Lernen für die Praxis

Bachelor Professional, studienintegrierende Ausbildung oder Abiturientenmodell: Hamburg bietet eine Reihe praxisbezogener Alternativen zu einem reinen Studium – samt gleichwertigem Abschluss.
Noch begrüßt die BHH ihre Studierenden in der Anckelmannstraße, doch zum Wintersemester eröffnet ein neuer Campus im Ausschläger Weg.
Roland Magunia/BHH
Noch begrüßt die BHH ihre Studierenden in der Anckelmannstraße, doch zum Wintersemester eröffnet ein neuer Campus im Ausschläger Weg.
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Von Felix Schoen, 10. Februar 2026 (HW 1/2026)

Muss man studieren, um Karriere zu machen? Ganz sicher nicht! Schließlich besteht auf dem Arbeitsmarkt schon heute ein weitaus größerer Bedarf an beruflich Gebildeten, und dieser Engpass könnte bis 2040 auf 195  000 Personen anwachsen, so der Arbeitsmarktmonitor des HWWI.

Lea Thomas Studentin Haspa
privat
Lea Thomas studiert seit 2024 an der BHH – und wird von der Haspa ausgebildet.

Berufliche Kenntnisse werden also immer gefragter, und auch wer ein gutes Abi in der Tasche hat, sollte nicht nur an ein Studium denken. „Man kann ja mal überlegen, ob eine Firma lieber jemanden hat, der frisch von der Uni kommt und noch nie einen Betrieb von innen gesehen hat, oder jemanden, den sie selbst ausgebildet und der ,on top‘ einen ‚Bachelor Professional‘ gemacht hat“, sagt Fin Mohaupt, Leiter des Handelskammer-Teams „Schule und Wirtschaft“.

Höhere Berufsbildung Erst die reguläre duale Berufsausbildung, dann – nach etwas Berufspraxis – die Fortbildung zum Fachwirt oder zur Industriemeisterin mit IHK-Prüfung und damit der Erwerb eines „Bachelor Professional“: Dieser von Fin Mohaupt erwähnte Weg ist gerade auch für Menschen ohne Abitur interessant, zumal der Abschluss auch zum Studium berechtigt.

Entsprechende Kurse in unterschiedlichsten Bereichen bietet die HKBiS, der Bildungs-Service der Handelskammer. Und wer sich danach zum Betriebswirt fortbilden lässt, erhält damit einen „Master Professional“. Eine attraktive, wenn auch, so Mohaupt, „leider viel zu wenig bekannte“ Option, die auch auf Führungsrollen vorbereitet. „Unser Personalchef ist ursprünglich gelernter Tischler“, sagt etwa Dr. Kamilla Zak, Leiterin des Talent Hub bei der Haspa. „Er hat danach eine Bankausbildung und später seinen Fach- und Betriebswirt in der Bank gemacht.“

Interessierte können für solche und ähnliche Maßnahmen von einem Weiterbildungsstipendium von bis zu 9135 Euro über drei Jahre profitieren. Die Handelskammer wählt die (derzeit 840) Begünstigten des Stipendiums in den IHK-Bereichen Hamburg, Hannover und Bremen aus – meist auf Grundlage der Prüfungsnote.

Ausbildung mit integriertem Studium Was aber, wenn man die Schule mit einem guten (Fach-)Abi verlässt und ein Studium mit möglichst viel Berufspraxis absolvieren möchte? Viele entscheiden sich für ein „duales Studium“. Die Vorteile: feste Gehaltszahlungen, sehr hoher Betriebsanteil. „Eine echte duale Berufsausbildung, in der praktisches Wissen nach einem einheitlichen Rahmenplan vermittelt wird, macht man da allerdings meist nicht“, erklärt Fin Mohaupt. „Der Name ,duales Studium‘ ist nett, aber missverständlich.“

Was ein Abschluss „wert“ ist, bestimmt der 2013 eingeführte Deutsche Qualitätsrahmen (DQR), der an sein europäisches Pendant (EQR) gekoppelt ist. Uni-Bachelor und Fachwirt zum Beispiel liegen beide auf Niveau 6 des DQR, Betriebswirt und Master auf Niveau 7. Trotz Gleichwertigkeit ist eine Promotion auf Basis eines „Master Professional“/Betriebswirts allerdings nicht möglich.

Ein anderes Konzept verfolgt hingegen die Berufliche Hochschule Hamburg (BHH). Junge Menschen mit (Fach-)Abitur können dort seit 2021 eine „studienintegrierende Ausbildung“ absolvieren und dabei innerhalb von vier Jahren neben dem akademischen Bachelor einen dualen Berufsabschluss erwerben.

Zur Auswahl stehen BWL und Informatik sowie Angewandte Pflegewissenschaft (4,5 Jahre). Die Bewerbung erfolgt über das jeweilige Partnerunternehmen. Gelernt wird vor Ort, in Berufsschulen und in der BHH, der Betrieb zahlt den Studi-Azubis die übliche Ausbildungsvergütung.

„Unsere Studierenden erhalten erhalten das Beste aus drei Welten: praktische Fertigkeiten im Ausbildungsunternehmen, breites Wissen über das gesamte Berufsfeld in der Berufsschule und akademische Kompetenzen für das Berufsfeld in der Hochschule“, beschreibt BHH-Präsidentin Prof. Insa Sjurts die Vorteile des Modells. „Die Phasen an den drei Lernorten sind in zusammenhängenden Blöcken strukturiert“, erläutert BHH-Pressesprecher Johannes Noldt den Ablauf der ersten drei Jahre: rund 14 Wochen Berufsschule, 26 Wochen im Betrieb, sechs Wochen Hochschule im Jahr, außerdem Einzeltage für Seminare und Selbstlernzeiten. Dabei seien alle Inhalte aufeinander abgestimmt. „Ein Beispiel: Bei den Industriekaufleuten wird das angereicherte Lernfeld ,Absatzprozesse planen, steuern und kontrollieren‘ an der Berufsschule absolviert – und an der BHH als Studienmodul ,Marketing und Absatz’ anerkannt.“

Die enge Verzahnung von Studium und Ausbildung hat etwa Lea Thomas überzeugt. „Die Inhalte aus den Vorlesungen und der Berufsschule kann ich direkt im Arbeitsalltag anwenden. So wird das Studium für mich sehr alltagsnah und greifbar“, sagt die 21-Jährige, die ihre Ausbildung bei der Haspa im August 2024 begonnen und auch vom Azubi-Wohnheim YUL profitiert hat.

Zak_Kamilla_Neu
Haspa
Kamilla Zak ist Talent-Hub-Leiterin bei der Haspa.

Die Haspa ist eine der mehr als 250 BHH-Partnerfirmen; neben 350 „klassischen“ Azubis bildet sie derzeit rund 80 BHH- und 20 HSBA-Studierende aus. „Bei uns machen alle eine Ausbildung zum Bankkaufmann“, erläutert Talent-Hub-Leiterin Kamilla Zak eine Besonderheit. „Wer an der HSBA studiert, muss die Berufsschulinhalte allerdings im Selbststudium lernen.“

Das ein Jahr längere BHH-Studium gibt zudem „mehr Flexibilität, um in der Haspa mal links oder rechts reinzuschnuppern oder ein Auslandspraktikum zu machen“. Und falls es mit dem Studium wider Erwarten zu viel wird, „können BHH-Studierende einfach den Exit wählen und die Ausbildung ganz normal fortführen“.

Grundsätzlich werde der Nachwuchs in der Ausbildungszeit ganz normal in der Filiale eingesetzt und erhalte zusätzlich Hospitationsmöglichkeiten. Nach drei Jahren Ausbildung (bei HSBA-Studis zwei) folge der „Deep Dive“, also eine Spezialisierung im gewünschten Bereich samt Freistellung für die Bachelor-Arbeit. Und nach erfolgreicher Prüfung bestehen für alle jungen Talente hervorragende Aussichten, weiter für die Haspa zu arbeiten, so Zak.

Bildung im Dreierpack Spannend für alle, die eine Karriere im Einzelhandel anstreben und Abi haben, ist das im Sommer 2025 gestartete „Pilotprojekt Abiturientenmodell“ des Hamburger Institutes für Berufliche Bildung und der Handelskammer. Nach einer um ein Jahr verkürzten dualen kaufmännischen Ausbildung folgt eine 18-monatige Weiterbildung zum Fachwirt – und schließlich eine Ausbildereignungsprüfung.

Bei BUDNI startet der erste Durchgang am 1. August. „Wir sind aktuell in der Rekrutierungsphase und suchen noch vier Kandidaten“, erklärt Darina Dik. Die Teamleiterin Recruiting unterstreicht die Vorteile: „Die Einstiegsvergütung entspricht der eines zweiten Ausbildungsjahres, und das Wissen für die berufliche Prüfung wird in zwei statt drei Jahren vermittelt. Die erfolgreichen Prüflinge werden wir dann im Optimalfall gleich auf die Aufgaben einer stellvertretenden Filialleitung vorbereiten.“

Ein schönes Angebot für alle also, die nach dem Abitur in die Berufspraxis einsteigen und schnell in leitende Positionen im Einzelhandel aufsteigen wollen. Lange Semesterferien gibt es zwar keine, aber dafür wird man sofort bezahlt und weiß nach der Ausbildung definitiv mehr über betriebliche Abläufe als bei einem theoriefokussierten BWL-Studium.

HKBiS Die HKBiS berät zum Abiturientenmodell und zu allen Fragen rund um Weiter- und Fortbildung, zu Seminarinhalten, Prüfungsverfahren, Kosten, Finanzierung und Förderungen. Beratungstermine finden Sie hier.

BHH An der 2020 gegründeten staatlichen Beruflichen Hochschule Hamburg erfolgte mit der gleichrangigen Verzahnung von Ausbildung und Studium an drei Lernorten (Betrieb, Berufsschule und Hochschule) eine komplette Neuentwicklung auf Basis bewährter Lehrpläne. Neben Angewandter Pflegewissenschaft und Informatik liegt der Schwerpunkt auf BWL.

Stipendium Das Stipendium der „Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung“ fördert besonders leistungsstarke dual Ausgebildete unter 25 Jahren beim Besuch von Weiterbildungsmaßnahmen oder Prüfungs-Vorbereitungskursen. Die Fortbildungen dürfen noch nicht begonnen haben, der Eigenanteil an den Kosten beträgt zehn Prozent. Anträge und Infos erhalten Sie hier.


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