Perspektiven bieten

Die Ausbildung von Jugendlichen mit Flucht- oder Migrationshintergrund bietet viel Potenzial – und ist weniger herausfordernd, als manche vermuten.
Handelskammer-Präses Prof. Norbert Aust (li.) besuchte 2025 den Stand der KAUSA-Landesstelle Hamburg auf dem „Marktplatz der Begegnungen“.
Ulrich Perrey
Handelskammer-Präses Prof. Norbert Aust (li.) besuchte 2025 den Stand der KAUSA-Landesstelle Hamburg auf dem „Marktplatz der Begegnungen“.
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Von Felix Schoen, 10. Februar 2026 (HW 1/2026)

Rund 41 Prozent der Hamburger Bevölkerung sind Menschen mit Migrationshintergrund – Ausdruck der Attraktivität einer Handelsstadt, deren Wohlstand seit jeher auf ihrer Weltoffenheit beruht. Doch um den Fachkräftebedarf der kommenden Jahre zu decken, ist nicht nur weiterer Zuzug aus dem Ausland nötig. „Wir brauchen auch alle Kräfte, die hier vor Ort sind, und möchten, dass neu Zugewanderte schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden“, erklärt Armin Grams, Leiter des Handelskammer-Geschäftsbereiches „Fachkräfte und Lebenslanges Lernen“.

FotoPehlivan
KAUSA
Arzu Pehlivan, Projektleiterin der KAUSA-Landesstelle Hamburg

Die hierfür erforderlichen Maßnahmen hat die Handelskammer in einem Strategiepapier benannt, und dazu gehört auch die Investition in die Ausbildung junger Geflüchteter oder Zugewanderter. Zum Beispiel durch Sprach- und Integrationskurse. Oder eine Einstiegsqualifizierung, also ein vier- bis zwölfmonatiges, vom Jobcenter gefördertes Praktikum zum Kennenlernen von Berufen.

Oder auch Maßnahmen wie die „Ausbildungsvorbereitung für Migranten“ AvM Dual. Der zweijährige Bildungsgang richtet sich an schulpflichtige 16- bis 18-Jährige mit geringen Deutschkenntnissen und verbindet betriebliche Praktika mit integrierter Sprachförderung am Lernort und Berufsschulunterricht.

Das 2014 in Hamburg gestartete Pilotprojekt hat sich als Erfolg erwiesen: 976 AvM-Dual-Teilnehmende schlossen die Ausbildung 2024 erfolgreich ab. Mehr als die Hälfte davon (513) fanden direkt im Anschluss einen Ausbildungs-, Schul- oder Arbeitsplatz, erklärt das Hamburger Institut für Berufsbildung (HIBB), Träger der Berufsvorbereitungsschule.

„Dank der guten Berufsvorbereitung sind viele Jugendliche mit Migrationshintergrund in eine Ausbildung gekommen“, unterstreicht Armin Grams die Qualität solcher Maßnahmen. Dies hätte auch positive Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt: „Das hat die seit Jahren etwas rückläufigen Bewerberzahlen abgemildert.“

Strategiepapier Wie lassen sich Menschen mit Migrationshintergrund besser in den Hamburger Arbeitsmarkt integrieren? Mit diesem Thema befasst sich ein im Mai 2025 erschienenes Strategiepapier der Handelskammer. Es benennt die zentralen Handlungsfelder – von Sprache und Kultur bis zu Arbeitsanreizen.

Beratung ist wichtig Bei der Ausbildungsberatung und -vermittlung hilft etwa die KAUSA-Landesstelle Hamburg, ein Projekt von ASM e. V. Im vergangenen Jahr habe ASM 557 meist zweisprachige Ausbildungsberatungen durchgeführt und 111 Jugendliche vermittelt, so Arzu Pehlivan. Dafür arbeite die Einrichtung eng mit der Jugendberufsagentur und der Handelskammer zusammen.

„Aber wir gehen vor allem in migrantische Communitys, geben mehrsprachige digitale Info-Abende für Eltern und nutzen intensiv unsere Unternehmensnetzwerke.“ Zu den weiteren Aktivitäten von ASM zählen etwa auch ein umfangreiches Ausbildungscoaching zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen oder die Vermittlung an Rechtsberatungsstellen wie die „Law Clinic“ der Bucerius Law School.

Die Ratsuchenden bringen dabei ganz unterschiedliche Voraussetzungen und Probleme mit. „Viele sind in den vergangenen zehn Jahren eingereist, das Sprachniveau reicht von A2 bis B2“, sagt Pehlivan. „Aber etwa 60 Prozent der Menschen, die wir beraten, sind hier geboren. Die können meist perfekt Deutsch, aber sind oft schulmüde und haben dann vielleicht 120 Fehlstunden. Oder sie haben die Schule verlassen und ein paar Jahre gejobbt. Dann kommen sie zu uns und sagen: ,Ich will heiraten, ich brauche einen festen Job, was kann ich tun?‘ Manchmal müssen wir auch erklären, dass man als TikTok-Influencer vielleicht nicht die besten Chancen hat…“

Chancen im Einzelhandel Illusionen oder Schulfrust lassen sich am wirkungsvollsten bekämpfen, wenn reale Perspektiven geboten werden – und hier kommen die Betriebe zum Zug. „Auch bei Menschen ohne Schulabschluss oder mit schlechten Deutschkenntnissen sagen manche Unternehmer: Ich nehme den, ich brauche den, ich gebe ihm eine Chance“, freut sich Pehlivan.

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Felix Schoen
Mohammad Asef Najafi (li.) ist einer der Auszubildenden von Murat Akpınar, der die Jet-Tankstellen auf der Veddel und in der Amsinckstraße betreibt.

Das lohne sich meist für beide Seiten. „Es ist unglaublich, wie diese Jugendlichen aufblühen! Berufsmotivation ist eine der wichtigsten Motivationen, die es gibt, und die Jugendlichen entdecken dann andere Potenziale an sich, gehen vielleicht anders mit Kunden um, werden selbstständig und bereichern das Team.“

Rund 85 Prozent der von KAUSA vermittelten jungen Menschen finden eine Lehrstelle im Einzelhandel. Zum Beispiel bei Murat Akpınar, der seit 2009 die Jet-Tankstellen auf der Veddel und in der Amsinckstraße betreibt: „Seit ich 2012 meinen Ausbilderschein erworben habe, haben wir rund 50 junge Menschen ausgebildet“, berichtet der Unternehmer, der 1996 aus der Türkei nach Deutschland kam. „Da waren alle möglichen Nationen dabei.“

ASM Die 2007 gemeinsam mit der Handelskammer gegründete „Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten e. V.“ unterstützt Unternehmen und Existenzgründungen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte. In Projekten fördert sie etwa die Qualifizierung von Frauen oder die Integration von Familien. Außerdem bietet sie unter anderem einen Azubi-Stammtisch, berufsvorbereitende Trainings („WorkExperience mit Sprach- und Betriebstraining“), berät und vermittelt migrantische Auszubildende (KAUSA).

Für Akpınar sei wichtig, ob jemand tatsächlich Interesse habe und sich engagiere. „Zu Anfang bieten wir den Jugendlichen meist erst einmal ein Praktikum an oder eine Einstiegsqualifizierung an, bis zu sechs Monate. So sehen sie auch, wie es bei uns ist und ob es ihnen gefällt.“

Gutes Deutsch sei dabei anfangs nicht entscheidend: Dank des ständigen intensiven Kundenkontaktes im Tankstellenshop seien die Sprachprobleme meist bald bewältigt, bei Bedarf organisiere er auch Sprach- und Nachhilfeunterricht, etwa über ASM.

Generell sei es ihm wichtig, ein offenes Ohr für Probleme zu haben: „Wir erleben oft, dass sich Jugendliche nicht konzentrieren können, weil sie sich Sorgen machen. Weil in ihrem Heimatland Krieg ist und sie Angst um ihre Familie haben. Oder weil sie Angst haben, zurückkehren zu müssen.“

So wie Mohammad Asef Najafi, den Akpınar seit einem Jahr zum Verkäufer ausbildet. „Ich bin von Afghanistan über den Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland geflohen“, erzählt der 28-Jährige. „In Griechenland war ich zu Covid-Zeiten mit Zehntausenden anderen im Flüchtlingslager untergebracht. In Deutschland habe ich keinen Aufenthalt gekriegt, ich soll nach Griechenland zurück.“

Auch dank des Engagements von Akpınar gelang es ihm, eine „Ausbildungsduldung“ zu erhalten: Bis Ende 2026 ist Mohammad Asef Najafi voraussichtlich vor einer Abschiebung geschützt. „Ich hoffe, dass ich danach noch ein Jahr mit einer Ausbildung zum Kaufmann dranhängen kann“, sagt er. „In Afghanistan oder Griechenland hätte ich keine Chance.“

Chancen zu bieten, ist für Akpınar selbstverständlich. „Ob die Azubis sie nutzen, ist natürlich eine andere Sache. Aber Deutschland braucht diese Jugendlichen.“ Die schnelle Erteilung eines sicheren Aufenthaltsstatus würde jedenfalls nicht nur Mohammad Asef Najafi Sicherheit geben, sondern auch Murat Akpınar, der in ihn investiert. Arzu Pehlivan bringt es auf den Punkt: „Wir haben zwar alle eine unterschiedliche Vergangenheit, arbeiten aber tagtäglich an einer gemeinsamen Zukunft.“


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