
Sie wurden als eine der Top-100-Persönlichkeiten in der Technologiebranche ausgezeichnet. Welche Zukunftstechnologie begeistert Sie am meisten?
Arungalai Anbarasu: Als Ingenieurin finde ich alle Technologien spannend, weil sie aus einer Idee etwas Reales machen. Bei den Zukunftstechnologien begeistert mich das Quantencomputing, weil es das, was früher viele Stunden gedauert hat, mit seiner Verschränkung in wenigen Minuten oder sogar Sekunden erledigen kann. Körber ist im Kern nach wie vor ein starker Maschinenbauer, deshalb dürfen wir das Physische nicht vergessen – wo die Maschinen herkommen, wie die Logistik abläuft. Ich bin fasziniert vom Zusammenspiel integrativer Technologien, die Hardware, Sensoren, Software kombinieren und mit KI anreichern.

Sie haben einen Masterabschluss in Elektroingenieurwesen und Informatik aus den USA und Karriere in US-Konzernen gemacht. Was können wir in Sachen Innovation von Amerika lernen?
Deutschland ist für hervorragende Ingenieursleistungen bekannt. Von den USA können wir vor allem in Bezug auf disruptives Denken, schnelles Prototyping und agileres Arbeiten lernen. Es gibt dort eine Kultur des schnellen Scheiterns, Lernens und Weiterarbeitens anstelle von strengen Vorschriften. Körber hat als global aufgestelltes Unternehmen hervorragende Möglichkeiten, beides zusammenzubringen – technische Exzellenz und disruptive Innovation.
Welche Rolle spielt Diversität?
Das Thema liegt mir persönlich sehr am Herzen. Geschlechtervielfalt, geografische Vielfalt, Vielfalt in Bezug auf Hintergrund und Erfahrung – all das ist aus beruflicher Sicht definitiv hilfreich. Wenn wir ein Innovationsthema lösen wollen, bekommen wir mehr unkonventionelle Ideen, wenn wir verschiedene Perspektiven einnehmen; und das Ergebnis wird immer ein besseres sein. Vielfalt ist auch für die Gesellschaft sehr wichtig. Ich habe eine zehnjährige Tochter und freue mich darauf, ihr ein gerechteres Leben zu ermöglichen.
Blicken wir von der Zukunft kurz in die Vergangenheit: Körber entwickelt seit fast 80 Jahren innovative Technologien – Ihr persönliches Highlight?
Innovation gehört schon immer zur DNA von Körber. Mein persönliches Highlight sind die leistungsstarken Präzisionsmaschinen, die wir unter anderem hier in Hamburg im Geschäftsfeld Technologies bauen und die bis zu 20 000 Zigaretten pro Minute produzieren können – das ist einmalig im Markt. Unser Team baut zudem Sensoren ein, die nirgendwo sonst zu finden sind. Das ist echte deutsche Ingenieurskunst.
In der Tabakindustrie ist Körber verwurzelt, aber die Branche hat einen Imagewandel erlebt. Welche neuen Märkte konnte das Unternehmen durch Innovationen erschließen?

Das Tabakgeschäft spielt weiterhin eine wichtige Rolle für uns, mit unseren Technologien gehen wir aber auch in andere Bereiche hinein wie vertikale Landwirtschaft oder Batteriezellenproduktion. Der Körber-Konzern hat sich schon früh diversifiziert und breiter aufgestellt, so bietet Körber inzwischen führende Lösungen für die Pharmaindustrie und die Logistik. Technologisch wachsen wir natürlich stark in Richtung Digitales.
Welche Herausforderungen gibt es bei der Umsetzung von Innovationen?
Arungalai Anbarasu, geboren 1983, aufgewachsen in Indien, studierte in den USA Elektroingenieurwesen und Informatik. Seit September 2024 ist sie als Mitglied des Vorstands der Körber AG für das Geschäftsfeld Technologies und auf Konzernebene für den Bereich Technologie und Innovation verantwortlich. Nach einem Masterabschluss am Georgia Institute of Technology machte sie beim US-Konzern General Electric Karriere. Für GE ging sie 2016 nach Deutschland, wo sie 2018 zu Baker Hughes wechselte. Bei deren Tochter Waygate Technologies war sie zuletzt Chief Technology and Strategy Officer. 2021 und 2023 wurde sie als eine der Top 100 Technology Leaders ausgezeichnet.
Körber sieht sich als Heimat für Unternehmer und betrachtet Herausforderungen auch immer als Chance. Wir bewegen uns in teilweise strikt regulierten Märkten, die Veränderungen gegenüber zurückhaltend sind. Es ist deshalb wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es in Ordnung ist, zu scheitern und daraus zu lernen Wir arbeiten daran, diese Einstellung, dieses Mindset zu entwickeln.
Welche technologischen Trends haben derzeit den größten Einfluss auf Ihr Unternehmen?
Es gibt zwei wichtige Trends. Das eine ist zweifellos die digitale sogenannte „Dark Factory“ mit einer integrierten Lösung aus Maschinen, KI und Robotern. Das andere betrifft die Pharmaindustrie, die Entwicklung hin zu Zell- und Gen-Therapien. Das wird unsere Sichtweise auf Langlebigkeit, Produktivität, Biowissenschaften verändern.
Wie identifiziert Körber Innovationsfelder und Markttrends?
Wir schauen uns Megatrends und daraus resultierende Technologietrends strategisch an, die in den kommenden zehn Jahren wichtig werden, und zwar nicht nur regional. Wir betrachten das global aus der Perspektive der USA, Europas und Asiens und versuchen, die Daten in einem Dreieck zu verbinden. Dann gehen wir einen Schritt zurück und überlegen, was wir heute brauchen, um unsere Vision „Marktführerschaft durch Technologieführerschaft“ auch in zehn Jahren noch zu erreichen. Ein wichtiger Punkt ist dabei die Zusammenarbeit mit unseren Kunden, mit denen wir viele technologische Lösungen co-kreativ entwickeln, um Innovationen voranzutreiben.

Haben Sie ein Beispiel?
Ein Beispiel ist unser Multi Segment Maker, kurz MSM, eine Hightech-Maschine für Sticks für Tabakerhitzer, die wir in enger Zusammenarbeit mit einem unserer Hauptkunden entwickelt haben. Der MSM ist modular aufgebaut, lässt sich auf spezielle Kundenanforderungen konfigurieren und ist problemlos erweiterbar – die Flexibilität des MSM ist einzigartig.
Bezieht Körber auch Feedback von Mitarbeitenden in den Innovationsprozess ein?
Ja, das ist ein wesentlicher Faktor neben der Co-Creation mit Kunden. Dass wir heute in die Batteriezellenproduktion expandieren, haben wir auch der Idee von Mitarbeitenden zu verdanken, die über unsere Maschinen nachdachten und meinten: Wir stellen sie für die Tabakindustrie her. Wie könnten wir sie für die Batteriezellenproduktion einsetzen? So war es auch mit Maschinen für Papiertrinkhalme.
Wie kommen Sie an Ideen von Mitarbeitenden?
Wir veranstalten Workshops, aber wir haben auch eine sehr offene Innovationskultur. Es gibt eine E-Mail-Adresse, an die Mitarbeitende Ideen für Innovationen senden können. Auf diese Weise bekommen wir wirklich eine Menge sehr guter Einfälle, die wir prüfen und dann schauen, ob und wie sie umgesetzt werden können.
Welcher Vorschlag hat Sie zuletzt begeistert?

Erst kürzlich kam die Idee auf, in den Medizinbereich für künstliche Gelenke zu gehen. Ein interessanter Gedanke, denn dies erfordert Hochpräzisionsmaschinen, und das können wir. Tolle Ideen für Innovationen auch außerhalb unseres angestammten Geschäfts gibt es reichlich.
Wie viele neue Ideen bekommen Sie?
Im Geschäftsfeld Technologies, das ich verantworte, sind es jedes Jahr etwa 30 bis 40 Ideen von Mitarbeitenden. Auch aus den anderen Konzern-Geschäftsfeldern erreichen mich und mein Team regelmäßig Ideen; wir sind gerade dabei, das auf- und auszubauen und den Innovationsprozess für Körber weiter zu schärfen.
Wie soll die Balance zwischen bewährten Technologien und disruptiven Innovationen gelingen?
Innovativ zu sein liegt in unserer DNA, das war und ist unser Erfolgsfaktor. Wie Sie richtig sagen, unterscheiden wir zwischen der Weiterentwicklung bestehender Technologien und Lösungen auf der einen Seite und ganz neuen, bahnbrechenden Innovationen auf der anderen. Dazu bauen wir einen zweigleisigen Innovationsprozess auf, denn disruptive Innovationen erfordern ein agileres, auf Sprints basierendes Vorgehen – versuchen, wiederholen, versuchen, wiederholen. Während die sogenannte inkrementelle Weiterentwicklung, also das stetige Verbessern unserer Lösungen, einen eher klassischen Ansatz braucht.
Wir bilden weltweit gemischte Teams mit unterschiedlichen Perspektiven.
Wie können junge Talente und Mitarbeitende, die seit Jahrzehnten im Unternehmen sind, gemeinsam innovative Technologien hervorbringen?
Wir bilden weltweit gemischte Teams mit unterschiedlichen Perspektiven. Eines unserer aktuellen Projekte ist der Design-Vereinfachungsprozess für den asiatischen Markt. Unser Team in Malaysia schaut sich beispielsweise die Filtermaschine KDF 2Neo an, wie sie einfacher konstruiert werden kann, um den Anforderungen unserer Kunden dort noch besser gerecht zu werden. Wir haben begonnen, global Ideen zu sammeln und nach Bergedorf in die Entwicklungsabteilungen zu übermitteln. Das bringt ganz neue Blickwinkel und Ideen. Wir nennen das „Reverse Region“.
Beim „Global Innovation Index 2024“ rangiert Deutschland nur auf Platz neun, führende Länder sind Schweiz, Schweden, USA und Singapur. Was macht für Sie einen Innovationsstandort aus?
Ein Innovationszentrum braucht verschiedene Dinge. Erstens muss ein Entwicklungsökosystem vorhanden sein mit Start-ups, Universitäten, Acceleratoren – also Beschleunigern von neuen Geschäftsideen – und Unternehmen, die bereit sind zu investieren. Das Zweite ist eine unterstützende Politik mit Förderprogrammen. Drittens geht es darum, einen Ort zu schaffen, dessen Arbeitskultur und -umgebung für Talente attraktiv ist. Diese drei Komponenten machen einen guten Innovationsstandort aus.
Die Körber AG ist ein internationaler Technologiekonzern mit rund 13 000 Mitarbeitenden an über 100 Standorten. In einem Kellerraum in Hamburg-Bergedorf gründete Kurt A. Körber 1946 die Hauni Maschinenfabrik, um Zigarettenmaschinen zu reparieren, und baute sein Unternehmen in den Folgejahren zum Weltmarktführer aus. 2022 wurde aus der Hauni Maschinenbau GmbH und ihren Tochtergesellschaften das Körber-Geschäftsfeld Technologies. Zu Körber gehören außerdem die Geschäftsfelder Digital (seit 2017), Pharma (seit 2002) und Supply Chain (seit 2008). Als Eignerin übernimmt die Körber-Stiftung gesellschaftliche Verantwortung und setzt sich unter anderem für Demokratie und Rechtstaatlichkeit ein.
Wo stimmt die Mischung?
Es gibt viele Orte wie Berlin, Singapur, in den USA das Silicon Valley. Aber auch Hamburg versucht, Start-ups und Acceleratoren aufzubauen. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit Vertretern der Technischen Universität Hamburg. Sie wollen eine stärker global ausgerichtete Perspektive einnehmen und mehr internationale Studierende motivieren, nach Hamburg zu kommen und ihre Ideen einzubringen. Auch die Hamburger Zukunftsstiftung verfolgt den richtigen Ansatz. Wir sind noch nicht am Ziel, aber es gibt deutliche Anstrengungen, was schon ein Schritt mehr ist als an vielen anderen Orten.
Hamburg zählt zu den Top drei der deutschen Start-up-Metropolen. Sie arbeiten seit neun Jahren in Deutschland, die meiste Zeit davon in Niedersachsen. Ist Ihnen Hamburg damals schon als Innovationsstandort aufgefallen?
Zu der Zeit habe ich im Energiebereich gearbeitet und in Hamburg zahlreiche Unternehmen kennengelernt, die viel investiert haben, ebenfalls in der maritimen Wirtschaft. Diese gezielten Investitionen fand ich sehr beeindruckend. Viele Firmen verlegen ihre kritischen Niederlassungen hierher, was ein gutes Zeichen ist. Hamburg bietet zudem ein attraktives Umfeld zum Leben, was für Ansiedlungen sehr wichtig ist. Ich wohne seit einem knappen Jahr in Hamburg und fühle mich sehr wohl hier.
Sie haben die Hamburger Zukunftsstiftung, deren Gründung die Kammer vorschlägt, angesprochen. Was halten Sie von diesem Instrument der Innovationsförderung?
Das deckt sich mit einigen Punkten, die ich bereits erwähnt habe. Es geht darum, ein nachhaltiges und zuverlässiges Ökosystem aufzubauen und zu fördern. Das ist entscheidend. Außerdem ist die Rede von Investitionen gegen den Klimawandel, in Künstliche Intelligenz und Gesundheit – alles kritische Bereiche, für die sich auch Körber sehr interessiert. Das sind die richtigen Themen für einen Innovationsstandort, und ich finde sie in der Theorie großartig. Aber der Schlüssel liegt darin, wie das Ganze gesteuert und umgesetzt wird.

Ihr Tipp, wie das gelingen kann?
Wir müssen sicherstellen, dass wir uns auf bestimmte Bereiche konzentrieren, anstatt uns zu verzetteln. Die Zukunftsstiftung kann dazu beitragen, Schwerpunkte zu schaffen, auf die sich Hamburg fokussieren kann, um sein Profil zu schärfen.
Welche konkreten Erwartungen haben Sie an die Politik, um den Innovationsstandort Hamburg international wettbewerbsfähiger zu machen?
Ich denke, es wäre hilfreich, wenn man Ansiedlungen ein bisschen vereinfachen würde, egal ob Start-ups oder größere Unternehmen. Hamburg macht bereits einen guten Job, wenn es darum geht, Talente anzuziehen und den Menschen hier einen passenden Rahmen zu bieten. Aber die Politik sollte noch mehr tun, zum Beispiel mit gezielten Subventionen für Start-ups wie in den USA oder Singapur. Sobald die Schwerpunktbereiche festgelegt sind, können die politischen Entscheidungsträger sie auch besser unterstützen.
Körber sieht sich als Heimat für Unternehmer und betrachtet Herausforderungen auch immer als Chance.
Bürokratie bremst Innovationen.
Genau das meine ich. Anstatt immer strengere Vorschriften zu erlassen, sollte man versuchen zu verstehen, was gebraucht wird, um Lösungen zu finden. Innovationen brauchen Freiraum.
Im Oktober 2024 hat das Bundeskabinett mit einer „Fachkräftestrategie Indien“ eine erleichterte Erwerbsmigration beschlossen, davon würde der Innovationsstandort profitieren. Finden Sie als gebürtige Inderin Hamburg attraktiv für indische Fachkräfte?
Beim Anwerben von Talenten muss man meiner Meinung nach zwei Aspekte berücksichtigen. Auf der einen Seite stehen die Jobchancen und erleichterte Zuwanderung. Auf der anderen Seite treffen Menschen ihre Entscheidungen aber nicht nur aufgrund von Arbeitsmöglichkeiten oder Geld. Wenn wir an das Waffenrecht in den USA denken, dann zieht Deutschlands Ansatz Menschen wie mich an. In den USA hätte ich auch eine attraktive Stelle finden können, aber ich lebe mit meiner Familie hier, weil es für meine Tochter sicherer ist. Wir reden viel über Bürokratie, Beschäftigungsmöglichkeiten, Politik, aber wir reden zu wenig über die guten Seiten des Lebens in Europa – die großartigen Lebensbedingungen, die Sicherheit. Das zieht viele Menschen an, nicht nur aus Indien.

Welchen Beitrag leistet Körber zum Innovationsstandort Hamburg? Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Anfang 2027 geplante Umzug in den Innovationspark Bergedorf?
Unser neuer Hauptstandort für das Geschäftsfeld Technologies ist ein starkes Bekenntnis zu Deutschland und Hamburg. In Zeiten, in denen andere wegziehen und woanders investieren, legen wir großen Wert darauf, hier etwas aufzubauen. Wir entwickeln einen modernen Standort auf dem neuesten Stand der Technik und wollen damit auch Talente anlocken.
Sie sollen von hier aus Innovationen im Bereich Forschung und Entwicklung vorantreiben, den Standort als Drehscheibe für Europa und die Welt stärken. Wir möchten das Erbe des Firmengründers Kurt A. Körber bewahren und weiterführen. Für uns ist es sehr wichtig, eine Brücke zwischen Tradition und Wachstum zu schlagen. Somit werden wir weiterhin eine wichtige Rolle bei Innovationen in dieser Region spielen. Das sehen wir als Verpflichtung an.
Was dürfen wir am neuen Standort an Innovationen erwarten?
Wir investieren über 200 Millionen Euro in den Neubau, der nur rund einen Kilometer Luftlinie von unserem jetzigen Standort entsteht. Die Bauarbeiten haben dieses Jahr begonnen. Als erstes Unternehmen werden wir im Innovationspark Bergedorf einen modernen, nachhaltigen Neubau beziehen und auf knapp 50 000 Quadratmetern Fläche Verwaltung, Entwicklung, Produktion und Logistik unterbringen. Dort werden wir das tun, was Körber seit fast 80 Jahren erfolgreich macht: in unseren Forschungslabors Innovationen für unsere Kunden vorantreiben und dabei auch immer wieder neue Wege beschreiten.
