Hamburg versteht sich als einer der führenden Gesundheitsstandorte Deutschlands. Rund 193 600 Menschen arbeiteten 2023 in der Branche – von Kliniken und Praxen über Medizintechnikunternehmen bis hin zu digitalen Gesundheitsdienstleistern. Um ihr Potenzial auszuschöpfen, müssen jedoch einige Weichen neu gestellt werden, so das neue Gesundheitspapier der Handelskammer. Dazu gehöre auch, die historisch gewachsenen Grenzen zwischen ambulantem und stationärem Sektor zu überwinden.
Versorgung Im Jahr 2023 standen in Hamburg 12 846 Krankenhausbetten bereit – 697,3 Betten je 100 000 Einwohner, so eine Studie (pdf) des WifOR Institute von August 2025. Im EU-Durchschnitt sind es laut Eurostat rund 511. Mit 73,4 Hausärztinnen und Hausärzten pro 100 000 Einwohner (Stand: Ende 2025) belegt die Hansestadt zudem Rang zwei im Bundesvergleich.
Tatsächlich gilt das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich als stark sektorisiert. Ambulante und stationäre Versorgung unterliegen unterschiedlichen Planungs-, Zulassungs- und Vergütungsstrukturen. Fehlsteuerungen sind die Folge, wie eine Regierungskommission (pdf) zur Krankenhausversorgung schon im Mai 2024 kritisierte. Viele Operationen, die in anderen Industrienationen überwiegend ambulant erfolgen, werden in Deutschland fast ausschließlich stationär durchgeführt. Zugleich erschweren die Sektorengrenzen die Zusammenarbeit zwischen Praxen, Kliniken, Pflege und Rehabilitation.
Die Folgen harter Trennungen
Für Patientinnen und Patienten entstehen durch die getrennten Bereiche oft Brüche im Behandlungsverlauf, etwa beim Übergang vom Krankenhaus in die ambulante Weiterbehandlung. Entlassbriefe erreichen Haus- oder Facharztpraxen häufig verspätet, wichtige Befunde fehlen. Auch Anschlussbehandlungen, Reha-Maßnahmen oder häusliche Pflege lassen sich oft erst nach der Entlassung organisieren.
John Afful, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH), nennt ein weiteres Problem: „Wenn niedergelassene Ärztinnen und Ärzte eine im Krankenhaus begonnene medikamentöse Therapie im ambulanten Bereich fortführen, werden sie dafür unter Umständen von den Krankenkassen in Regress genommen.“ Solche Mechanismen, denen nur der ambulante Sektor unterliegt, erschwerten eine reibungslose Zusammenarbeit.
Korrekturen gefordert
Um die Ambulantisierung voranzutreiben, müsse man bei den Rahmenbedingungen ansetzen, die ambulante Leistungserbringer derzeit finanziell benachteiligten. „Wenn man das große ambulante Versorgungsangebot erhalten und ausbauen möchte, braucht es auch Investitionen in die ambulante Infrastruktur – nicht nur in Krankenhäuser“, so John Afful.
Zugleich fordert Afful mehr Mut zu notwendigen, auch unpopulären Entscheidungen. Als Beispiel nennt er den Beschluss zur Schließung des Wilhelmsburger Krankenhauses Groß-Sand. Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer habe hier Rückgrat bewiesen, „zu so einem Schritt ist man in der Politik aber nur selten bereit“.
Trotz massiver Proteste und Aufforderungen an die Stadt, zu intervenieren, schloss das Erzbistum als Träger der defizitären Klinik die Notaufnahme und Chirurgie bereits im Juli 2025. Ende Juni werden nun die verbliebenen Abteilungen abgewickelt. Offen bleibt, ob die Sozialbehörde ihre Absicht umsetzen kann, dort ein „sektorenübergreifendes Versorgungsangebot, das auch erweiterte ambulante Angebote vorsieht“, in Form einer Stadtteilklinik zu errichten.
MVZ als Chance Medizinische Versorgungszentren bündeln zahlreiche Leistungen unter einem Dach – und könnten damit als „One Stop Shop“ für die Patientenschaft dienen, so die Handelskammer. Ein MSZ-Netzwerk biete enorme Chancen, die ambulante Versorgung zu verbessern und zu steigern.
Auch bei der elektronischen Patientenakte (ePA), die zumindest schnelleren Datenzugriff für alle Beteiligten ermöglichen sollte, sieht John Afful Korrekturbedarf. Sie könne zwar helfen, Informationslücken zu schließen, in der Praxis sei ihr Nutzen jedoch begrenzt. Weil Versicherte selbst über die Inhalte entscheiden können, wüssten weder Krankenhaus noch Arztpraxis, ob die Infos vollständig sind.
„Da bräuchte es die ordnungspolitische Entscheidung, dass unabhängig vom Patientenwunsch wirklich alle medizinischen Informationen auf der ePA gespeichert werden.“ Andere digitale Instrumente seien besser geeignet, die Brüche zwischen den Sektoren zu überwinden: „Bei Anwendungen wie Telekonsilen halte ich Digitalisierung für sehr sinnvoll“, sagt Afful.
Medizinischer Austausch per Video
Telekonsile – also ärztliche Beratungen per Video mit integriertem Datenaustausch – sind eine Spezialität des Hamburger Unternehmens TCC Telehealth Competence Center. Mitgründer Christian Storm, selbst Intensivmediziner, entwickelt Plattformen, die Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen digital verbinden sowie Echtzeitdaten von Intensivstationen KI-gestützt verarbeiten, visualisieren und auswerten, um Behandlungsverläufe vorherzusagen und Entscheidungen zu erleichtern.
Raus aus der Klinik Rund 20 Prozent der Krankenhausbehandlungen ließen sich auch im ambulanten Bereich durchführen, schätzt KVH-Chef John Afful. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht großes Potenzial in der Ambulantisierung: Mehr als vier Millionen Operationen jährlich könnte man ambulant statt stationär durchführen – und so jeweils acht Milliarden Euro einsparen (pdf).
Während einer Konsultation können etwa Röntgenbilder, EKG-Daten oder Befunde in Echtzeit übertragen werden. „Ein Videogespräch zwischen zwei Ärzten ist nur die halbe Miete. Man muss auch medizinische Informationen austauschen können“, betont Storm.
Solche Anwendungen werden bereits in der Schlaganfallversorgung genutzt, wenn neurologische Fachkräfte per Telemedizin zugeschaltet werden. Angesichts des demografischen Wandels und des Ärztemangels werde der Bedarf auch in weiteren Fachgebieten steigen, glaubt Storm: „Es wird künftig darum gehen, dass stationäre Versorger auch ambulante Aufgaben übernehmen – und umgekehrt.“
Technisch seien viele Hürden längst überwunden. Schwieriger seien regulatorische Unterschiede zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. „Wir haben es in Deutschland mit zwei Silos zu tun, die traditionell maximal per Fax kommunizieren“, sagt Storm. Auch kulturelle Veränderungen seien notwendig. Viele Einrichtungen seien es bislang nicht gewohnt, enger zusammenzuarbeiten.
Storm ist überzeugt, dass Patientinnen und Patienten die digitale Überwindung der Sektorengrenzen via Telemedizin künftig einfordern werden, denn: „Erkrankungen kennen keine Sektorengrenzen – eine Lungenentzündung ist überall dieselbe.“
