Pillenpuffer gegen Lieferlücken

Eine Reihe spezialisierter Betriebe sichern in Hamburg die Versorgung mit Arzneimitteln. Die Abhängigkeit von Importen aus Fernost bleibt groß, aber Notfalllager federn Risiken ab.
Das Pharma-Logistikzentrum von SERVANTIS in Jenfeld bietet rund 5000 Quadratmeter Lagerfläche mit verschiedenen Temperaturzonen.
Vivatis Arzneimittel GmbH
Das Pharma-Logistikzentrum von SERVANTIS in Jenfeld bietet rund 5000 Quadratmeter Lagerfläche mit verschiedenen Temperaturzonen.
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Von Kerstin Kloss, 2. April 2026 (HW 2/2026)

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Engel Apotheke
Sven Villnow, Inhaber der Engel-Apotheke in St. Georg

Die verordneten Blutdrucktabletten sind nicht lieferbar, Sven Villnow muss mit der Ärztin eine Alternative abklären. Vier bis acht Stunden pro Woche sind er und sein Team derzeit damit beschäftigt, Nachschubprobleme zu managen. „Der Mehraufwand wird von den gesetzlichen Krankenkassen pro Medikament mit 50 Cent vergütet. Das ist absolut nicht kostendeckend“, erklärt der Inhaber der Engel-Apotheke in Hamburg-St. Georg.

Auch pharmazeutische Großhändler wie Vivatis Arzneimittel sind laut Geschäftsführer Sascha Hinrichsen „ständig von Lieferengpässen betroffen“. Das Unternehmen in Jenfeld versorgt Apotheken und Kliniken mit Krebsmedikamenten und immunologischen Arzneimitteln.

Einer der Gründe für die Engpässe: Der Großteil der Wirkstoffe für Generika, also wirkstoffgleiche Kopien ehemals patentgeschützter Präparate, wird in Asien produziert – vor allem in China und Indien. Laut Branchenverband Pro Generika stammen davon rund 68 Prozent aus dieser Region, EU-Gesundheitsministerien gehen teilweise sogar von 80 bis 90 Prozent aus.

Allein 47 Prozent der Produktionsstandorte für Antibiotika liegen in China. Dies schafft erhebliche Abhängigkeiten und Risiken – zum Beispiel durch zeitweilige Produktionsschwierigkeiten, Qualitätsmängel oder plötzliche Steigerungen der Nachfrage ohne Rückgriffsmöglichkeit auf Alternativhersteller. Die unsicheren geopolitischen Verhältnisse machen zudem die Transportwege anfällig.

Sicheren Transport gewährleisten

Bei der Einfuhr pharmazeutischer Roh- und Wirkstoffe sowie von Zwischenprodukten nach Europa spielt der Hamburger Hafen eine zentrale Rolle. „Wir importieren für unsere Kunden weltweit Produkte per See- oder Luftfracht nach Hamburg, übernehmen die Zollformalitäten, lagern die Ware und verteilen sie europaweit per Lkw an Großhändler“, erläutert Thorsten Eckel, CEO bei der Hanse-Service Internationale Fachspedition, die seit Januar 2025 zum Luxemburger Dienstleister Logwin gehört.

Lieferengpässe Zu den Hauptursachen für Lieferengpässe gehören laut Europäischer Kommission Produktionsprobleme (50,6 Prozent), ein plötzlicher Nachfrageanstieg (16,7 Prozent) und wirtschaftliche Gründe (11,2 Prozent). Hinzu kommen Qualitätsprobleme oder auch Lieferprobleme bei Produkten wie Papier für die Verpackung. Eine Liste aktueller Engpässe gibt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Infos und Downloads liefert auch die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. ABDA.

Die beteiligten Betriebe müssen dabei hohe Sicherheitsanforderungen einhalten. Die „Good Distribution Practices“ (GDP) regeln die Qualitätssicherung von Arzneimitteln während Lagerung und Transport, etwa die Rückverfolgbarkeit, um Fälschungen zu vermeiden und die Kühlkette einzuhalten. Vor Verunreinigungen und Qualitätsverlusten schützt eine Gefahrenanalyse, die „Kritische Kontrollpunkte“ ermittelt („Hazard Analysis and Critical Control Points“, HACCP).

Ein „entscheidender Faktor“ ist aus Eckels Sicht die Temperatur: Im 4100 Quadratmeter große Pharmalager im Stadtteil Wilhelmsburg überwachen Datenlogger die Temperatur vorschriftsmäßig in Echtzeit. Während Insulin konstant bei 2 bis 8 Grad gelagert werden muss, sind für Tabletten oder Salben 15 bis 25 Grad optimal. Lagermitarbeitende und Fahrer sind speziell dafür geschult: „Fällt im Kühl-Lkw ein Aggregat aus, muss der Fahrer das schnell wieder zum Laufen bringen und einem Notfallplan folgen“, gibt Eckel ein Beispiel.

„Man muss sich als Logistikdienstleister der Verantwortung bewusst sein, dass die Produkte über die gesamte Supply Chain niemals die vorgeschriebenen Temperaturbereiche verlassen dürfen“, betont auch Sascha Hinrichsen als Geschäftsführer von SERVANTIS Health Logistics. In Jenfeld lagert die Firma auf knapp 5000 Quadratmetern Produkte der forschenden Pharmaindustrie und Generika. Von den rund 30 Mitarbeitenden waren viele zuvor in (Krankenhaus-)Apotheken beschäftigt.

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Vitaira
Andreas Thiede, CEO und Gründer der Pharmalogistikgruppe VITAIRA Holding GmbH

Puffer federn Produktionsausfälle oder Lieferverzögerungen in Asien ab: „Wenn ein Hersteller Platzbedarf für 300 Paletten hat, reservieren wir 400“, sagt Hinrichsen. Redundanz ist für ihn „der Schlüssel, um Lieferengpässe zu vermeiden“. Deshalb hat das Logistikzentrum nicht nur zwei Kühlaggregate und unterschiedliche Internetleitungen, sondern arbeitet auch immer mit zwei Distributionspartnern, „damit selbst bei einem Achsbruch keine Ausfälle entstehen“. Qualifizierte Speditionen transportieren bestellte Arzneimittel bereits am nächsten Tag an Apotheken und Krankenhäuser.

Zurückholen der Produktion gefordert

Die Helios Kliniken, die zwei Krankenhäuser in Hamburg betreiben, sind durch ein eigenes Logistiksystem mit über 90 Lkw und 150 sonstigen Fahrzeugen auf Engpässe gut vorbereitet. Die Bereiche Einkauf und Logistik steuert der Gesundheitskonzern bundesweit zentral.

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Dirk Baumgartl/Hanse-Service
Thorsten Eckel, CEO der Hanse-Service Internationale Fachspedition

„Wichtige Produkte werden bestandsgeführt in abgestimmten Mengen gelagert, um Klinikleistungen bei externen Lieferstörungen als Puffer abzusichern“, sagt Philip Wettengel, Geschäftsführer der Helios Endo-Klinik in Altona und der Helios Mariahilf Klinik in Heimfeld.

Durch ein zentrales Notfalllager sind die beiden Krankenhäuser zusätzlich auf Extremsituationen wie eine Pandemie vorbereitet.

Andreas Thiede, der sich seit vielen Jahren in der Handelskammer für Gesundheitswirtschaft engagiert, meint allerdings: „Wir sollten aufhören, Massen von Arzneimitteln in Warenlagern zu horten.“ Stattdessen will er als Gründer von VITAIRA „die Arzneimittelproduktion wieder an den Rand von Europa zurückholen“ und in der EU ein durchgängiges Versorgungsnetzwerk aufbauen – vom Hersteller über den Großhandel bis hin zu Krankenhaus und Apotheke.

Apotheker Villnow ist seinerseits überzeugt: „Die EU sollte zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit von asiatischen Arzneimittelherstellern Fördermittel für Europas Pharmaindustrie bereitstellen und so den Bau neuer Werke unterstützen.“ Unterdessen beobachten die Beschäftigten der 355 Hamburger Apotheken laufend den Markt nicht verfügbarer Arzneimittel und nehmen Ersatzmedikamente in ihr Lager auf, um lieferfähig zu bleiben. Die verpflichtende Vorratshaltung finanzieren sie vor. Entspannt sich die Situation, müssen Pufferbestände abgebaut werden. „Das stellt eine zusätzliche finanzielle Belastung dar“, beklagt Villnow.

Resilienz „Die Gesundheitswirtschaft ist ein essenzieller Bestandteil der kritischen Infrastruktur“, erklärt das Handelskammer-Positionspapier „Gesundheitsstandort Hamburg 2040“ (pdf). Um eine sichere Versorgung mit Medikamenten im Krisenfall zu gewährleisten, müssen Politik, Verwaltung und Wirtschaft jedoch die Resilienz der Branche weiter stärken – zumal der Hafen im Ernstfall eine der zentralen Drehschreiben für Truppen- und Verwundetentransporte wäre und das Personal der Bundeswehrkrankenhäuser „an der Front benötigt würde“.


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