2022 hat es sich zu einer Plattform zwischen Unternehmertum, Innovation und Kultur entwickelt. Anfang September lud das Projekt erstmals zu einem „Business & Culture Fest“ mit mehr als 1500 Gästen.
„Start-ups und Unternehmen mit interkulturellem Hintergrund haben in Deutschland in den klassischen Business-Networks und auf Konferenzen immer noch einen schweren Stand und bekommen auch darüber hinaus zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit“, erklärt Lucy Larbi, Mitbegründerin von AiDiA. Dieser mangelnde Resonanzraum erschwere es Menschen aus der afrodeutschen Community, ihr volles ökonomisches Potenzial und ihre Kreativität zu entfalten.
Wie wichtig der globale Input ist, zeigt auch die neue Kategorie „International Founders“, die 2026 erstmals bei den Hamburg Innovation Awards vergeben wurde. Die Auszeichnung ging an das Software-Start-up ReductStore, das spezialisierte Dateninfrastruktur für Robotik, KI und das industrielle „Internet der Dinge“ entwickelt.
Entscheidend für eine erfolgreiche Gründung ist oftmals auch, auf Erfahrungen aus der eigenen Community zurückzugreifen. Te-Sung Bak und Shin Sven Han arbeiteten beide einst als Werkstudenten bei der Restaurant-Gruppe Bok, die der Hamburger Gastronom Shin-Won Kang erfolgreich aufgebaut hat. Dieser war in den 1970er-Jahren als Kind mit seiner Familie von Seoul in die Hansestadt gekommen.
Beratung Die Handelskammer fördert migrantische Unternehmen in Hamburg mit einer individuellen Beratung durch sprachlich und kulturell qualifizierte Fachleute – unter anderem auf Englisch, Türkisch, Dari oder Farsi. Vor-Ort-Aktivitäten dienen dazu, die Angebote der Handelskammer vorzustellen und die Mitgliederbeziehungen zu stärken. Bei Netzwerktreffen werden zudem Interessen unabhängig von der Herkunft und Nationalität gebündelt und vertreten. Mehr Informationen hier.
Heute führen Bak und Han die Kultur der koreanischen Küche als zweite Einwanderergeneration fort: Mit den Lokalen „Kimchi Guys“ in Ottensen und in der City, dem „Won Chikin“ in Eimsbüttel sowie – ganz neu – dem „Danbi“ in den Stadthöfen etablieren sie innovative Gastro-Marken in Hamburg.
Viel gelernt für ihre Karriere haben sie von ihrem Mentor Kang. „Ob Qualitätsabläufe, Schichtpläne oder Kontakte zu Einkäufern – wir konnten da sehr viel mitnehmen“, erzählt Bak. Und Han ergänzt: „Herr Kang ist auch menschlich ein Vorbild, etwa mit seinem Engagement für Obdachlose“.
Ihre Gründungen haben die beiden Gastronomen komplett aus Eigenmitteln finanziert – wobei sie mit ihrer ersten Eröffnung, den „Kimchi Guys“ in der Innenstadt im Februar 2020, direkt in die Pandemie gerieten. Da war Flexibilität gefragt: Die beiden besorgten sich E-Bikes, um Essen auszuliefern, und bedienten ihre Gäste aus dem Fenster heraus. Mittlerweile beschäftigen sie in ihren Lokalen rund 90 Arbeitskräfte. „Das ist schon eine große Verantwortung“, so Han.
Ihr Erfolgsrezept? Gerade am Anfang ganz bewusst sparen, um genug Kapital für das Wachstum des Geschäftes zu haben. Ziel ist aktuell, überregional im Großraum zwischen Hannover, Lüneburg und Kiel zu expandieren und dafür Schritt für Schritt nachhaltige Strukturen aufzubauen. Die beiden verstehen sich als Brückenbauer zwischen koreanischer und deutscher Kultur. Das Kimchi-Rezept etwa stammt von Hans Eltern. Das „Guys“ im Restaurant-Namen soll wiederum den modernen Twist der Lokale verdeutlichen. Zwei Welten, vereint in Hamburg.
